Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Theaters
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 517 - 518 (sequence 5)
- Language
- German
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517 Samuel Meiseis: Zur Geschichte des jüdischen Theaters. 518 REMBRANDT. Juda und Thamar. „Kunst" nicht aufkeimen zu lassen. Und doch sind diese Sängertruppen, die bereits neben verschiedenen Couplets, burlesken Liedern und gereimten Zoten auch kleinere Einakter aufzuführen pflegten, höchstwahrscheinlich die unfreiwilligen Anreger zur Schaffung einer „jiddischen" Bühne gewesen. Das Jahr 1877 war das Geburtsjahr des jüdischen — richtiger: jiddischen -- Theaters. Das Geburtsland: Rumänien. Die Geburtsstadt: Jassy. Der Schöpfer: ein ehemaliger Rabbinatskandidat aus Zytomir. Die ersten Sänger-Schauspieler: gewesene Kommis, arbeitslose Handwerker, Cheder-Unterlehrer und ähnliche „Luftmenschen". Die ersten Sängerinnen- Schauspielerinnen: mit der Herrschaft unzufriedene Dienstmädchen, tanzlustige Köchinnen, arbeitsscheue Putzmacherinnen und — zum Teil — auch „Damen mit unbestimmtem Beruf. Wer die Entstehungsgeschichte der jiddischen Bühne kennt, wird den Zweifel an der Existenz Thespis' und seines Karrens unberechtigt finden. In Abraham Goldfaden, dem Schöpfer der jiddischen Bühne und Erfinder des jiddischen Dramas, hat Thespis seine Auferstehung gefeiert. Und Goldfaden war pietätvoll genug, von seinem Vorgänger auch den mühbeladenen Karren mit zu übernehmen. Und er schob ihn tüchtig vorwärts: von Jassy nach Botuschani, von Botuschani nach Galatz, von Galatz nach anderen Städten in Eumänien, und schliesslich nachBukarest. DieZeitumstände waren dem Goldfadenschen Unternehmen sehr günstig. Der russisch-türkische Krieg lockte viele jüdische „Podratschiki" (Lieferanten) nach Bukarest, und diese begrüssten das jiddische Theater mit heller Begeisterung. Da hatten sie wenigstens in der fremden Stadt einen Ort gefanden, wo sie am Abend zusammenkommen und sich für ein paar Rubel etwas Rührseliges gemischt mit Lachpillen verschaffen konnten. Goldfaden machte glänzende Geschäfte. Das jiddische Theater war nunmehr eine feststehende Tatsache. Mit der Schaffung der jiddischen Bühne hat sich Goldfaden ein bleibendes Verdienst erworben. Er schuf ein Institut, das zu einem der mächtigsten kulturfördernden Faktoren unter den Juden des Ostens geworden ist. Je weniger wir dem Dramatiker Goldfaden gewogen sind, um so mehr erfüllt uns der Theaterschöpfer mit Bewunderung. Mit einem unbeugsamen Willen schritt er an sein Werk. Er entwarf den Plan und führte ihn aus. Er war der Vater des Gedankens und der Mann der Tat. Er schuf die Bühne und das Repertoire für sie; er schrieb im ersten Jahre nicht weniger als sechzehn Melodramen und die Musik dazu; er erteilte seiner „Künstlerschar4' dramatischen und Gesangsunterricht und machte sie bühnenfähig . . . Freilich, die Bühne, die Stücke, das Spiel — alles taugte nichts; aber es hätte nicht mit rechten Dingen zugehen müssen, wäre es anders gekommen. Ein Mann, der seine geistigen Kräfte hundertfach zersplittert, kann unmöglich etwas Einheitlich-Grosses schaffen. Die unheimliche Vielseitigkeit des Schöpfers haftet auch seiner Schöpfung an. Goldfaden ist Theaterbegründer, Theaterdirektor, Dramendichter, Lieder- WIEN. Rcmbrandt: Jakob die Träume Josefs anhörend.