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Ost und West · 1908-07-01 · Heft 7 (Juli 1908) · p. Seite 475 - 476

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 7 (Juli 1908)
Article
Die General-Versammlung der Berliner Mitglieder der A. I. U.
Date
1908-07-01
Page
Seite 475 - 476 (sequence 5)
Language
German
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475 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle* Die General-Versammlung der Berliner Mitglieder etc. 476 Dank der Munifizenz des Central-Comites haben wir im vergangenen Jahr fortfahren können, für die Pogromwaisen von Bialistok in Ahlem zu sorgen — unsere Schützlinge entwickeln sich nach den uns eingesandten Zeugnissen in befriedigender Weise — und zahlreichen Studierenden Stipendien zu gewähren. Was die Alliance Israelite Universelle im Grossen getan hat, davon spricht unser Jahrbuch, dessen deutsche Ausgabe Ihnen Allen zugegangen ist. Millionen werden jahraus jahrein für das Scbulwerk verwendet, planvoll, gewissenhaft, erzieherisch für das erwachsene ebenso wie für das heranwachsende Geschlecht. Dabei wird stets der Grundsatz gewahrt, dass wir uns nicht als die Herren derer betrachten dürfen, denen unsere Fürsorge gilt, dass wir die volle Selbständigkeit unserer Brüder zu achten haben. Wir geben ihnen unseren Kat und unsere Hilfe, wir stehen ihnen in allen Nöten bei, aber wir befehlen ihnen nicht. Wir errichten Schulen aller Art nach ihrem Wunsch und nach ihrem Bedarf. Wir zwingen ihnen keine bestimmte Richtung und keinen Beruf auf. Wir freuen uns ihrer wiedererwachten Neigung zum Landbau, aber wir pressen sie nicht zum landwirtschaftlichen Betrieb. Für den gesamten Unterricht der Alliance Israelite Universelle — den allgemeinen, den handwerkerlichen, den landwirtschaftlichen — gibt es ein einziges bestimmendes Motiv: die Förderung und den Nutzen unserer Glaubensgenossen. Iq unserem Werke ist kein Raum für Chauvinismus irgend welcher Art. — Die regelmässigen Aufwendungen der Alliance für ihre 142 Schulen haben im vergangenen Jahr insgesamt 1693171,84 Francs betragen, 30 380.16 Francs mehr als im Vorjahr; die Einnahmen beziffern sich auf 1654 924,66 Francs, 41135,34 Francs höher als im Vorjahr. Darüber hinaus hat die Alliance Israelite Universelle für die statutenmässig vorgesehene Unterstützungstätigkeit aus besonderen Spenden grosse Summen ausgegeben, die dem Hilfswerk in den Verfolgungsländern zugute kamen. Unser Jahrbuch ist eine Quellenschrift ersten Eanges für die jüdische Geschichte seit einem halben Jahrhundert und für die Kulturgeschichte des ganzen näheren und ferneren Orients. Den gleichen litterarischen Rang nimmt unsere Monatsschrift „Ost und West" ein, die in vornehmster Weise das Wissen vom Judentum unter den Juden verbreitet. Nicht zuletzt ihrer werbenden Kraft haben wir zu danken, dass die Zahl unserer Mitglieder sich seit dem vorigen Jahr in Berlin um 500, im Reich um tausende vermehrt hat. Mit Interesse werden Sie erfahren, dass unser Organ von den Alliancebrüdern in Luxenburg, Dänemark, der Schweiz uod Ungarn dringend begehrt wird und dadurch immer mehr sich zu der Bedeutung einer literarischen Alliance Israelite Universelle erhebt. Die Mitgliederzahl der Alliance beträgt 53 000. Mit herzlichem Dank müssen wir den Anteil erwähnen, den namentlich die Herren Dr. med. Samuel Fraenkel und Heinrich F r a e n k e 1, Mitglieder des Lokal-Comites Berlin, an unserem Propagandawerk genommen haben, indem sie durch ihr beredtes Wort, besonders in den Städten Oberschlesiens das Wissen von der Alliance zu verbreiten und zu vertiefen erfolgreich bemüht gewesen sind. Was wir für die Brüder in Russland, Rumänien und in Marokko getan haben, darüber dürfen wir nur erzählen, was in gemünzter Hilfe geleistet worden ist. Der gedruckte Jahresbericht enthält die näheren Angaben. Hinsichtlich alles Anderen müssen wir uns Reserve auferlegen. Die Reisen unserer Vertreter nach Petersburg und anderwärts, ihre Unterredungen und Verabredungen dürfen sich nur in den Wirkungen zeigen. Wir betrachten es nicht als unser Verdienst, aber als grosses Glück, dass es uns gelungen ist, zur Beschwörung der in Russland, namentlich in Odessa drohenden Gefahren beizutragen. Wir werden nicht müde werden, unsere Bemühungen in Rumänien fortzusetzen. In Marokko hat das Central- Comite das Mögliche erreicht. Die reparablen Schäden, die dort angerichtet waren, sind repariert worden, und es besteht die begründete Hoffnung, dass die heraufziehende neue Aera in Marokko für unsere Glaubensgenossen eiue Aera des Friedens sein wird, des Friedens freilich in marokkanischem Sinne: d. i. das Befreitsein von besonderer Verfolgung. Nicht unerwähnt darf die Expedition bleiben, die unsere Alliance zur Erforschung der Falaschastämme nach Abessinien entsandt hat. Nicht weil diese Expedition gegenüber den gewohnten Leistungen der Alliance Israelite Universelle ein besonders grosses Unternehmen darstellte, sondern weil es paradigmatisch den Unterschied zwischen dem traditionellen, stillen, überlegten, bedachten Vorgehen der Alliance und dem lärmenden Gebahren eifervoller, gewiss wohlmeinender, aber zur Durchführung einer schwierigen Mission ungeeigneter „Judentumsretter" zeigt. Auch Nichtpolitiker wissen, dass seit dem für Italien recht unglücklich verlaufenen abessinischitalienishen Feldzug ein gewisses Misstrauen auf abessinischer Seite gegenüber Italien zurückgeblieben ist. Schon daraus geht hervor, das es nicht geraten wäre, irgend einen Schritt zugunsten der in Abessinien lebenden Falaschas von Italien aus zu tun oder mit Italien in irgend eine Verbindung zu bringen. Geschieht etwas für die Falaschas, so kann es nur auf nichtitalienische Anregung und nur unter dem Protektorat des Negus von Abessinien geschehen, wenn man nicht die Falaschas schlimmsten li-epressalien aussetzen will. — Ferner ist noch in keiner Weise zuverlässig aufgeklärt, wie stark die Zahl der Falaschas ist, wie sie über das Land verteilt sind, ob sie vereinzelt oder in dichteren Gruppen beisammen wohnen. Es ist offenbar, dass hiervon die Natur der zu treffenden Hilfsmassnahmen ganz wesentlich abhängt. Ein vermutlich sehr über-

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