Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1908)
- Article
- Herschele Ostopoljer
- Date
- 1908-07-01
- Page
- Seite 427 - 428 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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427 Dr. A. Coralnik: Herscheie Ostopoljer. 428 dein Rock," sagt Jonas Pulvermaoher vorwurfsvoll zu seinem sechzehnjährigen Sohn. „Was biste für ein nachlässiger Mensch! Wenn ich bedenke, dass dein Grossvater hat ihm getragen sieben Jahre, und dass ich ihm hab' getragen vier Jahre und er ist immer gewesen gut und schön. Und du trägst ihm erst ein halb Jahr, und schon ist er schlecht." . . . Was an diesem Witze fein ist, das ist die logische Durchführung des Satzes. Es ist eine Komik, die aus der Logik selbst quillt. Oder z. B. folgende köstliche Geschichte vom jüdischen „Räuber". „Also Jeremje Finkelkraut ging es von Tag zu Tage schlechter. Er war ein guter Mann, ein frommer Mann, aber er hatte seit Wochen nichts verdient und hungerte mit seiner Familie. Da wollte er sich auf die Landstrasse legen und Räuber sein. Als Waffe nahm er ein Messer mit. So, mit allem versehen, was nach seiner Meinung ein Räuber haben musste, versteckte er sich im Strassengraben und erwartete sein Opfer. Da hört er Schritte. Er springt auf und stürzt sich mit gezücktem Messer auf den Mann. In demselben Moment fällt sein Blick auf das Mordinstrument und er lässt es bestürzt fallen. „Spass, Mensch," ruft er dem Angefallenen zu, „hast du Glück! Hab' ich gerad' ein milchcling-Messer mitnehmen müssen!" . . . Am nächsten Tage zieht Finkelkraut wieder aus, um Menschen zu berauben, und auch am zweit- und drittnächsten. Jedesmal aber kommt er mit leeren Händen nach Hause. Sein Weib macht ihm deshalb Vorwürfe. Jeremje rechtfertigt sich: „Heisst ein Geschäft, das Räubergeschäft! Wann kommen denn die Leut1, die man könnt berauben! In der Frühe kommen sie — und da muss ich Schachris dawnen (Morgengebet verrichten). Und wann kommen sie zurück? Am Abend kommen sie, wenn ich Mariw (Abendgebet) dawne — nu, wann soll ich räubern?" . . . Ich habe die Geschichte einmal in einer viel komischeren Variation gehört — doch ich will Herrn Nuel keine Konkurrenz machen. ti. * Ich weiss nicht, ob ich richtig beobachte, aber es scheint mir, dass die Juden jetzt keine Witze mehr machen. Sie haben ihre alte Lebensweise, ihre eigene Sprache abgelegt, sind modern geworden. Und sie haben mit der neuen Kultur auch die Witzlosigkeit, die Humorlosigkeit der Moderne mit in den Kauf genommen. Ich glaube, heutzutage schämt sich gar der gebildete Jude, einen Witz zu machen. Nein, sie gehen noch weiter, sie haben sogar gelernt, schlechte Witze, Fliegende- Blätter-Witze zu machen. Schade um meinen alten, lieben Herscheie Ostopoljer. Lebte er heute, wie viel hätte er zu tun? Wie notwendig wäre sein scharfes Auge, sein kluger Witz, seine gepfefferte Satire inmitten der Flachheit und Fadheit des Tages. Schade um ihn — vielleicht wäre er heute unser Moliere geworden, der uns vielleicht mit den „Sottisen" des uns umgebenden Lebens durch seine goldene Laune versöhnen könnte. Dr. A. Coralnik. □ PI >Ait8S*S^& REGINA MUNDLAK. Beim Talmud. _ ,. - ^fisii - . j / J 3$lt* ":<--:"v'"/< ORIGINALZEICHNUNG.