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Ost und West · 1908-07-01 · Heft 7 (Juli 1908) · p. Seite 471 - 472

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 7 (Juli 1908)
Article
Die General-Versammlung der Berliner Mitglieder der A. I. U.
Date
1908-07-01
Page
Seite 471 - 472 (sequence 3)
Language
German
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471 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die General-Versammlung der Berliner Mitglieder etc. 472 1885 zurückreichen. Damals wurde von dem Ministerium Bismarck-Puttkamer die Gefahr einer Repolonisierung unserer Ostmarken als drohend bezeichnet. In Bekämpfung dieser Gefahr wurden die polnischbürtigen Juden als angebliche Propagatoren des Polonismus in Massen ausgewiesen, ausgewiesen nicht blos aus den Ostmarken, ausgewiesen auch aus Berlin und aus Frankfurt a. Main. Dann kam in Folge von Revolution und Pogromen die Massenflucht unserer Glaubensgenossen aus Russland und Rumänien mit allen ihren tieftraarigen Begleiterscheinungen. Hier aber, bei uns, wollte man den Unglücklichen Landesgastfreundschaft nicht gewähren. Wir konstatieren die Tatsache, ohne an dieser Stelle Kritik zu üben. Selbst Regierungsmänner von grosser Herzensbildung und aufrichtiger Wohlmeinung konnten aus dem Bann der Staatsraison-Vorstellungen sich nicht lösen. Sie taten schon viel, wenn sie danach suchten, die Forderung, die ihnen unerlässlich schien, ohne Grausamkeit, unter tunlichster Vermeidung aller vermeidlichen Härten, durchzuführen. So sehen wir immer neue Auflagen der Massenausweisungen, und wir müssen den Behörden noch Dank wissen — den wir an dieser Stelle in Aufrichtigkeit aussprechen — dass sie uus ermöglicht haben, in vielen Fällen das Schwere, das den Brüdern auferlegt worden war, erträglich zu machen, unseren Glaubensgenossen mit Rat und Tat zu helfen uud sie bei allem Herben, das sie erfuhren, auch die teilnehmende sanfte Bruderhand fühlen zu lassen. Es ist manchmal eine Sisyphusarbeit gewesen, die wir unverdrossen geleistet haben. Die Ausdauer, die wir dabei bewährten, war uns nur möglich durch die stete Erinnerung an die ungleich grössere und unter ungleich schwierigeren Umständen erprobte Ausdauer, mit der die Schöpfer unserer grossen Institution in fernen Weltteilen uns beispielgebend vorangegangen sind. Gleich diesen unseren stolzen Vorbildern haben wir, in bescheidenerem Umfang nach Massgabe unseres beschränkteren Tätigkeitsgebiets, Erfolge gehabt, die uns in der allgemeinen Trauer erquickten, weil sie uns die Möglichkeit gaben, auch unglückliche, verfolgte, heimatlose Brüder zu erquicken. Wir haben alsdann der Generalversammlung Mitteilung zu machen von dem Verlauf und den Ergebnissen der fünften Jahrestagung der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft, die am 25. Februar d. J. hier stattgefunden hat, und an der die von Ihnen gewählten Mitglieder des Lokal- Comites teilgenommen haben. Vorweg sei vermerkt, dass die Tagung in ungetrübter Harmonie verlief, dass es nach lebhaftem, angeregten Meinungsaustausch überall nur einhellig gefasste Beschlüsse gab. So sehr hat bei uns die Gemeinsamkeit eines in der Ausführung überaus vielgestaltigen Willens eine Gemeinsamkeit der Anschauungen auch in den Einzelheiten geschaffen. Und diese Gemeinsamkeit der Richtung im Denken und Wollen hat ebenso auf unser Central-Comite in Paris sich erstreckt. Die Deutsche Conferenz-Gemeinschaft hatte kaum den Antrag angenommen, dass sie eine Verwirklichung der Zusage, es möchten sobald als möglich Zöglinge der Ecole Normale Orientale nach Deutschland geschickt werden, um sich hier unter der Leitung der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft in der deutschen Sprache auszubilden, noch im Laufe dieses Jahres erwarte, — als das Central-Comit-e seine Absicht erklärte, unseren Wunsch schon in den nächsten Ferien zu erfüllen. Auch die Berechtigung unseres Verlangens nach Eintührung deutschsprachigen Unterrichts in den Allianceschulen von Marokko wurde von dem Central-Comite unbedingt anerkannt. Die Erfüllung soll folgen, sobald die politischen und wirtschaftspolitischen Verhältnisse in Marokko die erwünschte Klärung gefunden haben werden. Damit sind wir vollkommen einverstanden, und nicht wir allein, sondern ebenso die Stellen, die das deutsche Interesse wahrzunehmen berufen sind — gegenüber dem anderweitigen Anerbieten, besondere deutsche jüdische Schulen iu Marokko einrichten zu wollen. Im Zusammenhang mit früheren Anregungen des Präsidiums der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft und mit Beschlüssen der fünften Tagung der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft steht es, dass das Central-Comite beschlossen hat, für den Spätherbst dieses Jahres neben den regelmässigen Inspektionen des Allianceschulwesens eine besondere fachmännische Commission nach dem Orient zu entsenden. Zu dieser Commission wird auch ein Mitglied der Deutschen Conferenz- Gemeinschaft gehören, Herr Rabbiner Dr. Porges- Leipzig, dessen Gelehrsamkeit und pädagogische Fachkunde über die Grenzen des Reichs hinaus bekannt sind, und der sich in dankenswerter Weise bereit gefunden hat, die Mühen einer mehrmonatlichen Reise auf sich zu nehmen. Wir begrüssen die Entsendung dieser Spezialmission mit herzlicher Genugtuung, nicht weil wir die Hoffnung oder auch nur den Wunsch hegen, Gegner entwaffnet zu sehen, die auch in Waffen selbst dem schüchternsten Gemüt keine Furcht einzuflössen vermögen, sondern weil wir wissen, dass alles Menschenwerk verbesserungsfähig und verbesserungsbedürftig ist, dass unsere Sache durch genaue Prüfung nur an Wert und Ansehen gewinnen kann. Wir haben nichts zu verbergen, auch nicht etwaige Fehler, an deren Vorhandensein wir selbst ohne Nachweis glauben. Was die Alliance Israelite Universelle in steter Verwendung gehäufter Erfahrungen in ihrem grandiosen Schulwerk geschaffen hat, ist ohne Gleichen in der Weltgeschichte. Dass es ohne Prahlen, in stolzer Schweigsamkeit geschaffen worden ist, erhöht den sittlichen Wert der Schöpfer, die nicht Dank geheischt haben. Nur böser Wille kann verkennen, dass der Alliance gelungen ist, was den Kreuzzügen mit ihren Myriaden von Menschenopfern nicht gelang: dass sie europäische Kultur nach dem Orient zu-

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