Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Tagebuch-Blätter
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 491 - 492 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583976-2598502--08538-2598600- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
491 Dr. A. Coralnik: Tagebuch-Blätter. 492 Wille des Judentuirs noch im Verborgenen lebt, dass er, wenn auch gebrochen, sich wieder aufraffen kann. Er hat keine neuen Wege und keine neuen Möglichkeiten gezeigt, unsere Volksseele nicht um eine Nüance bereichert. Aber wohl um einen neuen Typus des grossen Jaden. Einer nach dem andern lösten sich die heroischen Typen im Judentum ab. Zu allererst war es der Priester, der Heilige, innerhalb einer Kaste, nicht als Persönlichkeit über alle anderen erhaben, sondern als Mitglied einer bestimmten heiligen Gemeinschaft, Wahrer der uralten Tradition. Dann kam der Typus des Propheten. Der lebendige Protest gegen das Priestertum. Nur Persönlichkeit, nur Eigenwert. Es kam mit dem Propheten ein neues Element zur Entwicklung — des isolierten, auf sich gestellten Gottesmenschen. Im Trubel der Zeiten ging der Prophet zu Grunde und an seine Stelle trat der Weise, der Gelehrte, der „Gaon" in allen Formen und Gestalten. Was immer einer war, wenn er je im Judentum gelten wollte, so musste er ein Gelehrter sein. Der Gelehrte wurde der Lehrer des Volkes, der Führer der Generation, der „Exiiarch". Und als die Thora in Vergessenheit zu geraten begann, da verlor auch der Gelehrte seinen Vollwert — und trat den ersten Platz dem Reichendem Eintlussreichen, dem Starken, dem „Nagid" ab. Mit Herzl kam ein neuer Typus in das jüdische Leben — der Staatsmann. Was ist ein Staatmann? Einer, der die Interessen der Gemeinschaft zu seinem Lebensinteresse macht, der nur dank seinem Willen, seiner eigenen Kraft, seiner klaren Einsicht in die Verhältnisse und seinem Plane für die Zukunft Macht und Autorität sich erringt, der die übrigen Menschen zwingt, ihn anzuerkennen. Herzl war in diesem Sinne der wirkliche, der einzige jüdische Staatsmann, denn er war der Einzige, der einen so klar konzipierten Plan einer jüdischen Zukunft hatte. Er war der Einzige, der es verstanden hat, nur durch seine Persönlichkeit Autorität im Volke zu erlangen. Hat er dieses sein Volk wirklich geliebt? Man hat mit überschwenglichen Vergleichen wahrlich nicht gekargt. Man hat Herzl mit Bismarck, mit Lissalle verglichen. Wenn ich diese vergleichende, unrichtige Methode aufnehmen sollte, so würde ich ihn schon eher mit Lassalle vergleichen. Denn sie haben beide einen gemeinsamen Zug, sie standen den Menschen ihrer politischen Partei fremd und kühl gegenüber, sie waren nur Künstler-Politiker. Für sie war ihre Politik nicht eine grosse Leidenschaft der Passe, ein Ausbruch eines Volkstemperamentes, der Zorn eines Mannes, der mit seinem Volke ein untrennbares Leben führt. Sie waren Künstler, denn sie formten ihren Stoff, der ihnen wesensfremd war, wie ein Bildhauer seine spröde Materie formt — bloss als Mittel zur Ausführung ihrer Idee. Lassalle stand zu den Arbeitern innerlich fremd, besonders den deutschen. Er war zu sehr Aesthet und zu sehr Ichmensch, um den einfachen Arbeitsmann wirklich zu lieben. Aber der Arbeiter war für ihn ein Ziegelstein im Gebäude der Zukunft. Herzl stand dem Juden als solchem, dem leidenschaftlich vibrierenden, dem Sohne des Judentums, kühl und fremd gegenüber. Ich glaube, er hat nie die innere Sehnsucht des Juden erlebt. Seine Politik war die des Wollenden und des Künstlers. Und das ist der Schlüssel zu seiner Persönlichkeit, dass er den Rhythmus des jüdischen Lebens nicht hören oder nicht miterleben konnte. Im Wesen der Kunst liegt es, dass die „Idee" grösser, tiefer, umfassender ist, als die Form. Der Formgeber, der Ausführende kommt nach dem Dichter. Auch in der Kunst der Politik. Entweder also ist der Formgeher Herzl zu früh gekommen — oder war er der Dichtende und Ausführende zugleich. Manche glauben — er sei es gewesen. Viele aber glauben in ihrem Herzen — derjenige, der den gössen neuen Enthusiasmus in das Judentum bringen wird — werde erst kommen. DER WEG Von Dr. Hug Gottfried Keller hat in einem jener Gedichte, die in der Tiefe ihrer starken Wurzelkraft und in der Höhe ihrer freien Menschlichkeit gerade dem modernen Juden ein Born der Erfrischung sind, das Wort ausgesprochen: Willst Du, o Herz! ein gutes Ziel erreichen, Musst Du in eig'ner Angel schwebend ruhn.-- Die Sehnsucht nach dieser Euhe zieht durch Arthur Schnitzlers neues Buch. „Der Weg ins Freie"*) ist der erschütternde Totensang eines *) Arthur Schnitzler „Der Weg ins Freie". Roman. Berlin, S. Fischer 1908. INS FREIE. } Bergmann. Nachdruck verboten. Geschlechtes von Juden, deren vergeblicher Kampf um eine eigene Persönlichkeit von ergreifender Schönheit ist. Und nun ihre Niederlage vollendet ist und eine neue Generation denselben Kampf auf anderem Felde begonnen hat, steigt angstvoll die Frage auf: Werden sie ihn finden, den Weg ins Freie, den Weg zu sich selbst? —-- Schnitzler hat dem leidenden modernen Juden ein Denkmal gesetzt. Sein Heinrich Beermann wird im Andenken der Neuen leben, man wird ihn nennen, wenn man von allen denen sprechen wird, die der Zwiespalt zerrissen hat: von Maimon, von Heine, von Jakobowski. In der Glut ihrer Leiden