Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1908-06-01 · Heft 6 (Juni 1908) · p. Seite 397 - 398

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 6 (Juni 1908)
Article
Die Alliance-Expedition zur Erforschung des Falascha-Stammes
Date
1908-06-01
Page
Seite 397 - 398 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2583967-2583974-2598285--08415-2598359
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

397 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition zur Erforschung des Falascha-Stammes. 398 Provinzen hat feststellen können. Er sagt selbst, dass er seine Angaben „nach dem Diktat eines Priesters von Kayla-Meda bei Gondar" niedergeschriebeB habe (Revue de l'Orient, p. 222). Halevy hat nur Ualkait, die Stadt Kabta, Dschanfeniara, Wohei und Tscholga (oberhalb Dembya) besucht. Das geht wenigstens aus dem Reiseweg hervor, dem er gefolgt ist: Massaua-Keren- Kassala (auf ägyptischem Gebiet), Ualkai't-Wohei- Tscholga und zurück (siehe Seite 87/89 seines Berichts). Für meinen Weg werde ich die Angaben von Abbadie und Halevy als Grundlagen nehmen. Ich will alle von diesenbeidenGelehrtengenanntenProvinzen durchreisen. Ich will den Blauen Ml überschreiten, um in Godscham einzudringen, Damot und Agumedar durchqueren, Kuara, Adschafar und Tagessa, östlich vom Tana, besuchen. Danach will ich hinauf nach Dembya und Gondar, nördlich vom Tanasee, wieder hinab nach Begemender und endlich nach Balassa und Simen. Von Simen geht mein Weg nach Ermatschoko und Ualkait. Hierauf durchschneide ich Tacase, gehe nach Schira, Tsembila und von dort durch Axuni und Adua zurück über Erythrea. Addis-Abeba, 20. März 1908. Am Sonntag, 15. März, begaben wir uns auf die gnädige Einladung Sr. Majestät in das Palais, wo Ato Haile Mariam Pascha uns mit gewohnter Liebenswürdigkeit in dem für Fremde von Auszeichnung bestimmten Spezialpavillon empfing. Er Hess uns einige Minuten ausruhen und führte uns dann in den grossen Thronsaal (Adrasch), der zeitweilig auch als Speisesaal dient. Bevor ich Ihnen über die ganz ausnahmsweisen Ehrungen berichte, die uns zuteil wurden, muss ich Ihnen einige Einzelheiten über den Thronsaal geben. Dieser, vor zehn oder zwölf Jahren erbaut, ist 80 Meter lang, 50 Meter breit, 25 Meter hoch. Trotz seiner harmonischen Architektur macht er durch die zahlreichen Balken, die seine Mauern durchschneiden, und durch die Eisensäulen, die das dreieckige Dach tragen, den Eindruck einer Maschinenhalle. Das aussen mit Eisenblech bekleidete Dach ist sehr geschickt, ich möchte sagen, sogar künstlerisch gearbeitet. Die Bambusstauden, aus denen es zusammengesetzt ist, sind symmetrisch geordnet und durch gelbe, grüne und rote — die äthiopischen Farben — Bänder zusammengehalten, was einen reizenden Eindruck macht. Wände und Front sind mit kleinen blauen und roten Blumen mosaikartig bemalt. Im Hintergrunde des Saales, dem grossen Portal gegenüber, erhebt sich eine Estrade von 24 Meter Breite und 12 Meter Tiefe auf vier Stufen bis zu einer Höhe von 70 Zentimeter. In der Mitte dieser Estrade steht der angeblich von David herrührende Thron unter einem prächtigen, von einer Krone überragten, von vier vergoldeten Säulen getragenen Thronhimmel. Estrade und Saal sind mit reichen orientalischen Teppichen bedeckt. Der Kaiser gibt in diesem Saal seine feierlichen Audienzen und an Sonntagen und hohen Feiertagen allen seinen Gross Würdenträgern, Ministern, Heerführern und den Soldaten der Hauptstadt, zusammen etwa 15 bis 16 000 Mann, eine Mahlzeit, die Gehör genannt wird. Für diese Mahlzeit werden in der Regel etwa 100 Binder geschlachtet. Die Mahl zeit bietet eines der interessantesten Schauspiele, denen man in Abessinien beiwohnen kann. Man sieht alle diese