Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1908)
- Article
- Die Juden in Österreich
- Date
- 1908-07-01
- Page
- Seite 417 - 418 (sequence 2)
- Language
- German
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417 B. Samuel: Die Juden in Oesterreich. 418 Oder aber ein schlecht erzogenes, auf Abwege geratenes Frauenzimmer knüpft ein Verhältnis mit einem christlichen Taugenichts an und lässt sich von ihm verführen und ins Kloster bringen. In solchen Fällen bläst der erwähnte Wiener Verein in die grosse Trompete und rettet das Judentum — in G-alizien. Hier ist jede Taufe eine furchtbare Katastrophe, eine Tragödie — in Wien ist eine Taufe stets eine Farce. Man tauft sich hier nicht aus Not, noch weniger aus Leidenschaft, sondern aus Frivolität und Gesinnungslosigkeit. Wie vor mehr als 4 Jahren in diesen Blättern nachgewiesen worden, liefern in Wien das weitaus grösste Kontingent jüdischer Täuflinge nicht etwa die ökonomisch abhängigen Stände, sondern die Finanz weit, der grössere Kaufmannstand, die Hausbesitzerklasse, kurz alle jene, „die es nicht nötig haben", die nicht der Not gehorchen. In Galizien ist ein Getaufter in der Familie ein Schandfleck auf deren Ehre. In Wien ist man stolz auf ihn, man brüstet sich mit ihm. Junge Leute aus „guten" Häusern sprechen von der Taufe wie von einem Ausflug nach dem Semmering. Getaufte verkehren unbehindert in jüdischen Familien, besonders wo „mitgiftige" Töchter zu holen sind, und tragen so das Kontagium weiter. Die Christen wissen natürlich ganz genau, was von dem sittlichen Wert und dem Ernst dieser Taufen zu halten ist. Man muss sich unwillkürlich fragen: wie mag wohl der Boden beschaffen sein, dem solche Früchte entspriessen? Und was soll man von den „Hütern des Weingartens" denken, denen die Wartung und Pflege dieses Bodens anvertraut war? Es ist gewiss ungerecht, jemanden für die Handlungsweise seiner Nachkommen ohne weiteres verantwortlich zu machen; aber für das Betragen und die Führung einer ganzen Generation darf und muss ihre Vorgängerin, Erzieherin und Erblasserin zur Verantwortung gezogen werden. Daher werden alle, die seit einem Menschenalter die geistigen Lenker der ersten jüdischen Gemeinde Oesterreichs gewesen, für die Apostasie der jetzigen Generation vor dem Bichterstuhl der Geschichte Rechenschaft ablegen müssen. Ich fürchte, das Urteil wird nicht günstig sein. In Bezug auf die Beteiligung der Juden an der Schulfrequenz verzeichnet die amtliche Statistik zuvörderst die „merkwürdige" Tatsache, dass die jüdischen Schüler der Mittelschulen 13—14% der gesamten Mittelschuljugend ausmachen. In der Bukowina bilden sie sogar 40 °/o, in Galizien ca. 20 % der Schülergesamtheit. Es ist nicht sehr erbaulich, zu beobachten, was für Versuche die Herren am grünen Tisch, und nach ihnen die Herausgeber der vorliegenden Kompilation, unternehmen, um diese auffallende Tatsache zu erklären. Etwas weniger auffallend wäre ihnen diese Tatsache erschienen, wenn sie eine andere sehr naheliegende, und jedem die Wirklichkeit Beobachtenden wohlbekannte Tatsache erwogen hätten: nämlich dass für die Frequenz der Mittelschulen nahezu ausschliesslich die städtische Bevölkerung in Betracht kommt. Für den Landmann, auch den bessersituierten und bildungsbedürftigen, ist es schon aus räumlichen und häufig erst recht aus pekuniären Gründen sehr schwer, seinen Kindern eine Mittelschulbildung in der Stadt angedeihen zu lassen. Der Städter dagegen hat die Mittelschule in der nächsten Nähe, und nur selten entgeht er der Verlockung, es wenigstens mit den ersten paar Klassen zu versuchen. Ueberdies ist die bäuerliche Bevölkerung im allgemeinen, zum Teil sogar in Böhmen, entschieden schulfeindlich. In Tirol, Vorarlberg, Steiermark, Kärnthen, Galizien und der Bukowina suchen die Bauern häufig den Lehrer durch kleine Geschenke zu bestechen, damit er ihre Kinder unter irgend einem Vorwande vom Schulbesuch befreie. Da nun die Juden überwiegend Stadtbewohner sind, in Galizien im allgemeinen nahezu 24—25% (in einzelnen Städten sogar 72—80°/o) der Stadtbevölkerung ausmachen, so bedarf es keines allzugrossen Kopfzerbrechens, um zu begreifen, warum die Juden im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung einen „so hohen" Prozentsatz der Mittelschuljugend stellen. Im Gegenteil. Erwägt man ihr Zahlenverhältnis zu der hier allein in Betracht kommenden Städtebevölkerung, ist die Mittelschulfrequenz der Juden eher zu niedrig als zu hoch. Gleichwohl ist auch dieser Zustand schon ungesund. Denn von allen vier Fakultäten stehen dem akademisch gebildeten Juden nur anderthalb offen. Er kann nur Arzt oder Rechtsanwalt werden. Alle anderen Karrieren sind ihm so gut wie gänzlich verschlossen. Auch die technischen Berufsarten zu ergreifen wird dem Juden immer schwieriger. Denn die grossen technischen Unternehmungen werden zum Teil verstaatlicht (wie die Eisenbahnen), und dann stellen sie keine Juden mehr an, oder aber ihre Besitzer und Lenker, insofern sie noch keine Christen sind, lassen sich oder ihre Angehörigen taufen und verschwägern sich mit her abgekommenen Adelsfamilien, und dann geben sie nur noch getauften Juden Arbeit. Sogar in Spitälern, die von jüdischen Philanthropen gestiftet und unterhalten werden, können jüdische Aerzte keine Anstellung, freilich auch jüdische Kranke nur mit Mühe Aufnahme finden. Darum ist die jetzige Mittelschulfrequenzziffer der Juden, volkswirtschaftlich genommen, ungesund. — Dagegen weisen die Juden, besonders in Galizien, eine vergleichsweise viel zu niedrige Frequenz der Volks- und Elementarschulen auf, namentlich was die Knaben betrifft. Die in dem vorliegenden Buch angeführten Gründe zur Erklärung dieser Abneigung der Juden gegen die Volkschule zeugen von vollkommenener Unkenntnis der tatsächlichen Zustände. Die jüdischen Schulkinder werden keineswegs gezwungen, am Sabbat zu schreiben, sonst könnten ja die Eltern die Mädchen ebensowenig hinschicken wie die Knaben. Im allgemeinen bestand die Scheu der Juden vor der nichtjüdischen Schule schon vor zwanzig Jahren nur mehr