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Ost und West · 1908-06-01 · Heft 6 (Juni 1908) · p. Seite 383 - 384

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 6 (Juni 1908)
Article
Zwei Freunde
Date
1908-06-01
Page
Seite 383 - 384 (sequence 6)
Language
German
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383 Dr. Bernhard Weiss: Zwei Freunde. 384 arbeiten. Du meinst, das ich ohne meine Nachlässigkeit — wie Du es zu nennen beliebst — dieses schon erlangt hätte; ich entschuldige Dich, da Du die Umstände und Localitäten nicht kennst. Ich hätte nur oft zu Gans gehen sollen, meinst Du, Gans wäre sogleich zum Minister gelaufen, mit dem er sehr scilicet vertraut ist oder war (denn seit der Revoluzion zählt man schon 3 Ministres de Instruction publique) und hätte ihm gesagt: mon eher ami, il faut que vous donniez tout de suite une place ä M. Münk que se connais tres bien, et ä qui j'ai donne moi meme des lecpns de latin et de grec etc. und der Minister hätte geantwortet: mon eher, saura s — je vous refuser ce petit Service; M. M. est Orientaliste? eh bien, nous le placerons joit comme professeur, soit comme interprete, soit comme secretaire d'ambassade etc. und am Ende wäre ich irgendwo im Orient Konsul und dann gar Gesandter geworden. Mein lieber Freund, ich kenne die Verhältnisse besser; pour parvenir muss man hier in Paris etwas besitzen, das ich nicht besitze, man muss zudringlich seyn, muss etwas oder vielmehr viel charlatan seyn, muss sich auf alle mögliche Weise vordrängen, und wer einmal kein Talent dazu hat, der lernts im Leben nicht. Unter andern lebenden Beispielen will ich nur den kleinen Marcus anführen, der gewiss viele und reelle Kenntnisse besitzt, und der 3 Jahre länger in Frankreich ist als ich, Als Resultat zehnjähriger Studien und Arbeiten hat er jetzt, ein Werk über Aethiopien fertig liegen, und kann nun nicht einmal dahin gelangen, es zum Drucke zu befördern. Nachdem er sich hier Jahre lang gequält hat, ist es ihm endlich gelungen, am Gymnasium zu Dijon als Lehrer des Deutschen angestellt zu werden, was gar kein grosses Glück ist, und hätte er hier nur genug Privatstunden finden können, so hätte er die Stelle gar nicht angenommen, da er, eben so wie ich, in seinem Fache nur in Paris, nicht aber in der Provinz mit Nutzen arbeiten kann. Die Lehrämter für deutsche Sprache sind die Einzigen, auf welche wir hier als Ausländer Anspruch machen können; ich hatte mich vor anderthalb Jahren unter dem Ministerium des Herrn v. Vatismenil zu einem solchen Amte an einem pariser Gymnasium gemeldet. Silvestre de Sacy verwendete sich sehr angelegentlich für mich, und Herr Poncelet, Professor der Rechte, den ich durch H. Michael Beer kennen gelernt hatte, und der ein intimer Freund des Ministers war, sagte mir noch einige Tage vor dem Minister-wechsel, ich könnte mit Bestimmtheit auf die Anstellung rechnen, je vous reponds de votre affaire. Plötzlich aber erschien das Polignacsche Ministerium, und meine Hoffnung war zertrümmert; dies Ministerium war es gerade, welches den unter dem vorigen gefassten Plan ausführte und die Lehrstühle für deutsche Sprache gründete. Jetzt sind dergleichen Stellen nicht vacant, und würden alle Empfehlungen nichts helfen. Gans erbot sich von selbst, mich zu empfehlen, ich legte aber kein grosses Gewicht auf seine Reden. Noch im Augenblicke seiner Abreise sagte er mir, er habe mrt H. von Villemain von mir gesprochen, und ihm erklärt, dass unter allen jungen Deutschen, die er hier kenne, ich der einzige sey, den er mit voller Ueberzeugung zu einem Lehiamte empfehlen könnte; ich war jedoch überzeugt, dass so wenig Notiz hiervon zu nehmen sey, dass ich