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Ost und West · 1908-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1908) · p. Seite 487 - 488

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1908)
Article
Tagebuch-Blätter
Date
1908-08-01
Page
Seite 487 - 488 (sequence 3)
Language
German
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487 Dr. A. Coralnik: Tagebuch-Blätter. 488 einjährige Marieka die ührigen Mitsäuglinge mit den staatsgefährlichen jüdisch-revolutionären Ideen infizieren werde — kurz die 01 thodox - christliche Nächstenliebe legte die Worte des Stifters: „Lasset die Kindlein zu mir kommen" dahin aus, dass unter „Kindlein" nur die russisch-nationalen gemeint seien, aber keineswegs hilflose, wimmernde Geschöpfe, die das nicht zu sühnende Verbrechen begangen haben, von jüdischen Eltern geboren zu sein. „Denn das grösste Verbrechen des Menschen'4, zitierten sie Calderon, ihn ergänzend, „ist — als Jude geboren zu werden." — Infolgedessen wurde Marieka, die Namenlose, dem jüdischen Waisen-Comite zurückgegeben. Nun wird das Kind irgendwohin geschickt. Vielleicht wird es von reichen Leuten adoptiert, vielleicht wird es in einem gütigen, liebevollen, reinen Milieu aufwachsen, in des Lebens Sonnenseite stehen, vielleicht wird aus der kleinen Marieka ein grosses, schönes, blendendes Weib werden, dessen stahlblau, abgrundtiefe Augen zwei leuchtende Fanale sein werden, — aber eines wird an ihr haften bleiben, das Phantom einer Vergangenheit, die sie nie gekannt hat. Marieka die Namenlose! Jede Erinnerung ist ausgelöscht. Und nur die eine wird bleiben — eine Waise des jüdischen Volkes. Und sie wird wissen, dass ihre Eltern für ihr Judentum den Martertod, den grässlichen, qualvollen Tod erlitten haben, als nutzlose Opfer der menschlichen Tierheit gefallen sind, Heilige unter Tieren. Und wenn über sie die Sehnsucht kommen wird, ihrer toten Eltern zu gedenken, wird sie die alten Worte des jiidischen Märtyrergebetes wiederholen: „Für die Reinen, die für die Heiligung des Gottesnamens gefallen sind."...... * * IV. Die Flammenrolle. Am 13. d. Mts. war in der südrussischen Stadt Jekaterinoslaw ein seltsamer Aufzug zu sehen. Ein Leichenbegängnis, wie es vielleicht noch nicht gesehen worden ist, überwältigend durch die Zahl der Trauernden, grandios durch die Art des Begräbnisses selbst. Vierzigtausend Juden, Alt und Jung, gingen hinter der Bahre. Alte vergrämte und verrunzelte Judenköpfe, junge; tieftraurige, von der Bitternis der Erfahrung imprägnierte Judengesichter. Ein wogendes Meer von Wehmut. Und auf der Bahre, unter dem schwarzen Bahrtuch lagen — einige zerrissene, zerfetzte Pergamentrollen — Thorarollen. Während der Oktobertage im Jahre 1905 haben wilde Hooligans eine Synagoge demoliert, die Thorarollen zerrissen und geschändet; das Palladium von Millionen, das ehrwürdige, weihevolle Wort mit Füssen getreten. Mit tiefem Schmerz sahen es die Juden — und in ihrem Schmerz gedachten sie der uralten Worte: „die Schechina ist in der Verbannung". Und manch einer war bereit, den Tod der alten zehn Märtyrer des jüdischen Untergangs zu erleiden, sich in eine Thorarolle einzuhüllen und den Flammentod zu erdulden. Keinem war diese schöne Geste des Sterbens beschieden. Die den Tod erlitten, waren von Kosakenstiefeln niedergetreten, mit Stemmeisen zu Tode gedroschen. Und als der Sturm sich legte, hat man die geschändeten Thorarollen aufgehoben, um sie nach uraltem Eitus zu beerdigen. Zwei Jahre lang konnte dieses Vorhaben nicht ausgeführt werden, da die Behörden sich vor einer grossen jüdischen Manifestation fürchteten. Jetzt fürchtet die russische Regierung jüdische Demonstrationen nicht mehr und sie hat die Beerdigung der Thorarollen gestattet. Man hat sie bestattet, wie man Menschen bestattet, man hat von ihnen Abschied genommen, wie von teueren Verblichenen, so schmerzzerflossen, so innig-bewegt. Und vierzigtausend Menschen folgten hinter der Bahre. Thorarollen begraben! Um ein zerrissenes Pergamentbuch trauern! Eine Sentimentalität fürwahr. Aber wenn eine Sentimentalität historisch wird, nicht dem Individuum und nicht einem Einzelerlebnis gilt, wo sie überlebensgross wird — da wird sie zum tragischen Motiv. Wenn eine Armee geschlagen und ihre Fahne mit militärischen Ehren begraben wird, so ist es mehr als eine Gefühlsduselei. Es steckt eine tiefe Symbolik darin. Eine Fahne ist ja bloss ein Fetzen um einen Stock gewickelt. Aber sie ist zugleich das Symbol so vieler Hoffnungen, so vieler Erinnerungen. All das Unausgesprochene und Unaussprechliche des menschlichen Kollektivlebens steckt in diesen seltsamen Sinnbildern. Und die Fahne des Judentums, die flatternde, in alle Windrichtungen wehende, war und ist nicht allein die weissblaue Davidsfahne — sondern zu allererst die Oriflamme des Wortes, die Flammenrolle . . . Als eine Flammenrolle hat sich dem Verkünder des Wortes, dem Bringer des grossen Cogos am Sinai das Wort offenbart — aus schwarzem Feuer die Buchstaben — auf weissem Feuer geschrieben. So hat die tiefe Volksmythe den Ursprung der Thora, des lebensgestaltenden Wortes bezeichnet. Und Ursprung ist Wesen zugleich. Schwarzes Feuer auf weissem Feuer — dieses majestätische Bild war das Symbol der jüdischen Seele, ihres Ideals. Glutvolle Heiligkeit, flammende Weihe . . Windstösse kamen und das Feuer spritzte und flackerte nach allen Richtungen der Windrose. Stiöme von Tränen und Blut ergossen sich darüber. Und es erlosch nicht. Denn, wenn die Gefahr zu gross wurde, das Wort vor der brutalen Tatsache, die Idee vor der höhnenden soseinwollenden Wirklichkeit weichen musste — da kamen die Priester de* Wortes, die Hüter dieser flammenden Standarte und schaufelten an einem einsamen Ort ein Grab und legten behutsam das heilige Feuer hinein und deckten es mit schwerer Erde zu.

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