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Ost und West · 1908-06-01 · Heft 6 (Juni 1908) · p. Seite 381 - 382

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 6 (Juni 1908)
Article
Zwei Freunde
Date
1908-06-01
Page
Seite 381 - 382 (sequence 5)
Language
German
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381 Dr. Bernhard Weiss: Zwei Freunde. 382 Nummern einige Verse des Tasso an, in welchen mein Verhältniss zu ihr ziemlich treffend ausgedrückt war, sie waren aus der Episode des Olindo und der Sofronia. Wenn sie dies bemerkt hat, so weiss sie Alles; wahrscheinlich aber ist diese schüchterne Erklärung unbemerkt vorüber gegangen. Ich schied von ihr, nichts mitnehmend als einige Zeilen, welche sie mir auf ein Stammbuchblatt geschrieben, und um welche ich sie gebeten hatte. Da sie, wie gesagt, meine Bewegung bemerkt hatte, so wünschte sie mir, Ruhe und Heiterkeit wiederzufinden. Ihr Bild begleitete mich überall, es stand vor mir auf dem Gipfel der Schneekoppe, auf den Fluthen des Rheins, in dem Gewühl dieser Hauptstadt, und wie in früheren Tagen, so war es mir auch jetzt noch ein schützender Engel auf schlüpfrigem Lebenspfade. Die Zeit und meine Studien gaben mir einige Ruhe wieder, ich bildete mir sogar oft ein, ganz beruhigt zu seyn, und aHes was ich wünschte, war, sie glücklich zu sehen durch -eine ihrer würdige Verbindung. Ich theilte im Stillen ihren Schmerz um den Tod ihrer Eltern; es wäre ein Trost für mich gewesen, ihr meine Theilnahme durch Worte ausdrücken zu können, aber ich musste schweigen. Ich war gefasst darauf, bald zu erfahren, dass sie in neue Verhälinisse getreten sey, dass sie einen Jüngling beglücke, der ihrer würdig sey; und ich dachte nur (um mit dem Hunde Berganza bei Hoff mann zu reden), ich dachte nur immer: Der Teufel hole den Gemüsegärtner, der es versuchen wollte, diese edle Pflanze in seinen Küchengarten zu verpflanzen. - Aber wenn ich manchmal glaubte, ganz beruhigt zu seyn, so irrte ich mich sehr; wenn die Flamme auch zu Zeiten gedämpft war, so glimmte sie nicht minder unter der Asche fort. Es bezeugls die Bewegung, die Wehmuth, die mich jedesmal ergreift, wenn ich von ihr spreche, oder von ihr höre, es bezeugend die schlaflosen Nächte, die mir Dein Brief verursacht, es bezeugend die Thränen die mir jetzt noch ins Auge treten. Lieber Freund, Avas konnte Dich bewegen, mich durch dergleichen Hirngespinnste zu beunruhigen?, was konnte Dich bewegen, so grausam mit mir zu spielen? Gewiss, es ist nicht Deine Schuld, Du glaubst mich zu erheitern, mich zu einer gewissen Thätigkeit anzuspornen, Du täuschest nur, weil Du -selber getäuscht bist; aber warum nicht vorsichtiger seyn in solchen Dingen? wer hiess Dich über das sprechen, was Du in mir errathen haben konntest? und wer wagte es, Dir und mir mit so bitterem Hohne zu begegnen? Denn Du sprichst ja in so bestimmten Ausdrücken, behauptest ja so positiv, was mir unmöglich scheint, und andererseits wiederum so dunkel: „ich habe gehört;" „man sagt". Von wem hast Du gehört? wer sagt? ich verlange es zu wissen, ich habe das Recht dazu. Spott und Hohn habe ich nicht verdient, meiner Gefühle brauche ich mich nicht zu schämen, und wenn in denselben etwas Anmassendes lag, so habe ich es ja selbst am besten empfunden, und bin -entwichen. — Ich bin in grosser Agitation und erwarte sehr bald wieder ein Schreiben von Dir, ich habe darum, wider meine Gewohnheit, Deinen Brief so schnell beantwortet. Sey nur ja vorsichtig, lieber Freund, und gieb nicht selbst aus Unvorsichtigkeit zu Gerüchten Anlass, wie die sind, von welchen Du in Deinem Briefe sprichst. Wir wollen einmal einen Augenblick in Träumen leben, wir wollen uns