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Ost und West · 1908-07-01 · Heft 7 (Juli 1908) · p. Seite 445 - 446

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 7 (Juli 1908)
Article
Der Kampf gegen den Minhag
Date
1908-07-01
Page
Seite 445 - 446 (sequence 5)
Language
German
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445 Dr. Max Steif: Der Kampf gegen den Minhag. 446 der sonst so streng konservative R. Moses Isserls tritt gegen sie dort auf, wo durch sie wichtigere Gebetsstücke in den Hintergrund gedrängt werden könnten. Selbstverständlich nimmt auch der oben zitierte Leon da Modena gegen „dieses Einflechten von allerlei Jozeroth, Piutim, Litaneien und Klageliedern" in die hergebrachten Gebete entschieden Stellung, und findet hier später Gesinnungsgenossen in der sog. Mendelssohnschule (Isak Euchel), deren geringschätzendes, in Bausch und Bogen absprechendes Urteil über eine ganze, immerhin bedeutungsvolle Literaturgattung jedoch nicht gebilligt werden kann und darf. (Vgl. Meassef, das damalige Lehrorgan dieser Richtung.). War auch der Brauch der Neueinführung von gewissen Fasttagen neben den bereits bestehenden wegen der Zeiten Not und Drangsal ein nicht unbegründeter, so verdankten doch eine ganze Reihe derselben dem seit dem Auftreten IsakLurjas immer mehr um sich greifenden kabbalistischem Unwesen ihre Entstehung, die als ganz überflüssig und unhaltbar zu bezeichnen R. Chayka aus Grodno in seinem Scheerith Jakob den Mut fand, in Übereinstimmung mit der Ansicht des Talmud, dass jedes freiwillige Fasten Sünde sei. (Taamith 11, Nasir 19.) Etwas Unjüdisches lag auch in dem aus der mittelalterlichen Verfolgungszeit herrührenden, und noch heute zuweilen am 9. Ab oder bei sonstigen traurigen Anlässen geübten Brauch, sich zu den Gräbern grosser Männer zu begeben und sie als Fürsprecher vor Gott anzurufen, ein Brauch, den R. Jacob Möllin Halevi entschieden perhorresziert. Der Totenkultus, in den sich viel Abergläubisches und aus der Fremde herübergeholtes eingeschlichen, ist überhaupt etwas mit dem jüdischen Wesen und der wahren jüdischen Lebensanschauung ganz Unvereinbares, und in neuester Zeit hat Jacob Obermayer in einem ganzen Buch (Modernes Judentum im Morgen- und Abendland, Wien 1907) sich die Bekämpfung der Auswüchse gerade auf diesem Gebiete zur Aufgabe gestellt. In gründlicher, erschöpfender Weise wird der Nachweis geführt, wie die in dem modernen Festgottesdienste den Mittelpunkt einnehmende Toten- und Seelenfeier (Maskir) keinerlei Rechtfertigung aus dem jüdischen Schrifttum finde, und so sehr fromme Pietät allezeit im Judentum einen hervorragenden PJaiz eingenommen, müsse sie doch eine Verurteilung dort erfahren, wo sie zum bloss äußerlichen Schaugepränge herabsinkt und auf Kosten der übrigen Religion geübt wird. Nicht zum geringsten Teil darf ein solches Ver- .T. PORTALES. kennen des Wesens des Judentums den sog. Reformbestrebungen zugeschrieben werden, als deren erster Vertreter Israel Jacobsohn mit seinem jüdischen Konsistorium in Westphalen (1808) anzusehen ist, und so löblich der Kampf gegen gewisse alte Missbräuche, wie gegen das Verkaufen und Versteigern der „Mizwoth", gegen das «Hamanklopfen« wie gegen alles Lärmende und Unschöne beim Gottesdienste war, so verfehlt war es auf der andern Seite, hier der Kirche entlehnte Formen und Weisen einzuführen. Ebenso mag die aufklärende Tätigkeit der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Blüte stehenden sog. Haskala-Literatur in ihrem Kampfe gegen die, das religiöse Leben in Galizien, Polen und Russland überwuchernden, unzähligen Bräuche und Missbräuche manches Gute im Gefolge gehabt haben, aber ein oft zu weit gehender Radikalismus, wie der von Osias Schon* in seiner hebräischen Zeitschrift Hecholuz (1851—1877), bewirkten nicht selten das Gegenteil des angestrebten Zweckes und trugen nur zur Erhöhung der Gegensätze zwischen alten und neuen Anschauungen bei, als deren Reflex die um eben dieselbe Zeit erschienenen hebräischen Romane wie »Hadoth wehachajim" (Gesetz und Leben) von Rüben Braudes und andere anzusehen sind. Es konnte auch nicht ausbleiben, dass wirklicher oder Scheineifer, der an allem Alten, mochte es noch so unsinnig und überlebt sein, mit Zähigkeit festhielt, diesem Kampf gegen den Minhag einen Kampf für den Minhag entgegensetzte. Bekannt ist es ja, welch heftige Gegenwehr nur die Auflassung des Almemors in der Mitte der Synagoge oder gar die Abschaffung des sog. Schulklopfens in mancher Gemeinde hervorgerufen hat. Angesichts dessen wird man wohl den tiefernsten Sinn hinter jener köstlichen Anekdotenicht verkennen, die in ihrer drastischen Form auf die Kanzel zu bringen der berühmte Prediger Joel nicht für unwert befunden. Von einem Rabbiner des 18. Jahrhunderts wird nämlich erzählt, dass er sich einst das Gemeindebuch habe kommen lassen, in welches die Minhagim, die Sitten und Gepfogenheiten eingeschrieben waren, und dass er einige Gebote aus der Tora darin hinzugefügt habe, als ob diese gleichfalls nur Minhagim, und Bräuche wären. Als man ihn verwundert fragte, was er damit beabsichtige, meinte er: ich habe mich überzeugt, dass ihr die wichtigsten religiösen und sittlichen Gebote lange nicht so hoch stellt, als die zufällig entstandenen Sitten und Gebräuche; da habe ich mir gedacht, ich täte am besten, wenn ich Gebote LEA UND RAHEL. wie die, Gott zu verehren und

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