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Ost und West · 1908-07-01 · Heft 7 (Juli 1908) · p. Seite 421 - 422

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 7 (Juli 1908)
Article
Die Juden in Österreich
Date
1908-07-01
Page
Seite 421 - 422 (sequence 4)
Language
German
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421 B. Samuel: Die Juden in Oesterreich. 422 aufgesogeu. Und doch hätte jede Aktion zur Verbesserung der Lage der Juden gerade an diese Vereine sich anlehnen müssen. — So hohe Anerkennung das Bestreben verdient, Licht über die A^erhältnisse der Juden in den verschiedenen Ländern zu verbreiten, so muss doch betont werden, dass es nicht Aufgabe eines Bureaus für Statistik der Juden sein kann, die amtlichen Publikationen einfach zu exzerpieren und die zerstreuten Daten aneinander zu reihen. Viel wichtiger wäre es, die amtliche Statistik durch eigene Ermittelungen zu ergänzen und zu vervollständigen; dann aber auch, auf Grund der zuverlässigen und einwandfreien Daten in einer Keihe von Monographien die einzelnen Seiten des sozialen und ökonomischen Lebens an der Hand des Studiums der Wirklichkeit zu beleuchten, von der die Ziffern doch im besten Falle nur einen magern Extrakt darstellen. HERSCHELE OSTOPOLJER. Ich stelle an die Spitze dieser Zeilen den Namen eines Menschen, von dem die meisten wohl nie gehört haben. Und die von ihm gehört haben, haben es längst vergessen. Erhat vielleicht nie gelebt. Vielleicht ist er nur ein Name der Ueberlieferuug, ein Kollektivname der Volkssage. Aber wenn er auch je gelebt hat — so war sein Leben ein Wandeln im Dunkeln, ein ewiger Kampf gegen die Not und Pein der Armut — und gegen die graue Trauer des Alltaps. Wer war er? Der witzigste, lustigste, spöttischste Jude des witzigen Ghettos, der grösste Spassvogel und Schalk inmitten einer Gemeinde von scharfen, klugen Köpfen. Er war der Hofnair des Ghettos. Ein Typus, der jetzt nicht mehr vorhanden ist. Der Narr ist verschwunden, obwohl die Narren geblieben sind. Einst war der Narr ein ebenso notwendiges Requisit der Gesellschaft wie der Geistliche, wie der Schankwirt, w7ie der Nachtwächter. Der Narr war die einzige freie Stimme, die ungeschminkte, lustige, aber trotzdem unversüsste Wahrheit. Wofür der gewöhnliche „normale" Mensch Stockhiebe bekam, wenn nicht schlimmeres, wurde der Narr belacht. Er durfte auch dem Thron der Fürsten nahen und schellenklirrend am ihnen und ihren Taten trotzig Kritik üben. Eigentlich war er ein lebendes Paradoxon - - und das war sein Reiz. „Der Geselle ist weise genug, um den Narren zu spielen", sagt Viola in Shakespeares lustigem Drama, nachdem sie mit dem Clown sich eine Zeitlang unterhalten hatte („Was Ihr wollt", Akt 1U, Szene I). Gerade in diesem shakespearischen Stücke kommt der Schalksnarr, wie er einst leibte und lebte, am lebendigsten zum Ausdruck. Wir kennen ihn nicht anders, als wie er sich zu vei mummen wusste. Was war er selbst? War er traurig oder lustig, dumm oder klug, gut oder schlecht? Er war nichts von dem allen. Denn an sich war er überhaupt nichts. Mit der Schellenkappe zog er gleichsam seine Seele aus. Sein war die unerwartete Wendung, das pointierte, scharfe, pfeilschnell treffende und verwundende Wort, das Verhöhnen und Karikieren — und ein ungestraftes Lachen über alles in der Welt, in einer Zeit, als auch das leiseste Wort des Tadels gegen die bestehende Ordnung strafbar war. Aber auch mehr als Alle empfand er die Bitterkeit, die Oede Nachdruck verboten. des Lebens. „Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag", singt der Clow — und schliesst sein trauriges Lied: „A great while ago the world begun Whithe hey, ho, the wind and the rain But that's all our, one play is done And w'ell strive to please you every day." „Wir uns bemühen euch zu gefallen an jedem Tag" — Und jeder Tag stellt neue Forderungen, hat neuen Kummer, der verschluckt werden will. Drum war der Narr so beliebt, ja so notwendig. In jedem einfachen, undifferenzierten Milieu tritt dieser Spassmacher-Typus auf. Er fehlt auch nicht im jüdischen Ghetto. Man trifft ihn in den verschiedensten Ländern und Zeiten. Im XIV. Jahrhundert finden wir in Frankreich, u. z. in Paris einen jüdischen „Jongleur", d. h. einen Bänkelsänger und Spassmacher, namens Charlot, oder wie ihn der berühmte Trouveur Rutebeul nannte, Charlot le Juif. Wiew7ohl Eutebeuf seinem jüdischen Kollegen den Mangel an religiösen Ueberzeugungen vorwirft („Charlot, tu es juif et tu es chrestien" etc.), war doch dieser sicherlich unter seinen Glaubensgenossen viel heimischer und bekannter, als draussen im feudalen Frankreich. Stellen wir uns diesen Charlot vor in der komischen Tracht der alten „Jongleure" (eine Hose war gelb, die andere blau), ausgerüstet mit dem ganzen „Esprit" des alten Galliens, den er in sich aufnahm, mitten in der ehrwürdigen jüdischen Gesellschaft, mitten unter den Gelehrten und strengen Männern der Wissenschait und des Gesetzes. Die lose Zunge Charlot s und seine tolle Laune neben der klassischen Ehrwürdigkeit der „Tossafisten", der Kommentatoren und Ueberkommentatoren! Ich g'läube — der Abstand war nicht allzuweit. Einen guten Witz und ein scharfes Wort hat noch nie ein Jude, und sei er noch so ehrwürdig-solid — verschmäht. Aber Charlot war zugleich ein freier Mann, ein Gesetzesverächter, ein Fesselloser. Und seine Spässe waren einfach. Wie seine Lieder, wie sein Leben ein Protest gegen die Abgrenzungen, gegen die Isolierung der Völker gegeneinander. Wie schade, dass uns von meinen Liedern und Streichen nichts übrig geblieben ist — nichts von der Geschichte des ersten jüdischen „Marschalliks" . . . .

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