Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1908)
- Article
- Der Kampf gegen den Minhag
- Date
- 1908-07-01
- Page
- Seite 447 - 448 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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447 Dr. Max Steif: Der Kampf gegen den Minhag 448 seine Gebote zu heiligen, mit unter die Minhagim eintrage, vielleicht werden sie dadurch höher gestellt sein in euren Augen. Und in der Tat, so sehr auch zugestanden werden muss, dass die ineisten Minhagim dort wo sie auf dem Boden der Religion allmählich emporgewachsen sind, gar viel zur Stärkung und Kräftigung des religiösen Bewusstseins beigetragen haben, wird man doch andrerseits nicht jenen Männern, die vor einer Prüfung der Heilsamkeit bestimmter Bräuche nicht zurückgeschreckt und sie in die gebührenden Grenzen zurückgewiesen, einen gewissen heiligen Ernst und ehrliche Überzeugung nicht absprechen wollen, wird man den Kampf gegen manchen veralteten, mit dem geistigen Fortschritt nicht mehr in Obereinstimmung befindlichen Minhag als gesunde Reaktion gegen eine kleinliche oder verkleinernde Auffassung der Religion betrachten dürfen. DIE GAFFER. Ein Strassenbild von David Pinski.. Autorisierte Uebersetzwig von Paul Barchan. Nachdruck verboten. Ein Pferd ist gefallen. „Ah, die Pest soll dich! . . flucht der Kutscher, ein kleines, trocknes Männchen, mit einem dünnen länglichen Bärtchen, und beginnt umständlich vom Bock herunterzukriechen. Einige Vorübergehende sind stehen geblieben- Mehrere Kinder laufen heran, wie Pferde galoppierend, die dünnen Beinchen eingeknickt und die Köpfchen zurückgeworfen. Der Passagier ist schnell von der Droschke her-, untergesprungen, besteigt hastig eine zweite und befiehlt dem Kutscher, schnell zu fahren. Er hat es sehr eilig. Das muss auch jedem einleuchten, nämlich dass er es so eilig hat; denn er runzelt recht angelegentlich die Stirn und macht eine höchst missmutige Miene. Der Kutscher wirft ihm einen bösen, stechenden Blick nach und stösst giftig hervor: „Den halben Weg abgefahren, der Hund." Die Gaffer machen ein höchst verständnisvolles Gesicht; ja, sie haben Sinn für solch ein Unrecht. Ihnen, wahrlich, durfte man so etwas nie und nimmer zumuten. „Feiner Kerl!'" schimpfen die Gaffer. Seinen ganzen Zorn entlädt nun der Kutscher auf das Pferd. Mit aller Kraft versetzt er ihm mit dem breiten, grossen Stiefel einen Stoss in den Leib. Dies scheint ihm jedoch noch nicht zu genügen, und er versetzt dem Tier einen zweiten Stoss, diesmal mit der Spitze des breiten, grossen Stiefels. „Die Pest soll dich! . . Die Gaffer erwarten einen dritten Stoss, ja sie fühlen ihn bereits. . . . Das Pferd erzittert am ganzen Körper, bleibt aber liegen; phlegmatisch und faul vor sich ins Weite hinstarrend, kaltblütig, gleichgültig. So will es auch liegen bleiben, komme, was da wolle. Es macht sich nichts aus dem Menschenauflauf, ja, es ist, als bemerke es all die Leute überhaupt nicht. Der Kutscher packt das Pferd am Zügel und schlägt auf das Tier mit der Peitsche ein, wohin er gerade trifft, und flucht. „Ho, ho, ho! Krepieren sollst du! Die Pest! . . Aus dem Kreise der Gafler löst sich ein junger Mann mit einem Hut und tritt vor. Er hat einen guten Einfall; das Pferd soll bald auf die Beine gebracht werden. Hier gilt es sich auszuzeichnen und seine Meisterschaft zu beweisen — er ergreift das Pferd am Schwanz und beginnt ihn zu drehen. Die Gaffer blicken gespannt auf den Schwanz und bekommen auch ihre guten Einfälle. Xun hagelt es von allen Seiten Ratschläge. Noch einige Händepaare machen sich an das Pferd heran. Ein kleiner Junge beginnt mit einem Stock den hintern Teil des Tieres zu bearbeiten und treibt es in einem fort an: „Ho, ho, ho!" Er hat das angenehme Gefühl, als liefe das Pferd, als habe er es angetrieben und er werde nun gefahren. Das Pferd ist ruhig liegen geblieben. Es ist ihm wohl nur etwas unangenehm, dass ihn da jemand am Schwänze dreht, als müsste er ihn ausreissen, und dass ihm mit einer Faust in den Bauch gebohrt wird, als gälte es, darin ein Loch durchzubrechen. Der Kutscher beginnt auszuspannen. Da begreift auch der Gafferkreis plötzlich, dass dies das beste Mittel ist. „Man muss es ausspannen," werden Stimmen laut. Man hat erwartet, dass das Pferdchen nunmehr aufspringen, vielleicht gar davonjagen werde, und ist zurückgetreten. Der junge Mann mit dem Hut hat widerwillig den Schwanz losgelassen. Das ausgespannte Pferdchen fühlt eine Leichtigkeit im Körper — und bleibt liegen, mit derselben faulen, melancholischen Miene. Wiederum ein Schleppen, Stossen, Schwanz — Drehn, Schreien, Schlagen. — Das Interesse der Gaffer hat sich gesteigert.-- Der Kutscher beginnt ganz verzweifelt das Pferd mit dem Fuss zu bearbeiten, wohin er nur trifft. „Die Pest soll dich holen! Ah, krepieren . . Die Gaffer fühlen die Schläge, die Schmerzen. „Gott, solch ein Mörder!'4 geht ein Murmeln. Der Kutscher bleibt ein Weilchen stehen, blickt auf das Tier nieder und denkt nach, was nun beginnen. Das Herz presst sich ihm zusammen. Er hätte weinen mögen, sich das Haar raufen. Und hätte das Pferd küssen mögen, es um Erbarmen anflehen, es möge doch aufstehen und gehen. Und möchte es schlagen, dass es tot liegen bleibt. Und was wollen all die Müssiggänger da? Die Pest soll sie holen, alle miteinander, ihn selbst, die ganze Welt! Er versetzt dem Tier einen Fusstritt in den Leib, zieht vom Bocke ein Säckchen Hafer und schüttet dem Pferd ein Häufchen davon vors Maul. Die Gaffer bekommen wieder gute Einfälle.