Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1908)
- Article
- Die Juden in Österreich
- Date
- 1908-07-01
- Page
- Seite 419 - 420 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583975-2598395--08456-2598449- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
419 B. Samuel: Die Juden in Oesterreich. 420 in den kleinsten Stadtchen, wo der Chassidismus noch allgewaltig war. Aber die Juden haben bald eingesehen, dass es eine unsinnige Zeitvergeudung ist, 4—5 Jahre 6 Stunden täglich einen Knaben die Volksschule besuchen zu lassen, während die ganze Wissenschaft, die er von dort heraustrug, sich im Privatunterricht im Laufe eines Jahres erwerben Hess. Und die Juden hatten recht. Dass sie den erzieherischen Wert der Volksschule nicht einzusehen vermochten, wird ihnen, hoffe ich, kein Mensch verübeln. Darum schickten sie nur die Mädchen, „die ja sonst nichts besseres zu tun haben", hin, die Knaben dagegen sollten Thora — oder aber ein nützliches Handwerk lernen. Das war gar nicht so dumm. Es wäre aber töricht zu meinen, dass die Juden deshalb ihre Kinder ohne profanen Elementarunterricht lassen. Unter den galizischen Juden, die jetzt zwischen den 15. und 30. Lebensjahr stehen, dürften sich Analphabeten nur in den verlorensten Gebirgsdörfern und den dunkelsten chassidischen Nestern, oder aber unter den allerärmsten, gänzlich verwahrlosten Schichten finden. (Dass es Analphabeten in bezug auf das Jüdische überhaupt nicht gibt, bedarf keiner Erwähnung.) *) Die aus der amtlichen Statistik, allerdings unter Vorbehalt, herübergenommene Angabe, dass die Zahl der Chedarim in Galizien 149 betrage, ist natürlich vollständig haltlos. Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man die Zahl der Chedarim in den 300 Städten Galiziens auf mindestens 1500 veranschlägt. Ausserdem wird fast in jedem Dorfe, wo mehrere jüdische Familien wohnen, ein Cheder (nicht Chedar!) gehalten, dessen Lehrer freilich oft von Jahr zu Jahr, manchmal von Semester zu Semester wechselt. Um diese Discrepanz zwischen dem ungenügenden Volksschulbesuch und dem hypertrophischen Mittelschulbesuch bei den Juden zu erklären und Mittel zu deren Behebung zu finden, braucht man keine weitausholenden philosophischen Meditationen. Das einzige, was nottut, sind gute Fachschulen für die Jugend, die die Volksschule absolviert hat. Fachschulen, das heisst: untere Handelsschulen, Industrie- und Gewerbeschulen, Handwerksschulen aller Art. Solche Fachschulen, die zum Eintritt die Vorweisung eines Volksschulzeugnisses fordern und an geeigneten Ortschaften gegründet würden, könnten mit einem Male die Frequenz der Volksschule enorm steigern und die der Mittelschule in demselben Masse herabdrücken. Nur müssten diese Schulen den geistigen und ökonomischen Bedürfnissen der Juden angepasst sein, d. h. praktisch *) Doch muss hier eine Einschränkung gemacht werden. Analphabeten gibt es allerdings, jedoch nur unter den gebildeten Klassen. Namentlich unter den Kultusräten 'der grösseren Städte sind sie sehr zahlreich. £u diesen Hebräo-Analphabeten gehören auch sämtliche zehn jüdische Abgeordnete aus Galizien. einem realen Zweck dienen und das Jüdische so weit pflegen, dass die Zöglinge, die sie im 15. oder 16. Lebensjahre verlassen, nicht als ewige „Amerazim" in der Welt herumlaufen. Davor hat nämlich der Jude eine heilige Scheu und er verzeiht es nur einem „Gebildeten", einem, der Doktor ist oder mindestens eine Mittelschule absolviert hat. Solche Fachschulen würden aber nicht nur die Unterrichtsfrage lösen, sondern auch die ökonomische Lage der Juden bedeutend heben. Die aus Mangel an lohnender Arbeit jetzt verkümmernde oder zu planloser Auswanderung gezwungene Jugend würde zu einem arbeitstüchtigen, rüstig schaffenden Geschlecht heranwachsen, das dem Gewerbe und dem Handel des Landes neue Gebiete erschiiessen und es ökonomisch und finanziell den wrestösterreichischen Provinzen gleichstellen könnte. Aliein das darf eben nicht sein. Viel zu einnussreiche Faktoren haben ein sehr, sehr lebhaftes Interesse daran, dass Galizien ewig ein ökonomisch passives Land bleibe und in steter Abhängigkeit von den westlichen Kronländern verharre. Denn aus diesem Zustande fliesst die wirtschaftliche Macht und der Reichtum jener Kreise. Darum konnte die Baron Hirsch- Stiftung nicht ihrem eigentlichen Ziel zugeführt werden, sondern musste überflüssige Volksschulen gründen, deren Wirksamkeit einzig darin besteht, dem Landesschulfond eine Last von einigen Hunderttausend Kronen jährlich abzunehmen, die aber für die kulturelle und ökonomische Entwicklung der Juden völlig bedeutungslos sind. Nach Galizien schickt man bei jeder Gelegenheit Almosen und väterliche Ratschläge, aber jeder Versuch des Landes, sich ökonomisch zu heben, wird unerbittlich niedergehalten. Es ist hier nicht der Raum, diesen Kampf eingehend zu schildern, der sich fast ausschliesslich auf Kosten der galizischen Juden als der gewerblich produktiven Klasse abspielt. Soviel sei bemerkt, dass alle, die in den letzten Jahren den galizischen Juden zu Hilfe kommen wollten und dies unter der Patronanz westösterreiehischer Elemente zu erreichen vermeinten, nicht merkten, dass sie den Bock zum Gärtner gemacht hatten. Von den vielen wichtigen Erscheinungen im sozialen Leben der Juden, die in der amtlichen Statistik nicht zum Ausdruck kommen, sei hier wenigstens eine erwähnt: das Vereinswesen. Namentlich in Galizien und besonders in den Provinzstädten spielen die Vereine verschiedenster Art eine sehr bedeutende Rolle, sie konzentrieren in sich ein grosses Stück Volkskraft, Organisationsfähigkeit und sozialen Pilichtbewusstseins. Ein Charakteristikum dieser Vereine ist es, dass sie fast immer einen religiösen Anstrich haben, dabei aber eine praktisch sehr wirksame Fürsorgetätigkeit entfalten, besser: entfalteten; denn in den letzten Jahren verfallen sie immer mehr der Desorganisation; teils werden sie von dem überhandnehmenden Gemeindebureaukratismus zersetzt, oder