Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Zwei Freunde
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 385 - 386 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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385 Dr. Bernhard Weiss: Zwei Freunde. 386 Judaisme des Abbe Chiarini geschrieben haben. Ich bin mit diesem Patron, der in Paris war, auf eine sonderbare Weise in Berührung gekommen, und habe mich überzeugt, dass dieser soi-disant Professeur de langues et d'antiquites orientales de l'universite de Varsowie kaum über die Elemente hinaus ist. Ich hatte ebenfalls Materialien zu einer starken Broschüre gegen ihn in Bereitschaft; da ich aber die Druckkosten scheute und hier nicht auf viele Abnehmer rechnen zu können glaubte, so begnügte ich mich, Auszüge aus derselben in ein hiesiges Journal, in einer Reihe von Artikeln, einrücken zu lassen, jedoch ohne meinen Namen zu unterzeichnen; ich setzte bloss die Anfangsbuchstaben S. M. — Der Abbe Ch., welcher wohl wusste, wer der Verfasser jener Artikel sey, soll sich in einem Berliner Journal über dieselben beklagt und sie verleumderisch genannt haben. Es wäre wohl aber einfacher gewesen in einem Pariser Journal darauf zu antworten. Herr Tugendhold, ein jüdischer Gelehrter in Warschau, welchem meine Artikel zu Gesichte gekommen waren, schrieb an den hiesigen Rabbiner, und gab einige curiose Notizen über Herrn Chiarini. Zugleich bat er den anonymen Verfasser jener Artikel, dieselben in einer Broschüre zu sammeln und eine Anzahl Exemplare nach Warschau zu schicken. Er erbot sich, eine Summe zu den Druckkosien beizusteuern. Ich war auch wirklich gesonnen, die Broschüre mit vielen Details und Citaten, welche in dem Journale ausbleiben mussten, herauszugeben, als plötzlich die Warschauer Revoluzion ausbrach und dies ganz unnöthig machte. Mr. Chiarini est enforce, und es lohnt nun kaum noch der Mühe, nur einige Notiz von ihm zu nehmen. Es wäre hier zu weitläufig auseinander zu setzen, wie er mich hier zu hintergehen und sogar zu bewegen wusste, die Correctur seines miserablen Machwerks zu übernehmen, in welchem ich bald ein elendes Plagiat Eisenmengers und anderer Libellisten fand. Du ersiehst aus dem Gesagten, dass es mich interessieren könnte, die beiden oben genannten Broschüren zu lesen; indess hat es damit keine Eile, und Du kannst mir sie gelegentlich einmal zukommen lassen. Mein Freund und Wohlthäter Herr Michael Beer*) ist jezt in München, wo er wohl den Winter über bleiben wird. Er hatte gewünscht, dass ich mit ihm dort lebe; aber als Orientalist ziehe ich es vor, so lange ich kann in Paris zu bleiben, und dies um so mehr, da ich hier nun im Stande bin, selbst für meinen Unterhalt zu sorgen. Herr Beer, welcher in München bei Hofe in Ansehen steht und mit dem Minister v. Schenk sehr befreundet ist, hofft noch immer, mich früh oder spät an der Münchner Universität unterzubringen; ich zweifle jedoch, dass ihm dies je gelinge. In jedem Falle würde es mir als Jude sehr schwer werden, es bis zum ordentlichen Professor zu bringen, und ein Orientalist, wenn er sonst kein Vermögen hat, kann doch nur als solcher an einer Universität leben. — Madame Beer, welche hier in Paris lebt, und mit der ich auf einem recht freundschaftlichen Fussestehe, hatmirschon mehrmals den Vorschlag gemacht, wenn sie nach Berlin zurückginge, sie dahin zu begleiten, dort in ihrem Hause zu leben, und später die Erziehung ihres Enkels zu übernehmen. Ich gestehe es, dass ich nicht eben sehr geneigt bin, jetzt erst noch in die Carriere des Erziehers einzutreten