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Ost und West · 1908-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1908) · p. Seite 507 - 508

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1908)
Article
Der Patriarch Jakob in der bildenden Kunst
Date
1908-08-01
Page
Seite 507 - 508 (sequence 5)
Language
German
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507 G. Kutna: Der Patriarch Jakob in der bildenden Kunst. 508 aber wird damit die von Isidor von Sevilla stammende Lehre ausgedrückt, durch das Mysterium des Kreuzes werde der jüngere (Heidentum) dem älteren Bruder (Judentum) vorgezogen. Glasfenster der Kathedralen von LeMans und Tours haben den Segen in dieser Bedeutung neben der Witwe von Sarepta, die kreuzförmig die Holzstücke in der Hand hält. In Bourges ist die Szene als erste einem Fenster aufgesetzt, ähnlich in Chartres, wo Jacob wie der salvator mundi im Nimbus dasitzt. Unter den Darstellungen der neueren Zeit ist ein Bild von Jacopo Carrucci da Pontormo „Josef und seine Sippe in Ägypten'1 (Nat.-Gal., London) durch seine konfuse Seltsamkeit bemerkenswert. Links neigen sich Leute bettlerisch A'or einem König an einem Hauseingang, in der Mitte drängen sich bizarre Gruppen bettelnden Volkes, und nackte Kinder spielen. Rechts werden die Kinder Josefs eine Treppe hinaufgeführt, wo sie dann dem segnenden Grossvater ans Sterbebett gebracht werden. Eines der wunderbarsten Werke aller Kunst ist Rembrandts „Segen Jacobs" in Kassel. Die Farbe ist in stillem Glänze zur Toneinheit verschmolzen und bei aller Kraft und Lebendigkeit von ruhiger, leisester Sinnigkeit. Die Valeurs sind berauschend in ihrer Schönheit, lösen aber ihre Sonderreize auf und münden in den grossen Weiheklang des Ganzen. Darin leuchtet die Vision auf. Geheime Pforten tun sich auf, tief nach innen leitend, in entlegene Geborgenheit, und edle Schimmer leuchten, und die grosse Stille atmet. Hinter den Pforten tief erscheint das Phänomen des Menschen, in drei Lebensalter abgestuft, und ohne diese Skala der ganze Mensch als einheitliches Mysterium. Nimmer geahnt erscheint uns der Mensch, denn wir haben nicht ge- RAF AE LSCHULE. Jakob und Rahel am Brunnen. VATIKAN. RAFAELSCHULE. VATIKAN. Der Streit Jakobs mit Laban. wusst, dass Herz und Liebe seine einzigen Organe sind. Diese Wesen sind von Anbeginn geweiht, und nichts darin ist Ideal, alles pure Wirklichkeit. Der alte Mann liegt da, tastet noch einmal matt ins Leben hinein, und irgendwo wartet der Tod. Nun wird er seinen Segen geben, ins Kissen zurücksinken, und sein Leben hat die letzte Vollendung. Wie die Wunderblume, die sterbend ihren schönsten Duft ausatmet, wrie in den Lebewesen, die tot hinsinken, wenn sie ihrer Brut das Leben bereitet, so offenbart sich hier das grosse Geheimnis der Natur. Nun mag er ruhig sterben, zu den toten Yätern versammelt werden, da sein Segen weiterlebt. Nur noch diese eine Bewegung des Segens, dann mag es kommen. Wie zart, wie leis in Zärtlichkeit ist diese Bewegung, zitternd vor Alter uud mehr noch vor Liebe. Diese Bewegung ist das Zentrum, alle Augen, alles Sinnen und alle Seelen treffen sich darin. An den Eltern vorbei senkt sich der Segen auf die Kinder, sie stehen wie ein Wall aus Liebe um sie, neigen den Kopf und hüllen sie in eine Atmosphäre von Zärtlichkeit. Und in dieser Hülle sind die Kinder, von Andacht berührt und so ganz voll Leben. Was einem am liebsten ist in der Welt, an das denkt man davor, und wen man am meisten lieb hat, mit dem möchte man davor stehen, seine Hand fassen und schweigen. Und hat man lange darauf geschaut, man erkennt sich nicht wieder. Das Moment der Erstgeburt hat Rembrandt als etwas äusserliches nur mit zarter Delikatesse angedeutet. Jan Victoors (Budapest) hat es, weniger auf Innerlichkeit bedacht, in den Vordergrund gerückt. Der Greis ist im Begriff, die Hände gekreuzt auf die Häupter der Kinder zu legen, da fasst der elegante Edelmann hastend die Hand des Vaters, ihn auf den Irtum aufmerksam machend. Der ältere blonde Knabe blickt auf, der jüngere dunkle sieht, in demütiger Erwartung die Hände gefaltet, nach unten. Das Mobiliar ist, nicht ohne Buntheit, stillebenartig betont. Doch zeigt der an Rembrandt geschulte Holländer immer noch Verständnis für die Intimität des biblischen Geistes, der

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