Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Theaters
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 513 - 514 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583976-2598513--08570-2598611- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
513 Samuel Meiseis: Zur Geschichte des jüdischen Theaters 514 Gelegenheit entgehen, über das Griechentum das Verdammungsurteil zu sprechen. Wie die meisten Erzeugnisse Hellas*, galt ihnen aucli das Theater als eine Giftpflanze, die dem Geist des Judentums verhängnisvoll werden könnte. Sie stellten es daher als ein Satanswerk hin; sie warnten die Bevölkerung vor dem Besuch des Theaters. „Der Aufenthalt der Spötter" — nennt es ein Kabbi. Ein zweiter urteilt noch schärfer: „Wer das Theater besucht, macht sich des Götzendienstes schuldig." Der Midrasch Eabbah legt Ruth, der Stammmutter des Davidischen Geschlechts, den sonderbaren Ausspruch in den Mund: „Es gehört nicht zu den Gewohnheiten der Töchter Israels, die Theater zu besuchen." Derselbe Midrasch zu Genesis weiss uns sogar die amüsante Geschichte zu erzählen, die Frau des Potiphar habe, um mit Josef allein zu bleiben, ihren Herrn Gemahl mitsamt dem Hausgesinde ins Theater geschickt denn „es war gerade — ipsissima verba — jom teatron, ein Theatertag." . ... Es ist schwer zu entscheiden, ob die Rabbinen wirklich der Ansicht waren, dass bereits zu Zeiten Josefs in Aegypten Theater waren oder ob sie mit dieser Anspielung dem griechischen Theaterwesen einen Seitenhieb versetzen wollten. Zu allerhand Betrachtungen gibt dieser merkwürdige Ausspruch reichlich Anlass. Mit der Auflösung des zweiten Reiches und mit der daran sich knüpfenden Verbannung verschwindet die Frage, ob es ratsam für die Juden sei, ins Theater zu gehen oder nicht. Nunmehr C. P. BERCHEM. hatten die Juden an viel Wichtigeres zu denken als an das Theaterwesen oder an die Theaterbesuche. Das jüdische Theater lag in Trümmern; sie hatten es wahrscheinlich, noch bevor der Feind ins Land eindrang, selbst demoliert; sie hatten auch keinen Grund, ihm eine Träne nachzuweinen. Denn ein wirklich jüdisches Theater hatte es ja in Judäa nie gegeben; es war bloss ein hellenisiertes, auf palästinensischen Boden verpflanztes Unding, das wert war, dass es zugrunde ging. In der ganzen langen Zeit der Zerstreuung sehen wir nirgends ein jüdisches Theater entstehen. In den jüdischen Geschichts- und Literaturbüchern ist nichts enthalten, was auf die Existenz einer jüdischen Bühne hinwiese. Die dürftigen Quellen, die etwas über diesen Gegenstand mitteilen, besagen nur, dass im dritten Jahrhundert nach der Zerstörung Jerusalems unter den Juden eine völlige Entfremdung vom Theater eingetreten sei, und dass in den Zeiten der Geonim in Babylon alljährlich am Purimfeste ein „Hamanspiel" aufgeführt zu werden pflegte, wobei „Hamanpuppen" auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Weder in Spanien noch in Frankreich noch in Italien scheint es je eine spezifisch jüdische Bühne gegeben zu haben. Mur in Deutschland, wo die ersten Anfänge zur Schaffung einer jüdischdeutschen Literatur gemacht worden sind, entstanden anfangs des achtzehnten Jahrhunderts einige Komödien in jüdisch-deutscher Mundart, die in mehreren Grossstädten wie Frankfurt a. M., Hamburg usw. zur Aufführung gelangten. Es waren zumeist Karnevalspossen, Hanswurstiaden, in denen Pickelhering die Hauptfigur bildete. Im Jahre 1710 erschien in Frankfurt a. M ein Theaterstück „Die Verkaufung Josephs", das einen gewissen Beermann aus Limburg als mutmasslichen Autor nennt Dieses Stück wurde von jüdischen Wanderstudenten, Beth-hamidrasch- Bachurim, aus Hamburg und Prag „mit ausserordentlichem Aufwand von D ekorationen, Mas chi nerien und sonstigen szenischen Effekten" aufgeführt. Ein „Aehaschwerosch-Spiel" fiel sogar einer strengen „Theaterzensur" zum Opfer. Diese Theaterzensur übte kein geringerer als der Vorstand der Frankfurter jüdischen Ge- Laban und Jakob auf dem Felde. MTENCHEN. meinde: er untersagte die