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Ost und West · 1908-07-01 · Heft 7 (Juli 1908) · p. Seite 425 - 426

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 7 (Juli 1908)
Article
Herschele Ostopoljer
Date
1908-07-01
Page
Seite 425 - 426 (sequence 3)
Language
German
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425 Dr. A. Coralnik: Herscheie Ostopoljer. 426 Uebersetzuüg *) Nach all den geschmacklosen Witzesammlungen, die mir bisher in die Hände geraten sind, wirkt dieses verständnisvoll zusammengestellte, geschickt geordnete „Spicilegium" — wie man einst zu sagen pflegte — sehr wohltuend. Jüdische Witze in deutscher Sprache sind jakeine Seltenheit. Sie sind ja sozusagen ein Beitrag zur deutschen Kultur. Man denke sich einmal die deutschen Witzblätter ohne jüdische Witze. In den seltenen Fällen, wo man den „Äsemitismus" auch auf das Gebiet der Witze ausdehnt, stellt sieh auch die notwendige Folge ein — die gähnende Langeweile. Sogar die ausgesprochenen Antisemiten können nicht des jüdischen Witzes entraten. Aber sie drehen den Juden Stricke aus ihren eigenen Witzen. Sie erreichen mit demselben Mittel zwei ganz verschiedene Ziele — die Belustigung deis Publikums und die Verhöhnung der Juden, denn alles hängt nur von der Form, oder vielleicht noch mehr vom Tone einer Erzählung ab. . . . Und ich muss sagen, Herr Nuel hat den richtigen Ton getroffen. Er erzählt die Witze mit einer weichen, fast liebevollen Stimme, und die alten, bekannten, in unzähligen Variationen gehörten Witze gewinnen einen neuen Schmelz. Vor allem — und das ist das beste daran — macht er aus den Witzen keine Karikaturen. Dass er aus der Not eine Tugend gemacht hat die Unübersetzbarkeit der meisten jüdischen Witz — und zwar der echtesten — dadurch verschleierte, dass er die unübersetzbaren zu den Wortwitzen gezählt und aus dem Bereich des eigentlichen „jüdischen Witzes" ausgeschaltet hat, kann ich ihm nicht übelnehmen. Er sucht den jüdischen Witz nicht „in den Zufälligkeiten der Sprache, in den doppeldeutigen Worten und Redensarten". Er gräbt tiefer, dort, wo der Witz „aus dem jüdischen Denken und Empfinden herausquillt", und sagt ganz richtig, dass „es eigentlich nicht so sehr das Witzwort ist, das uns überrascht und belustigt als die — jähe und drollige Enthüllung einer Menschenseele. Einer Menschenseele mit ihrem Guten und mit ihrem Bösen, mit dem Süssen, das in ihr ist, und all den Bitterkeiten, die in ihr schlummern." Denn „der jüdische Witz offenbart den jüdischen Charakter, dessen Schwächen er zum Gegenstande seines Spottes macht. Aber man vergesse nicht, dass es immer die Juden selbst sind, die hier ihre Eitelkeiten züchtigen." Ich glaube, es gibt kein einziges Volk, das so scharfe und rücksichtslose Selbstkritik üben würde, wie das jüdische. Denn Kritik heisst — unter einem anderen Gesichtswinkel sehen. Und kein Volk hatte so oft Gelegenheit, die Beobachtungspositionen zu ändern, sich in so vielen Ab- und Wiederspiegelungen zu sehen. Die Juden haben selbst die schärfsten Pleile gegen sich abgeschossen. Manchmal aus Erbitterung und Verzweiflung — manchmal aus einem mächtigen Lebensgefühl heraus, da sie ihre Unverwüstlichkeit und Unver- *) M. Nuel: Das Buch der jüdischen Witze I und II, bei Gustav Reicke, Berlin. wundbarkeit fühlten. Und deshalb sind die jüdischen „Judenwitze" gleichsam Gradmesser der jüdischen Stimmung. Eine Kategorie von Witzen hat der Herausgeber der genannten Sammlung nicht berücksichtigt, noch berücksichtigen können. Das sind die geistreich pointierten Witze der jüdischen Schriftkundigen, grade des Typus, den ich mit dem Kollektivnamen Herscheie Ostopoljer bezeichnete. Da entrollt sich eine alte Kultur, es werden die Aufschichtungen sichtbar und oft werden die feinsten Aederchen freigelegt. Aber es ist unmöglich, diese Art Witze zu übersetzen, oder einer nichtjüdischen Zuhörerschaft vorzutragen. Wie soll man z. B. folgenden Herscheie - Witz mundgerecht machen? Herscheie geht einmal am Samstag in einem Städtchen, wo man ihn noch nicht kannte, und bemerkt zu seiner Entrüstung einen gutgekleideten Mann, der da vor einem Hause sitzt und öffentlich seine Pfeife raucht. Herscheie erkundigt sich nach dem Namen des Mannes und erfährt, dass das der reichste Jude des Ortes, namens Eschkohl, sei, und dass man wegen seines Reichtums nicht wage, ihn zur Rede zu stellen Herscheie will ihm aber dennoch seine Meinung, sagen. Er eilt auf ihn zu und ruft laut: Guten Samstag dir, Eschkohl! Dieser schaut den zerlumpten Unbekannten, der ihn — den reichsten Mann des Städtchens — zu duzen wagte, und schreit ihn empört an: Wie untersteht Ihr Euch, mich zu duzön! Darauf Herscheie gleichmütig: Du bist doch mein Onkel! Dieser macht grosse Augen und erklärt, er erinnere sich nicht, je einen solchen Neffen gehabt zu haben. Aber Herscheie besteht auf seiner Behauptung und gibt ihm — in Anwesenheit des neugierigen Publikums — die nötige Aufklärung. Es steht nämlich im Hohelied ausdrücklich: Eschkol hakofer dodi Ii (d. h. eine Kampferstaude ist mein Geliebter) nun, es ist ja deutlich: „Eschkol der Ketzer ist mir ein Onkel". Herscheie hatte durch seine ingeniöse Auslegung die Lacher auf seiner Seite, und der reiche Ketzer war gezüchtigt. Man kann da sehen, welche Kombinationen von Einfällen sich in einem altjüdischen Witze häufen! Ich sage nicht, dass der von mir zitierte Witz besonders geistreich sei. Man muss ja überhanpt für derlei Sachen einen eigenen Geschmack haben. Aber er illustriert zur Genüge, wie verschlungen und schwerverständlich ein echtjüdischer Witz für den Nichteingeweihten ist. Es ist überflüssig, aus der Sammlung des Herrn Nu61 einige Witze hier zu zitieren. Und wenn ich es auch wollte, so wäre ich in Verlegenheit, welche ich wählen sollte. Es gibt keine exemplarischen Witze, oder solche, die mehr und solche, die weniger komisch sind. Ein Witz ist immer eine geschlossene — ich möchte fast sagen — Individualität, die sich weder vergleichen noch bewerten lässt. Aber wenn wir nur die Kunst des Erzählens in Betracht ziehen, so müssten wir besonders die Abteilung: „Von Schluckern und Schelmen" empfehlen. Z. B. die kleine, humorvolle Geschichte: „Wie sieht aus

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