und mich so auf längere Zeit zu binden. Ueberdies habe ich es mir bei meiner Ab- *) Der bekannte Dichter, Bruder von Meyerbeer. reise aus Berlin stillschweigend gelobt, vorläufig diese Stadt nicht wieder zum bleibenden Aufenthalt zu wählen, ich wäre denn völlig geheilt — aber ich bin es nicht. — Lieber Freund, ich war Egoist genug, um in diesem langen Briefe immer nur von mir zu reden, aber ich habe Dir oben schon den Grund angegeben, warum ich Dir schon jetzt wieder schreibe, und habe Dir offen gestanden, dass es diesmal bloss in meinem Interesse geschieht. Was Dich betrifft, so will ich vorläufig nur bemerken, dass ich es für sehr, unbesonnen hielte, wenn Du*) Deine jetzigen Verhältnisse in Berlin aufgäbest und ohne Aussichten nach Paris gingest; Du würdest gegen Dich selbst und gegen Deine Eltern sündigen. Was Deine Studien betrifft, so kannst Du sie jetzt noch in Berlin mit grösserem Nutzen betreiben Erst nach Vollendung derselben würde Dir der Aufenthalt in Paris nützlich seyn, um die hiesigen Anstalten zu besuchen. Ein anderes Mal mehr davon. — Alle meine Freunde grüsse ich zwar recht herzlich, doch versteht es sich, dass dieser Brief ihnen ein Geheimniss bleibt. Und da doch nun einmal der erste Schritt gethan ist, und Du Dich selbst in jene Familie eingeführt hast, so überbringst Du wohl Herrn u. Mad. S. und besonders der Dem. P. wiederum meine herzlichsten Grüsse. — Ich sehe mit Sehnsucht Deiner Antwort entgegen, die hoffentlich nicht lange ausbleiben wird. Bedenke nur, in welche Bewegung mich Dein Brief gesetzt hat. — Zum Schluss nimm die herzlichsten Glückwünsche zu Deiner neuen Laufbahn, von Deinem S. M» Nachschrift. Ueber Politik brauche ich nichts hinzuzufügen, da Du ja die französischen Blätter liesest; dass sie Dich sehr interessiren, scheint mir sehr natürlich. Mit Recht hebst Du Peyronnets Verteidigungsrede als bemerkenswerth hervor; der verhasste Mann hat durch diesen schrecklichen Prozess in der öffentlichen Meinung viel gewonnen. Wer hätte es gedacht, dass man um Peyronnet Thränen vergiessen würde, um Peyronnet, der unter der Verwaltung Villeles den Hass ganz Frankreichs und aller Freunde der Freiheit so schwer auf sich geladen! Unter den vier Angeklagten stand dieser Mann am edelsten da. Sein fester, männlicher Character trat durch den Stumpfsinn Polignacs und dessen stupides Benehmen noch besser hervor. Freilich mochte Peyronnet in dem in seiner Verteidigungsrede entworfenen curriculum vitae sich edler zeigen als er wirklich war; aber wie er hier erschien, fand ich in seinem Leben und in seiner Entfernung vom Schauplatze etwas Tragisches und tief Erschütterndes, das Walten eines unglückseligen Fatums, das ihm von Jugend auf eine Richtung gab, welche ihn nothwendig in diese verderbliche Bahn führen und in den Abgrund stürzen musste. - Der ruhmvolle Ausgang dieses Prozesses ist ganz der glorreichen Revoluzion des Juli würdig. Gottlob, dass sie fleckenlos geblieben ist, und sich selbst nicht mit dem Blute derer besudelt hat, durch deren verstockte Tyrannei Ströme unschuldigen Blutes geflossen sind. Die hypocritischen Höflinge, die das Blut ihrer Freunde gern hätten fHessen sehen, um dann ein heuchlerisches Ach und Weh zu rufen über die blutigen Excesse der Revoluzion, stehen nun beschämt da. Frankreich hat die Sünden von 1793 abgebüsst, und selbst die Manen der beiden unglücklichen gekrönten Häupter, die auf dem Schaffotte dahin rollten, müssen versöhnt auf ihr edles Volk herabsehen. *) Weiss hatte gerade das Abturientenexamen in Berlin bestanden und die Universität bezogen.