Soldaten mit einem Stück rohen Fleisches in der Hand, das mit Salz und Pfeffer bestreut ist, und in das die Soldaten mit festen Zähnen hineiubeissen. Das ist das vornehmste Nationalgericht, der Dergo. Wir haben einer solchen merkwürdigen Szene nicht beiwohnen können, denn gegenwärtig ist Fastenzeit. Aus dem Gemach, in dem wir uns anfänglich befunden hatten, führte man uns durch einen Gang auf die Estrade selbst. Nachdem wir uns die Hände nach abessinischem Brauch in einer Schüssel gewaschen hatten, die drei Gardesoldaten uns vor der Tür präsentierten, begrüssten wir den Kaiser und nahmen an dem Tisch Platz, der uns zu seiner Linken reserviert worden war. Hinter Menelik standen 20 Militärführer in zwei Reihen, mit Schilden, Krummsäbeln und Gewehren; ihnen gegenüber der Kriegsminister mit gezogenem Säbel, zu seiner Rechten der Afa Negus (buchstäblich: Mund des Kaisers, denn durch ihn gibt er alle seine Befehle kund) und zu seiner Linken der Nagadi Ras (Handelsminister und Minister der Auswärtigen Angelegenheiten)— alle stehend. Auf dem Boden der Estrade sassen alle Gross Würdenträger, Provinzgouverneure, die sich gerade in Addis Abeba befinden, etwa hundert an der Zahl. Sie hatten vor sich auf sehr niedrigen Tischen ihre Rationen Brot, Sardinen und Beissbeerensalat — das ist das Fasten-Menü für den Kaiser und alle seine Untertanen. Wir, die israelitischen Delegierten der Alliance Israelite Universelle, sassen auf goldenen Stühlen vor einem königlich geschmückten Tisch. Tischtuch und Servietten waren mit dem kaiserlichen Wappen, die silbernen Gefässe mit verschiedenfarbigen Nelken geschmückt. Mächtige sammetne Vorhänge mit grossen Schnüren trennten die Estrade von dem übrigen Saal während des Frühstücks. Die Abbessinier glauben, dass während der niedrigen plrysischen Betätigung das „böse Auge" zu fürchten sei. Darum bedecken auch die Pagen, die den Kaiser umgeben, diesen mit ihren Schammas, wenn er sich schneuzt, hustet, gähnt oder niesst. Während der Mahlzeit ist er nur von der Menge, nicht von den Grossen des Hofes gesondert. Grosse siebenarmige Leuchter auf vergoldeten Sockeln erhellten die Estrade, während die Vorhänge herabgelassen waren. Nach beendetem Frühstück öffnete man die Vorhänge und die Türen des Saales. Die Tausende Soldaten, die im Hofe gestanden hatten, traten, ihre Führer an der Spitze, unter dem Geschmetter der Trompeten, die an die von Jericho erinnern, ein, und nahmen ihren Platz auf der Erde ein, zur Seite ihrer von den Schangallasklaven bedienten Tische. Beim Nachtisch liess mich der Kaiser durch Ato Haile Mariam, der zwischen ihm und uns aufrecht stand, tragen, ob ich einen Trinkspruch ausbringen wollte. Ich beeiferte mich, zu bejahen. Man brachte Champagner, und wie auf ein zauberisches Zeichen standen plötzlich die 5000 Kiefernpaare still. Ich erhob mich, das Glas in der Hand, und hielt unter tiefer Stille eine kleine Ansprache im Namen meiner Vorgesetzten. Ich liess die weitherzige Duldsamkeit Ihrer Majestäten, ihre Liebe zum Fortschritt hell erglänzen und schloss mit dem Wunsche für das Gedeihen der Herrschaft Ihrer Majestäten und für die Verlängerung ihrer Tage. — Die kleine Ansprache wurde durch den ersten Dolmetsch Ato Haile Mariam Wort für Wort übersetzt, und Seine Majestät erwiderte, dass er von meinen Worten sehr bewegt sei und lebhaft dafür danke. Einige Minuten später setzte sich ein kleiner kraushaariger Mann, mit einem bis zu den Knien reichenden - Hemde bekleidet, an der Taille von einem grünen Gürtel eingeschnürt, dem Kaiser gegenüber auf die Estrade. Er hielt ein kleines dreiseitiges Instrument in der Hand. Es war das einer der Asmaris oder Troubadoure. Er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.