Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Tagebuch-Blätter
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 485 - 486 (sequence 2)
- Language
- German
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485 Dr. A. Coralnik: Tagebuch-Blätter. 486 wo man kuriose, seltene Sachen beobachten kann — sondern einfach von unserem lieben Europa, von Berlin und Paris, von London und von Petersburg. Es müssten so eine Art „Lettres persanesu sein, von einem modernen Juden geschrieben. In einem seiner wunderlichen, feinen Essays erzählt Lafcadio Hearn die Geschichte eines Japaners, eines Adligen — aus der Kaste der Samurais — der die Entwicklung vom Ultraradikalen zum Konservativen, vom nivellierenden Europaschwärmer zum Schätzer und Yer Steher der japanisch°n Kultur durchgemacht hat. „Er wanderte durch Europa und Amerika, lebte in vielen Städten, und betätigte sich auf vielen Gebieten und war ia der Lage, die höchsten und niedersten, die besten und schlechtesten Seiten dieses Lebens zu studieren. Aber er sah mit den Augen des Orientalen, und seine Art zu urteilen war anders als die unsere. Denn ebenso wie der Abendländer den fernen Osten betrachtet, betrachtet der Orientale das Abendland. — Was in der eigenen Schätzung am höchsten steht, wird naturgemäss von dem Fremden am niedrigsten gewertet werden, und beide haben darin sowohl recht als unrecht. Es hat niemals ein volkommenes gegenseitiges Verständnis gegeben, und wird nie ein solches geben. . . Beim Lesen dieser Zeilen fiel mir unwillkürlich die Frage auf: wie kommt es, dass bis auf den heutigen Tag sich kein jüdischer Samurai, kein reiner Rassenmensch, mit jüdischem Temperament, mit jüdischen Augen, daran gemacht hat, Europa, das Leben um uns, die Kaltur in unserer Mitte so zu schildern, wie er sie auffasst, wie er die Welt sieht? Alle die jüdischen Schriftsteiler, alle Intellektuellen, die im Judentum geboren sind, haben ihre innere Rassenstimme längst zu übertäuben verstanden. Sie gewöhnen sich, so zu sehen, wie die Zahllosen um sie herum, feilen jede Spitze, zähmen in sich alle Instinkte des Blutes. Und deshalb geht die Einheit und die Eigenheit ihrer Weltkonzeption verloren. Nirgends, nirgends finden wir diese Vision der jüdischen Seele. Hokousai hat anders als Dore gesehen, und Walt Whitmann, der Amerikaner, der Mensch der neuen, werdenden Kultur, anders als Ibsen, der Hoffnungslose, der diese unsere grosse unentrinnbare Schalheit des Lebens sah und in einen Sonnenuntergang schaute . . . Wo ist der jüdische Künstler, der jüdische Denker, der einmal zeigen könnte, wie der Jude die Welt auffasst? Denn wie einer die Dinge sieht, soviel sind sie für ihn wert. Der Inhalt, der Rhythmus des Lebens hängt davon ab. Und auch die Grenzen und Möglichkeiten des Schaffens. Wo sind die Grenzen des Juden? Mut fehlt uns, Mut zum Selbstsein. Vor allem den Bedeutendsten unter uns, den geistig Beträchtlichen. Und diejenigen unter uns, die sich zum jüdischen Selbst bekennen — sind kulturell minderwertig und steril . . . Dass sich kein Benjamin Tudela, so ein Benjamin der dritte findet, der Europa die inneren G-eheimnisse der jüdischen Augen, die Wiederspiegelung der Welt im jüdischen Geiste zeigen würde — „le coin du monde vu ä travers le temperament juif.". . . * * * III. Marieka die Namenlose.*) Bahnhof Friedrichstrasse. Vor mir standen siebzehn, Kinder, das jüngste ein dreijähriges Mädchen, das älteste ein sechzehnjähriger Knabe. Auf den Gesichtern Spuren der Verwahrlosung und des Elends. Manche mit Hautkrankheiten behaftet. Manche wiederum hatten so fein geschnittene, kameenartig gemeisselte Gesichter mit grossen, weitgeöffneten Augen. In diesen jungen Augen ist noch kein Weh, aber auch keine Kinderfreude, kein inneres Leuchten des mächtigen, wachsenden Lebens. Wüssten die Kinder, wer sie sind, könnten sie sich ihrer Lage bewusst werden — wieviel Kummer und Grauen würde sich in ihren Augen spiegeln. Glückliche Kindheit, für die es noch keinen tiefen Schmerz gibt. Denn die Kinder sind Waisen, Waisen ohne Vater und Mutter, aus Odessa, Opfer des Oktoberpogroms von 1905. Gute, hilfsbereite Menschen, Juden mit mildtätigem, wohltatfreudigem Herzen sorgen für sie, für eine gesicherte Zukunft dieser Kinder. Und manchen von ihnen ist vielleicht eine Zukunft in der neuen Heimat beschieden, von der sie in der alten, im Elternhause nie hätten träumen dürfen. Die armen Kinder, sie werden nie die intimsten Gefühle des Kindheitslebens in der Familie kennen — aber auch so viel Leiden und Elend, entsetzliches Elend der russisch-jüdischen Proletarierkinder wird ihnen erspart werden. Und wenn man die Wage hält. — wer weiss? Da ist ein kleines Mädchen, das jüngste der Waisenkinder — etwa 3 Jahre alt. Ein wunderhübsches Kind mit stahlblauen, grossen Augen und rundem, fast marmornem Gesichtchen. Das Kind heisst: Marieka die Namenlose. Am Pogromtage hatte man das Mädchen — damals kaum ein 6 Monate altes Kind — auf der Strasse in der Nähe eines jüdischen Hauses, dessen sämtliche Insassen ermordet wurden, gefanden. Das Kind wurde anfangs in einem russischen Findelhaus untergebracht. Wer es sei — blieb ein Rätsel. Man konnte seine Herkunft nicht ermitteln. Es wurde einfach Marieka genannt — und dazu das Prädikat: Namenlos. Aber auf dem russisch-orthodoxen Gewissen der Vorsteher des Findelhauses lastete es schwer, dass sie ein jüdisches Kind, dazu noch eine Progromwaise, beherbergt haben; vielleicht hatten sie Angst, dass die *) Zur Ankunft der Pogromwaisen aus Odessa am 23. Juli 1908.