Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1908)
- Article
- Der Kampf gegen den Minhag
- Date
- 1908-07-01
- Page
- Seite 441 - 442 (sequence 3)
- Language
- German
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411 IV. Max Steif: Der Kampf gegen den Minhag. 442 des Judentums gebracht werden sollte. Dass er aber in den Kreisen Leon da Moderias gleichfalls geübt, und von diesem in seiner etwas rücksichtslosen Art bekämpft wurde, geht aus dem ihm zugeschriebenen Werke «Stimme des Thoren" hervor, in welchem er in der ilim eigenen impulsiven Denkweise sich folgendermassen vernehmen lässt: »Ferner sind es kindische Dinge und heidnischer Aberglaube, dass man am Neujahr vom Kopfe eines Schafes essen soll und ähnliches, nicht zu sprechen von den Hühnern, die man als stellvertretende Sühne am Rüsttag zum Neujahr oder Versöhnungstag um den Kopf flattern lässt. Das ist nicht nur viel Narrheit, sondern schon etwas Ketzerei und Götzendienst der alten Völker, die Nichtiges verehren." Ganz ähnlich lautete auch in früherer Zeit der Bescheid des Gaon R. Ha'i (geb. 969) auf eine Anfrage der Gemeinde von Kaiman in Nordafrika, weshalb es denn Brauch sei, zu Beginn der astronomischen Jahreszeiten kein Wasser zu trinken: Es sei ein lächerlicher Brauch, um den Beginn der Jahreszeiten nicht mit Wassergenuss, sondern mit etwas Schmackhaftem einzuleiten, „ich aber sage, süss ist das Jahr des Arbeiters, sei es viel oder wenig, er geniesst es". (Grätz VI, S. 5.) Mehr unschuldiger Natur ist das sogen. Taschlich d. h. der Brauch, sich am Nachmittag des Neujahrsfestes zu fliessenden Gewässern zu begeben und dort einige Verse aus dem Profeten Micha (Kap. VII, 18-20) herzusagen, wobei die ganz besonders Gewissenhaften den etwaigen Inhalt ihrer Taschen ins Wasser leeren, gleichsam als Andeutung dafür, dass sie damit nun völlig ihrer Sünden los und ledig werden. Der Ursprung dieses Brauches, der in den „Riti" des Leon da Modena gleichfalls keine Erwähnung findet, lässt sich heute nicht mehr sicher feststellen. Eine schwache Analogie Hesse sich hierfür nur aus dem im alten Babylonien geübten Brauch herleiten, zu be- KEMIJRAXDT. JAKOB RIXGT MIT DEM ENGEL. stimmten Zeiten besondere Tafeln, auf die man seine Vergehen aufgezeichnet, ins Wasser zu werfen. (Vergl. Abrahams, Festival studies S. 92.) Jedesfalls haben sich einige Rabbiner des Mittelalters abfällig über eine Auffassung ausgesprochen, die die Worte des oben genannten Profeten „wirf sie in die Tiefen des Meeres" allzu wortwörtlich anstatt symbolisch genommen, und besonders war es R. Isserlein, Rabbiner von Wiener-Neustadt (1460), der sich gegen diesen Minhag ablehnend verhielt. — Dass man übrigens diesem nicht immer die gleiche Deutung, wie sie heute vorherrscht, gegeben, Hesse sich aus dem bereits erwähnten Buche „Mateh Mosche" ersehen, woselbst als Begründung dafür, dass man sich gerade zu einem fliessenden Wasser begibt, die Sage angeführt wird, derzufolge sich beim Gange zur Opferung Isaks der Satan in ein Wasser verwandelt haben soll, um Abraham so an seiner Pflichterfüllung zu hindern. — Isak Erter, der geistvolle hebräische Satyriker (gest. Brody 1851) nahm diesen Brauch zum erwünschten Anlass, um in einem besonderen Aufsatz „Taschlich" (abgedruckt in der Sammlung seiner Schriften: Hozofe l'bes Issrael) in drastischer Weise das Wesen mancher Scheinfrommer zu geissein, das sich ihm aus ihren ins Wasser geworfenen Sünden greifbar dargestellt. Nicht zu verwundern ist es, dass im Mittelalter zuweilen auch getaufte Juden Bräuche dieser Art lächerlich zu machen suchten, wenn z. B. der verworfene Pfefferkorn in einer unter Beihilfe der Dominikaner entstandenen gehässigen Schrift: „Die Judenbeichte" (1508) es verspottet, ,,wie sie den Hähnen und Hühnern und Fischen beichteten und dann ihre Beichtväter verzehrten". (Grätz IX, S. 74). Spielte das Engelwesen schon zur talmudischen Zeit namentlich in Babylonien eine gewisse Rolle (von dem palästinenischen R. Simon b. Lakisch im 3. Jahrhundert wird ja bekanntlich der freinnitigeAusspruch berichtet: dieEngelnam en hätten die Juden aus Babylonien mit sich gebracht), so rührte der Brauch, die Engel als Vermittler in eigenen Gebetsstücken anzurufen, von den Kabbalisten (seit dem 13. Jahrh.) her, und erfuhr seinen besonderen Ausbau durch den sog. Chassidismus und Neu-Chassidismus (Anfang des 18. Jahrh.). Sogar in unserem heutigen Gebetritual ist etwas davon erhalten geblieben. So findet sich in unserem Festgebete zum Neujahrstage ein „Jehi-rozaun" vor, in welchem bestimmte Engel mit Namen angerufen werden, dass sie die Schofartöne zu Gottesthron emportragen mögen. Eine ähnliche Aufgabe wird ihnen in einzelnen Selichoth (z. B. Machnisse rachamim) und im Ne'ilah-Gebete am Ausgange des Versöhnungstages (Midas horachamim) zugewiesen, ganz im Gegensatze zu der talmudischen Ansicht (Jerusch. Berachoth. Absch. IX), die zu den Worten: „wer ist, wie der Ewige unser Gott, in allem, worin wir ihn anrufen" ausdrücklich bemerkt: ihn anrufen und keinen Engel; denn der Heilige, gelobt sei er, braucht keinen Patron, und wenn der Mensch in Not ist, braucht er nicht den Engel Michael oder Gabriel anzurufen, sondern ruft zu ihm, und er erhört ihn. — Der Gaon Saadja (gest. 912) tadelt deshalb n der von ihm verfassten Gebetordnung die Engelanrufungen. R. Simson aus Chinon (blühte um 1300) fand die Art, sich im Gebete nicht an Gott, sondern an eine fingierte geistige Substanz (Sefira) zu wenden, gotteslästerlich (Grätz VII, S. 304), Josef B. Meschullam (geb. um 1468) geisselte in einer satyrischen Schrift den damaligen Tiefstand des Judentums mit den Worten: „Die götzen-