Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Theaters
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 525 - 526 (sequence 9)
- Language
- German
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525 Samuel Meiseis: Zur Geschichte des jüdischen Theaters. 526 Zentrum Londons hat das jiddische Theater eine Heimstätte gefunden. Das jiddische Theater hat viele junge Talente gefördert. Im Laufe der Zeit sind aus ihm Schauspieler und Schauspielerinnen, Sänger und Sängerinnen hervorgegangen, deren Leistungen einen ansehnlichen Wertgrad erlangten. Die jiddische Bühne ist heute zum grossen Teil modernisiert. Gordin, Asch und Pinski schreiben Dramen im modernen Stile. Shakespeare und Schiller, Ibsen und Björnson, Hauptmann und Sudermann, Tolstoi undGorki kommen auf ihr zum Wort. Die bekanntesten Opern und Operetten—ja, selbstWagners „Parsifal" — gelangen auf ihr zur Aufführung. EINE JUEDISCHE INTERVENTION IN MAROKKO VOR FUENFZIG JAHREN.*) Von Oberlehrer Dr. Eugen Wölbe. Nachdruck verboten. Seit Jahrzehnten machen Russland, Rumänien und Marokko in Bezug auf grausame Bedrückung ihrer jüdischen Bevölkerung einander den Rang streitig. In den beiden europäischen Ländern scheint eine Aenderung dieser unsagbar trüben Verhältnisse leider im Bereich des Unmöglichen zu liegen. Mcht so in Marokko. Hier wird es den vereinten Bemühungen der europäischen Diplomatie mit der Zeit gelingen, geordnete Verhältnisse herzustellen. Dann wird auch den Juden dieses weiten Landes eine bessere Zeit erblühen. Wie heute, so stand auch vor einem halben Jahrhundert Marokko im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses. Auch damals hallte die Klage über die Rechtlosigkeit der dortigen Glaubensgenossen durch alle Lande. Ebenso gross aber war nachher die Freude, als es dem Opfermut eines Juden gelang, bessere Verhältnisse herbeizuführen. Und das war folgendermassen zugegangen; In der marokkanischen Hafenstadt Saffi war ein spanischer Zolleinnehmer nach fünftägiger Krankheit verstorben. Was das für eine Krankheit war, wusste niemand. Man sprach von Vergiftung; der spanische Konsul wenigstens nahm Vergiftung an. Als Mörder konnte nur der vierzehnjährige Diener des Verstorbenen in Betracht kommen. Warum grade der? Er war ein Jude. Gegen ihn, als Angehörigen einer fast rechtlosen Bevölkerungsklasse, konnte der Konsul die maurischen Behörden mit Leichtigkeit mobil machen. Der Knabe wurde gefangen genommen, verhört und — da er seine Unschuld beteuerte — gefoltert. Ein Geständnis, so verheisst man ihm, kann seinen Qualen ein Ende machen, und so „gesteht" er denn, der Spanier ist in der Tat vergiftet worden: elf Juden haben ihn umgebracht. Diese werden verhaftet, drei besonders Verdächtige nach Tanger überführt. Dort wird einer von ihnen sowie der arme kleine Diener ohne jedes Verfahren hingerichtet. Den beiden anderen steht dasselbe Schicksal bevor, obwohl die eingeborenen Marokkaner gegen die Hinrichtung der beiden ihrer *) Aus meinem demnächst erscheinenden Buche „Sir Moses Montefiore. Ein Lebensbild für jung und alt." Meinung nach unschuldigen Juden Widerspruch erheben. Die jüdische Gemeinde in Tanger telegraphiert an die Glaubensgenossen in Gibraltar. Diese drahten an den hochangesehenen, unermüdlichen Vorkämpfer für seine leidenden Brüder, Sir Moses Montefiore in London, und schon nach wenigen Stunden läuft folgendes Telegramm in London ein: „Der Präsident des spanischen Ministeriums gibt dem spanischen Gesandten in Tanger telegraphisch Befehl, jede weitere Hinrichtung bis nach genauester Untersuchung zu verhindern." Damit war für Sir Moses die Angelegenheit keineswegs erledigt. Die Berichte, die von den jüdischen Gemeinden in Tanger und Gibraltar bei dem Englisch- Israelitischen Gemeindebunde („Board of Deputies") einliefen, Hessen die Lage der marokkanischen Juden in höchst trübem Lichte erscheinen. Wenn Lun auch viel darauf ankam, die unschuldig in Gewahrsam gehaltenen Glaubensbrüder zu befreien, so war doch die Aufgabe wichtiger, die Juden Marokkos gegen alle fernere Willkür uud gegen weitere Gewaltakte sicherzustellen. Das konnte nur auf dem Wege persönlicher Einwirkung geschehen. Wer aber würde sich bereit finden, die Gefahren der Beise in das unzivilisierte Land auf sich zu nehmen? Wie bei dem Unglück von Damaskus 1840, wie bei der Bedrängnis der russischen Glaubensbrüder 1846 und bei der Entführung des Knaben Mortara 1858, so richteten sich auch jetzt die Blicke Israels auf Sir Moses. Er steht im achtzigsten Lebensjahre, und doch — er geht! Nicht die Mühseligkeiten der Meerfahrt, nicht Wüstensand noch Sonnenbrand schrecken ihn. In Cadix erkrankt er und muss einige Tage das Bett hüten. Auch auf der Ueberfahrt von hier nach Tanger fühlt er sich nicht sonderlich wohl. Infolgedessen muss der ihn begleitende Arzt Dr. Hodgkin umfassende Vorsichtsmassregeln für die Landung in Tanger anordnen. Wie diese schliesslich von statten gegangen ist, schildert Dr. Hodgkin in launiger Form: „Unser lieber Kapitän und seine Offiziere hatten mit Hilfe von Tauwerk und einer Matratze eine Art