es gar nicht einmal der Mühe werth hielt, hierauf zu H. Villemain zu gehen. Sollte sich übrigens wirklich eine Gelegenheit ■darbieten, mich selbst als Ausländer zu placiren, so kenne ich hier Männer genug, die mich gewiss angelegentlich empfehlen werden. Die deutschen Lehrstühle sind zum Theil mit Sprachlehrern besetzt worden, die kaum eine ordentliche, wissenschaftliche Bildung genossen haben, die kaum ihre eigene Sprache verstehen, die sich aber zu poussiren wussten, denn darauf kommt alles an. Deine Vorwürfe sind daher ungegründet und ungerecht, wenn Du sagst, ich müsse eifriger nach einem Ziele streben, aus Liebe zu meiner Mutter, zu meinen Verwandten und Freunden, aus Liebe zum Judenthume, ja endlich aus Liebe zu einer Person -. Wären die Vorwürfe gegründet, so hättest Du noch hinzufügen sollen, aus Dankbarkeit gegen einen Mann, der so viel für mich gethan hat, der mir ein zweiter Vater war, und der noch jetzt, wenn ich es nur wünschte, mich mit dem unermüdetsten Eifer unterstützen würde, mit einem Edelmuth und einer Zuvorkommenheit, und was noch mehr ist, mit einer wahren Freundschaft, wie sie in einem solchen Verhältnisse leider nur selten ist. Ach, es fehlt mir nicht an Liebe, nicht an Dankbarkeit, und was ich am sehnlichsten wünsche, ist, dies Bild durch die That beweisen zu können. Ich bitte Dich also, künftig schonender mit mir zu reden. — Mit Herrn Veit verhielt es sich auch ganz anders als Du zu glauben scheinst; ich sah ihn nur einmal ganz zufällig, und nur durch eine dritte Person mit ihm zusammengeführt, da wir einander gar nicht kannten. Herr Veit stand nehmlich in der Rue Richelieu vor der Thüre seines Hotels mit dem Geheimrath Koreff, ich ging vorbei, und da ich beschäftigt war, wollte ich schnell vorübergehen; aber Herr Koreff rief mich zu sich hinüber. Auf diese Weise kam ich auch mit Herrn Veit ins Gespräch; er sagte mir, er sey eben im Begriff nach London zu reisen, von wo er aber wieder nach Paris zurückkehren würde, und wir würden uns dann längere Zeit unterhalten können. Zugleich verlangte er meine Adresse, um mich nach seiner Rückkunft aus London besuchen oder mir wenigstens Nachricht von sich geben zu können. Nach einiger Zeit erfuhr ich aber, dass Herr Veit seinen Entschluss geändert habe, und statt nach London zu gehen, von hier nach Berlin zurückgereist sey. Wenn derselbe glaubt, in unserer kurzen Unterhaltung mir auch nur eine Sylbe von Rothschild gesagt zu haben, so ist dies ein Irrthum. — Mit der Naturalisation darf ich mich auch nicht übereilen, ich würde dadurch mein Bürgerrecht in Preussen verlieren, und ich sehe nicht ein, warum ich dies thun soll, ohne eine bestimmte Aussicht in Frankreich zu haben. — Ich bin hier mit einem protestantischen Theologen aus Frankfurt a. M., der von dem mystischen Unwesen, so wie von der Intoleranz und den Vorurtheilen der deutschen Geistlichkeit gleich weit entfernt ist, in ein freundschaftliches Verhältniss getreten. Dieser macht mir einige Hoffnung, mir an dem jüdischen Gymnasium in Frankfurt eine Stelle zu verschaffen; auch würde ich dort, wie er sagt, durch seine ausgebreiteten Bekanntschaften in sehr angenehme Verhältnisse treten. — Was Du über die Warschauer Juden bemerkst, ist sehr erfreulich; überhaupt bin ich ganz entzückt von dem Enthusiasmus, den sie für den Freiheitskampf an den Tag legen sollen, das ist die beste Widerlegung der vielen Verleumdungen, deren Opfer sie gewesen sind. Möge der Himmel mit ihnen seyn! A propos! es würde mich sehr freuen, wenn ich durch Deine Güte die beiden Broschüren haben könnte, welche die Herrn Jost und Zunz gegen die Theorie du

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