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Ost und West · 1908-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1908) · p. Seite 519 - 520

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1908)
Article
Zur Geschichte des jüdischen Theaters
Date
1908-08-01
Page
Seite 519 - 520 (sequence 6)
Language
German
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519 Samuel Meiseis: Zur Geschichte des jüdischen Theaters 520 komponist und Eegisseur in einer Person. Das Goldfadensche Theater ist Schauspielhaus, Oper, Operette, Vari6t6 und Orpheum in einer Bude. Aus ebensovielen Bestandteilen setzt sich jedes Goldfadensche Theaterstück zusammen: es ist Drama, Lustspiel, Posse, Operette und Variete-Spezialität in einem Machwerk, Man wäre versucht, Goldfaden als Dichter kindisch naiv zu nennen, wenn er nicht so verdammt raffiniert gewesen wäre. Er spekulierte auf die Unwissenheit seines theaterfremden Theaterpublikums. Der Mangel an jedem künstlerischen Empfinden, der seinen Theaterbesuchern anhaftete, kam ihm zu statten, die Blosse seines dichterischen Unvermögens zu verdecken. Jedes Goldfadensche Stück war eine Vorspiegelung falscher Tatsachen, aber die Zuschauer nahmen es dankbar als bare Münze an. Er brachte Drahtpuppen auf die Bühne, sie wurden als Menschen begrüsst. Er ersann die unmöglichsten Situationen, niemand nahm Anstoss daran. Er gab die fadesten Witze zum besten, und man lachte, dass die Balken krachten. Goldfaden kannte sein Theaterpublikum. „Ick spiele für Moische und nicht für Moses," soll er einmal sehr sinnig gesagt haben. Goldfaden wusste, dass diese Ghettomenschen, mit einer bunten Phantasie ausgestattet, alles Mangelnde an seinem Werke im Geiste von selbst ergänzen werden. Es genügte, einen einzigen Baum auf die Kulissenleinwand hinzumalen, sie sahen darin einen ganzen Wald. In einem gelben zackigen Papierhut sahen sie eine glitzernde Königskrone. Wer ein Schwert an der linken Seite trug, war ein Held nach allen Eegeln der Kunst. Und wessen Leib in Lumpen und Fetzen gehüllt war, war ein Bettler aus Schnorrerland. Selten hatte ein Dichter so ein dankbares Publikum wie Goldfaden. Die Zuschauer im jiddischen Theater waren keine Nörgler und Kritiker, denen man es nie recht machen kann. Sie liessen den Dichter gewähren und glaubten ihm aufs Wort. Wenn Goldfaden erklärte, so und so sieht ein König aus, so und so benimmt sich ein Held — so stimmte es auch. Die Urteilsschwankungen dieser theaterfremden Menschen bewegten sich nur in einer Steigerung des Lobes. Sie wussten z. B. Goldfadens Stück „Das zehnte Gebot" ist gut, sein „Bar-Kochba" ist besser, aber „Sulamit" ist am besten. Bei aller Raffiniertheit besass Goldfaden einen hohen Grad von Naivität. Er war ein Lyriker zweiten Grades, und glaubte an seinen Beruf als Dramatiker. In den hunderten von Theaterstücken, die er geschrieben, hat er keinen H VERNET. LONDON. Juda und Thamar. einzigen Charakter gezeichnet, keinen einzigen lebenswahren Typus gestaltet. Könige und Helden aus der Vorzeit, sowie Typen aus der Judengasse, mit denen er täglich in Berührung kam, entwirft er mit gleich kindlicher Unbeholfenheit. Bezeichnend für Goldfadens Naivität sind seine Narren-Figuren, die in keinem einzigen seiner Stücke fehlen. Sicher an zweihundert Narren hat Goldfaden auf die jiddische Bühne gebracht, aber keinen einzigen — o saneta simplicitas! — lässt er auch nur einmal ein kluges Wort reden. Und doch wäre es in höchstem Masse ungerecht, wollte man darob das Verdienst Goldfadens schmälern. Das jiddische Theater ist nicht nur in seiner weiteren Entwicklung ein kunstbildendes und kulturförderndes Institut für die jüdischen Volksmassen geworden, sondern es war schon eine Bildungsstätte zu Goldfadens Zeiten. Goldfaden hat den Kunstgeschmack jener Kreise, aus denen sich sein Theaterpublikum zusammensetzte, durchaus nicht verdorben; denn sie hatten vor dem Erscheinen Goldfadens überhaupt keinen. Und was nicht existiert, kann man nicht schädigen. Wahr ist's, Goldfaden hat auch keinen feineren Kunstgeschmack in ihnen grossgezogen. Dazu fehlte es ihm teils an Kraft,

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