Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Tagebuch-Blätter
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 489 - 490 (sequence 4)
- Language
- German
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480 Dr. A. Coralnik: Tagebuch-Blätter. 490 Und unter der Erddecke glomm die Flamme — bis die Stunde kam . . Die Gefahr ist jetzt gekommen. Und vierzigtausend Juden folgten hinter der Bahre, auf der man die Flammenrolle zur Ruhe trug — auf dass sie im verborgenen, in stiller Heiligkeit glimme. Kommt noch die Stunde, wo sie wieder vulkanartig aus dem Boden hervorbrechen wird, Feuergarben in alle Welt sprühend, leuchtendes, sengendes, schmelzendes Feuer?---- * * V. Theodor Herzl. (Zu seinem Todestage am 18. Juli.) Die einen sagen: er ist schon gekommen, die andern aber sagen: er wird erst kommen. Diese sagen: es war und es ist — die andern aber sagen: es wird sein. So war es immer, seitdem die jüdische Kultur zu den anderen in Gegensatz getreten ist. Die Griechen sangen jährlich in ihren dionysischen Mysterien Trauerlieder um den toten Dionysos, den Welterlöser, um dann dem wiederauferstandenen entgegenzujauchzen — die Juden haben seit allem Anfang das Wort geprägt: „Am Ende der Tage." So waren sie immer Menschen des Zukunftswillens, die alle Herrlichkeit in das Kommende verlegten, in Hoffnungen alle Wünsche verwandelten. Denn ein Wunsch ist von der Hoffnung verschieden. Jener hat das Gegenwartsmoment in sich, drängt auf sofortige Erfüllung, diese ist passiver, harrt aus. Wollen kann jeder Mensch, der denken kann — hoffen kann nur der, der in sich tiefe, vielleicht unbewusste, nie zum Yorschein gekommene, oder auch erkannte und gefühlte Kräfte, Reservekräfte hat. Wollen und denken ist ein und dasselbe, sagt Spinoza. Aber Hoffen und Denken ist nicht dasselbe. Denn Denken ist Aktualität, Hoffen übersteigt alle Grenzen, lässt weite Möglichkeiten frei. Ein Wille kann falsch sein, eine Hoffnung nie. Denn sie ist ausserhalb der Wirklichkeit. Aus diesem inneren Gegensatze erklärt sich die Persönlichkeit und die tiefe Tragik der Erscheinung Theodor Herzls. Er war der Wille des jüdischen Menschen — cogitatio et voluntas. Er war der verstehende Gegenwartssinn, die klare Erkenntnis seines Volkes — und das war seine Macht. Dadurch hat er eine so gewaltige Suggestion ausgeübt, Seelen bezwungen. Er kam und sah, wie der „Aegypter den Juden schlage44, er hörte das „Blut seiner Brüder zum Himmel rufen'4, und es erwachte in ihm der mächtige Wille, dass es anders werde. Und er schuf — was er schuf. Was ihm aber fehlte — war die Hoffnung, die grosse transzendente Hoffnung des Judentums. Nennt es Glauben, wenn Ihr wollt, nennt es Eomantik — aber es ist der seelische Unterton unseres jüdischen Lebens. Wer ihn überhört, versteht vielleicht den ganzen Rhythmus unseres Lebens nicht. Und unser Leben hat seinen Rhythmus, sogar einen ureigenen, tiefer und mächtiger als man glaubt. Als Herzl auftrat, als im Judentum eine neue heisse Welle des Glaubens an sich selbst aufstieg, da kamen Narren und sagten: „Was, Ihr wollt die Zeiten von Sabbatai-Zwi wiederbringen!44 Sie waren Narren mit ihrem ängstlichen Geschrei. Sie waren Narren, denn sie wussten nicht, dass es das Glück des jüdischen Volkes wäre, noch einmal eine Zeit zu erleben, wie es die von Sabbatai-Zwi war. Fraget nicht nach dem Ende. Was liegt daran? Wars denn an der Erscheinung nicht genug? War es denn nicht genug, dass es denen von Smyrna und Salonichi, von Amsterdam und Polen vergönnt war, das einzige grosse Gefühl zu haben, in den Fusstapfen Messias7 zu wandeln? Nicht umsonst hat diese Hoffnung solange nachgezittert, denn sie war die grosse Hoffnung des Judentums. „Einen neuen Himmel und eine neue Erde" — so ist der Traum des Judentums gestaltet, aus Fäden des Unendlichen ist er gewoben. Nicht Nehemia und Serubabel haben die erste historische Erlösung gebracht, sondern Esrah; Esrah, der die Thora zum zweitenmal gegeben hat, denn er hat an den Pfosten der Ewigkeit gerührt. Sabbatai-Zwi wollte zum drittenmal die Tore öffnen. Und als er das richtige Wort nicht gefunden hat, da ist er unterlegen. Warum sollen wir es nicht sagen? Nicht dass er es wollte, war seine historische Sünde, sondern dass er es nicht getan hat. Theodor Herzl war vielleicht die grösste jüdische Persönlichkeit der letzten Generation. Er war der Einzige, der klar sich ein Bild davon machte, was er wollte. Und er war der Wille des Judentums, der auf einmal zum Durchbruch gekommen ist. „Der Wille ist die Wurzel der Bildnis." Diesen Satz Jakob Böhmes kann man auf Herzl und sein Werk anwenden. Es war wahrlich eine Freude, in seiner Zeit zu leben, so zu wollen, wie er. Alle Eiskrusten des Zweifels und der Yerzweiflung waren geschmolzen, alle Sehnsucht löste sich in einem klaren, verständlichen, naheliegenden Ziele aus. „Voluntas atque intellectus unum atque idem". — Das Bewusstsein, dass das Judentum jetzt, in unseren Tagen, durch unsere Kräfte das Jahrtausende lang angestrebte, ersehnte Ziel erlange, war überwältigend, grandios. Nur eines fehlte zum grossen Enthusiasmus — die transzendente Hoffnung. Toller Rätsel starrt uns das Judentum an und drängt auf Lösung und Befreiung, das Wort will neu werden, der Boden sich auffrischen und der Horizont sich erweitern, die Gegenwart sucht eine neue Brücke zur Vergangenheit zu bauen, anstatt der abgebrochenen. Hätte Herzl dieses Wort sagen können, er wäre der Erwartete geworden. Er hat es nicht gesagt -- und er blieb ein Vorläufer, ein Verkünder des Kommenden. Sein grosses, unvergängliches Verdienst wird bleiben, dass er in einer Zeit des drohenden Verfalls gezeigt hat, dass der