Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1908-07-01 · Heft 7 (Juli 1908) · p. Seite 423 - 424

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 7 (Juli 1908)
Article
Herschele Ostopoljer
Date
1908-07-01
Page
Seite 423 - 424 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2583875-2583967-2583975-2598396--08460-2598451
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

423 Dr. A. Coralnik: Herscheie Ostopoljer. 424 Aber schliesslich ändert sich nur die Bühnendekoration. Der Typus bleibt derselbe. Einmal heisst er Charlot und wohnt in Frankreich, ein anderes Mal treffen wir mit ihm in Podolien zusammen, in einem kleinen Städtchen irgendwo in Ostopolje, in Miedzyboz, oder weiss ich in welchem verlorenen Neste sonst — oder gar auf dem weiten, breiten Felde, auf dem Wege, der von einer jüdischen Niederlassung zur andern führt — und er streckt uns schon von weitem die Hand zum lachenden Gruss entgegen. Charlot der Jongleur ist da — oder nein, jetzt heisst er nicht so — wir sind nicht im Frankreich des XIV. Jahrhundert — sondern in Kleinrussland, oder in Litauen oder in Galizien, und der Jahrhunderte sind schon achtzehn oder gar neunzehn. Er heisst jetzt anders. Schajke Feifer, Motke Chabad, Ephraim Grediger, Schmerl Snitkawer, oder gar — oder gar Herschel, Eeb Herschel, Herscheie Ostopoljer . . . Und er spricht nicht mehr das schöne, wohlklingende Limousin oder Altfranzösisch, sondern den unmusikalischen Jargon. Und nicht Eutebeuf, der lustige Pariser Dichter, steht ihm zur Seite. Grau und düster ist alles, Himmel und Erde, Menschen und Zeit — und ringsum Not. Jener Spassmacher ist seiner Natur nach ein Dichter. Er ist nicht wie die anderen Menschen des Alltags. Er liebt das Bunte, das Farbenreiche, das Lustige. Shakespeare war so eine geniale Spassmacher-Natur, und Moliere war es. Ein Spassmacher ist nicht der, der Witze macht, sondern der jeder Situation ihren Witz abringt, gleichsam dem Leben das Komische abtrotzt. In der wohlgeordneten, kulturellen Gesellschaft des elisabethinischen Englands oder Frankreichs zur Zeit Ludwig des XIV., konnte das Genie des Spasses sich zum genialen Künstler entwickeln. Er konnte, ja er musste seine Form finden. Aber in einer isolierten Gesellschaft, mit einer einseitigen, unkünstlerischen, mürrischen Kultur — was blieb da dem Dichter übrig, als zu schweigen, und wenigstens aus seinem eigenen Leben einen grossen Ulk, einen Spass zu machen? Der arme Herschele! Er war gewiss ein Dichter! Er hatte alles nötige dazu: Phantasie, Gemüt, Kombinationsgabe und eine Eigenart dei Erzählung. Aber was konnte er tun, wofür sein Talent verwenden? Im Ghetto seiner Zeit wusste man gar nicht, dass es überhaupt so etwas wie Dichten gebe. Man wusste zwar, es gebe ein Hohelied — aber es fiel niemand ein, es anders aufzufassen, als eine Art Requisit des religiösen Lebens, das dazu dient, an bestimmten Tagen des Jahres heruntergesagt zu werden. Oder die „Piutim"! Wem fiel es denn ein, dass es Gedichte sind, darunter färben- und sinnreiche, mystisch-tiefe wie die von Gebirol, dass es oft echte Herzenergiisse hochkultivierter Juden waren, die im sonnigen Süden lebten? In einer solchen Oede kann nichts wachsen — jedes Talent erstickte, jedes künstlerische Schaffen erstarb schon im Keime. Die jüdische Phantasie erfror in den kalten Winternächten. Vom Erhabenen zum Kleinlich-lächerlichen ist ja nur ein Schritt. Eine kleine Verschiebung, eine gewisse Verzerrung — und ein grosser komischei Dichter wird zum Clown, zum Volks - Kasperl, ein grosser Lyriker zum Bänkelsänger . . . Diese Verschiebung ist eben bei uns eingetreten — und deshalb hatten wir damals nur Spassmacher — nie Künstler. Wenn einmal sich eine jüdische Kunst entwickeln sollte, eine wirkliche, moderne, eine echte Kunst der Kultur und der Form, so würden die kommenden Geschichtsschreiber der jüdischen Literatur die Sammlungen der Spässe und Witze eines Herscheie, eines Schajke Feifer usw. ebenso studieren, wie man in Frankreich die „Faceties" und die „Sottises" des 17. Jahrhunderts, die „Drolligen Geschichten" einesDesperrier studiert. Und wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus die alt-jüdischen Witze betrachten, so finden wir an ihnen eine charakteristische Eigenschaft. Es ist nämlich der Mangel der objektiven Darstellungskunst, der Plastik. Herscheie erzählte keine Geschichten, keine Spässe, er war selbst der Held der G-eschichten. Er lebte in ihnen. Er ist nicht der „Polichinelle" der Farce, der eine Bretterfigur ist, sondern — ein Figaro, ein jüdischer Figaro. Schade nur, dass wir keinen Beaumarchais haben, der aus diesem Typus ein Kunstwerk schaffen würde. Es liegen vor mir einige Büchlein, auf grauem, hässlichen Papier gedruckt, die einige Witze der obengenannten jüdischen Spassmacher enthalten. Wie oft habe ich sie im Volke gehört! Und wie oft habe ich nicht über sie bis zu Tränen gelacht! Denn die Erzähler waren auch latente Herscheies, um deren Lippen immer ein Witz herumstreifte, deren Augen so schalkhaft lächelten, dass einem das Herz im Busen lachte. Heute, wenn ich die Witze lese, wenn ich sie ganz losgelöst sehe, nachlässig hingeworfen in ihrer ganzen Formlosigkeit, kann ich nicht lachen. Ich versuche, sie aus dem Jargon ins Deutsche zu übersetzen — und siehe — das ganze Salz, der ganze Witz ist fort und weggeschmolzen. Sie werden armselig und leer. Es sind hier Wortspiele, die unübersetzbar sind, Momenteinfälle, die im nächsten Augenblick jeden Sinn verlieren. Nur wenn man sie genremässig wiedergibt, mit allen Schattierungen der Zeitunddes Milieus,kann man ihr Köstliches, den goldenen Humor, an den Tag fördern. Leider sind die meisten im Drucke vorhandenen Ausgaben der jüdischen Witze zumeist sogen. „Schnorrerwitze". Das Leben wird dort durch das Prisma des Schnorrens gezeigt. Es ist zwar von Bedeutung, diese soziale Erscheinung kennen zu lernen, diesen in Form des scharf geschliffenen Wortes eingekleideten Protest gegen die Unbill des Lebens zu hören. Aber damit ist ja die Ader des Witzes nicht erschöpft. Das ganze Volk bestand ja nicht aus lauter Schnorrern und Nichtstuern. Diese Lücke füllt gewissermassen eine jüngst erschienene Sammlung jüdischer Witze in deutscher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.