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Ost und West · 1908-07-01 · Heft 7 (Juli 1908) · p. Seite 439 - 440

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 7 (Juli 1908)
Article
Der Kampf gegen den Minhag
Date
1908-07-01
Page
Seite 439 - 440 (sequence 2)
Language
German
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439 Dr. Max Steif: Der Kampf gegen den Minhag. 410 PALMA YECCHIO. JAKOB UND RA HEU entwurzeln selbst eine anerkannte rabbinische Satzung nicht mehr imstande sei (Soferim 18) — nein, es handelte sich vielmehr in den meisten Fällen um jene ganze Reihe von Bräuchen, die unter den Einfluss einer anders gearteten Umgebung entstanden ein Stück fremden, unjüdischen Wesens enthielten und nicht selten dem Aberglauben oder allerlei mystischem Irrwahn Vorschub leisteten. Es waren mehr jene Volksbräuche, die, wie Zunz in seinen „Riten" richtig bemerkt, ihren Ursprung wie ihre Fortbildung nur der Berührung und dem Zusammenleben mit anderen Völkern zu verdanken haben, in welchen sich Klima, Sitte und Kultur der jeweiligen, fremden Umgebung abspiegelten. Einige dieser Art, die sich zum Teil noch bis in unsere Zeit hinein erhalten, sollen hier eine nähere Beleuchtung erfahren. Der abergläubischen Vorstellung von dem unheilvollen Wirken der Lilith, einem weiblichen Dämon, (schon in Jes. 34, 14 angeführt), zu der sicherlich noch die mittelalterliche Anschauung vom Wehrwolf sich zugesellt, welcher angeblich die neugeborenen Kinder in der Wiege vertauschte, entsprang der Brauch, an allen Fenstern und Ecken des Zimmers besondere Tafeln (Amulette, Kindbettbriefel, in Polen und Russland Schmirah-Zettel genannt und mit dem Namen des R. Me'ir baal Ness versehen) zu befestigen, auf welchen allerlei seltsame, krause Formeln und verschiedene Engelnamen standen, ein Brauch, den der vorurteilslose Geist gar vieler Rabbiner verdammte, (R. Jacob Emden in seinem Mitpachath hass'forim) und der sogar einmal (um die Mitte des 18. Jahrhunderts) den Anlass bildete, dass seinetwegen der Ruhm und Ruf eines sich sonst durch ungewöhnlichen Scharfsinn und immense rabbinische Gelehrsamkeit auszeichnenden Mannes, R.Jonathan Eibeschütz, arg ins Wanken geriet. In Hamburg- Altona, wohin Eibeschütz, nachdem er zuvor in Prag und Metz Rabbiner gewesen, berufen worden war, hatte nämlich der Würgeengel sich gerade die jungen Frauen zu seinem Opfer ausersehen, und R. Jonathan Eibeschütz, dem der Ruf als eine Art Wundertäter im Volke vorausgegangen, wurde um die Ausfertigung besonderer, unheilverhütender Amulette (Kameen) bestürmt, ein Ansuchen, dem er vielleicht mehr aus Eitelkeit als aus innerer Ueberzeugung willig Folge leistete. Aber in den ausgeteilten Talismanen glaubte der damals in Altona lebende R. Jacob Emden Anspielungen auf die Messianität des Sabbatai Zewi zu entdecken, und dies führte nun zu einer langjährigen, erbitterten Fehde gegen Eibeschütz, an der sich fast alle damaligen rabbinischen Grössen beteiligten, und die noch heute sein Charakterbild als schwankend erscheinen lässt. (Vergl. Grätz, 10. Band, S. 347-377.) Ein anderer, noch heute vielfach geübter Brauch ist das sogen. Kapores herumschlagen mit einem weissen Hahn bezw. Henne am Vorabende des Versöhnungstages, wobei die aus diesem Anlass gesprochene Formel eine Andeutung auf die hier in Wirksamkeit tretenden Engel enthalten soll. (Mateh Mosche, eine Zusammenstellung aller das jüd. Leben begleitender Bräuche, verf. von einem Schüler des R. Salomo Lurja). Dieser Minhag, für den sich keinerlei Begründung in dem rabbinischen Schrifttum vorfinden lässt, wird von manchen rabbinischen Autoritäten (R. Salomo b. Adereth Resp. 395) als unsinniger Brauch hingestellt und sogar vom Verfasser des Schulchan Aruch, R. Josef Karo (gest. 1575) als heidnisch stigmatisiert und ausdrücklich verboten. Der als Freigeist bekannte Leon da Modena, Rabbiner von Venedig (gest. 1648) führt diesen Brauch in seiner Historia degli Riti Hebraici nicht an, vielleicht weil sie eigentlich für den König Jacob I. von England abgefasst wurde, und dieser durch die Aufnahme belangloser Bräuche nicht zu einer falschen Beurteilung

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