einbilden, es sey wirklich so, wie Du sagst, welche Aussicht habe ich auf einen Wirkungskreis der mich zu solchen Ansprüchen berechtigte? Und hätte ich auch glänzendere Aussichten für eine fernere Zukunft, was thut dies für die Gegenwart und für die nähere Zukunft? Mein Loos, ich fühle es, ist dulden und entsagen, und hätten meine Gefühle wirklich einen Anklang gefunden in dem Herzen der Verehrten, so wäre Entsagen unser beiderseitiges Loos. Nur ist es eine bittere, schonungslose Kränkung für mich, wenn man mir Vorwürfe macht, als wäre ich selbst der Störer meines Glückes. Ich soll der Welt mit Gewalt Geistesprodukte an den Hals werfen? ach, es wird in allen Fächern zu unseren Zeiten nur zu viel gesudelt. Freilich wenn es mir bloss darauf ankäme, einem Quartanten meinen Namen vorgedruckt zu sehen, so könnte ich wie manche Andere, einen Band critischer und grammatischer Noten zusammenschmieren, um ich weiss nicht welchen arabischen Dichter zu commentiren, der kaum gelesen zu werden verdient, oder ich könnte ein Lexicon herausgeben, oder was ähnliches, aber, obgleich Philologe von Fach, hatte ich immer eine wahre Antipathie gegen solche Wortklauberei, und ich gestehe es, ich sässe lieber mit den Händen im Schooss ehe ich solche Handlanger-Arbeit machte, ich müsste denn dazu gezwungen seyn, um meinen Unterhalt zu erwerben. Ordentliche Arbeiten machen sich nicht so leicht, und setzen jahrelange Studien voraus. Ich habe z. B. so manches gesammelt über die Philosophie der Araber, aber ich würde es noch lange nicht wagen, etwas definitives hierüber dem Publicum mitzutheilen. Einerseits bot mir die hiesige Bibliothek nicht Stoff genug, andererseits überzeugte ich mich bald, dass zu einer solchen Arbeit eine tiefere Kenntniss des Aristoteles nöthig sey, als man sie an den Universitäten, oder durch das Lesen der Geschichts werke der Philosophie gewöhnlich erlangt; man muss ihn aufmerksam in den Quellen studiren, welche wiederum ein tieferes Studium des Plato voraussetzen, alles Dinge, wozu Jahre gehören, und, was die Hauptsache ist, Ruhe. Erst dann, wenn ich auf irgend eine Weise in eine ruhige, unabhängige Lage versetzt bin, werde ich mich ganz meinem Berufe widmen können. So lange ich aber von Sorgen aller Art gequält bin, so lange ich genöthigt bin, Stunden zu geben und so die schöne Zeit zu verlieren (denn bei einer Stunde Unterricht gehen in Paris oft drey darauf), kann ich an keine Arbeit denken, die, wie Du meinst, mir einen europ äi sehen Ruf erwerben soll, wenn ich auch die Fähigkeiten dazu hätte, in welcher Beziehung (ich sage es keinesweges aus falscher Bescheidenheit) Du in einem sehr grossen Irrthum befangen bist. — Dazu kommt noch die Schwäche meiner Augen,*) die es mir gar nicht mehr erlaubt, anhaltend bei Licht zu arbeiten. - Ich bin vor einiger Zeit an Cotta empfohlen und von ihm aufgefordert worden, Beiträge für die Hertha über Geographie des Orients zu liefern; ich übernahm diese Arbeit mit Vergnügen, denn sie ist angenehm und nützlich, ich habe auch bereits mehrere Druckbogen geliefert, die nun wohl erschienen seyn müssen, aber leider wird wohl die Hertha gänzlich zu erscheinen aufhören. Dergleichen Arbeiten wären mir gewiss weit angenehmer, als Unterricht zu ertheilen. - Mein Gott, was verlange ich denn? Die Ruhe und Unabhängigkeit die ich wünsche, kann mir irgend ein kleines Aemtchen, dass mich und meine Mutter mässig ernährt, auch gewähren, und dann will ich für das Weitere Bereits zu Beginn der fünfziger Jahre büsste Münk seine Sehkraft gänzlich ein. Die letzten Briefe, die ich von Münk besitze, sind der Tochter in die Feder diktiert.

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