Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Zwei Freunde
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 379 - 380 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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379 Dr. Bernhard Weiss: Zwei Freunde. 380 um diesen Trostengel, der der zerknirschten Menschheit vom Himmel gesendet worden, diesen Genius der Liebe und aller edlen und reinen Gefühle ganz aufzufassen. Ich verdankte ihm viel, denn er gewährte mir Trost und Erleichterung. Er lehrt uns besser als alle unsere Sophisten Schmerz und Leiden ertragen; ja er tut noch mehr, er theilt sie mit uns, er weint mit dem Unglücklichen, aber er lässt ihn nicht verzweifeln, und wenn der Schmerz ihn überwältigt, so träufelt er lindernden Balsam in das kummervolle Herz, ein Strahl der Hoffnung durchzuckt es, und in der Ferne zeigt er dem Unglücklichen die Morgenröthe schönerer Tage und eines heiteren Daseyns. Aber wenn Jean Paul mich einerseits tröstete, so steigerte er andererseits meine Gefühle, und brachte sie mir erst recht klar zum Bewnsstseyn. In Clothilden, in Wina, in Beaten, und wie sie alle heissen, die himmlischen Geschöpfe seiner Phantasie, schwebte mir nur ihr Bild vor Augen, und ich war vernichtet, wenn ich an meine Nichtigkeit dachte, und (um mich hier eines Jeanpaulschen Ausdruckes zu bedienen)wenn ich mich Ambe oder dummen Auszug mit der weiblichen Quinterne verglich, die meinen Geist beschäftigte. Ich sah keinen anderen Ausweg als die Flucht; ich zog mich zurück, entbehrte oft wochenlang des theuren Anblicks. Man hielt meine Zurückgezogenheit für Schüchternheit, aber man irrte sich. Ich ging noch weiter, ich beschloss Berlin zu verlassen; während ich aber noch unschlüssig umherschwankte, sagte man mir eines Tages, Dem. P. sey nahe daran sich zu verloben. Der, welcher mir diese Nachricht überbrachte, ahnte sicher nicht im geringsten, was in mir vorging; ich suchte meine Bewegung, so gut ich konnte, zu verbergen, aber von der Stunde an war mein Entschluss unwiderruflich gefasst, ich machte ernstlich Anstalten zu meiner Reise nach Paris. Denn obgleich die Nachricht, die ich erhalten hatte, ungegründet war, so musste ich mich doch, dachte ich, früh oder spät auf ein solches Ereignis gefasst machen. Ich konnte jedoch nicht sogleich Berlin verlassen, und hatte nach dem gefassten Entschlüsse etwa noch ein halbes Jahr dort zuzubringen. In diese Zeit fiel meine nähere Bekanntschaft mit der unglücklichen Emilie. Dieses überspannte, allzuzart fühlende junge Mädchen war von einem tiefen Kummer niedergebeugt, ich begegnete ihr, wenn auch nicht zuvorkommend, doch mit vieler Theilnahme. In der Stimmung, in welcher ich mich befand, musste mich ihr Schmerz desto tiefer bewegen, sie fasste zu mir ein unglückseliges Vertrauen, das ich nicht hervorgerufen hatte, sie sass oft, wie Du weisst, stundenlang in meinem Zimmer, sie gab sich vor mir ganz ihrer Schwermuth hin, ich bot alle meine Beredsamkeit auf, um sie zu trösten, und oft fand uns die Stunde der Dämmerung beide erweicht und in Thränen zerflossen neben einander sitzen. Sie näherte sich mir mit einem Zutrauen, ja mit einer Vertraulichkeit, die mir auffiel und mich sehr beunruhigte; sie brachte mir eines Morgens eine Locke aus ihrem Haar und bat mich, sie nach ihrer Abreise zum Andenken zu bewahren (denn sie sollte sich ausserhalb Berlin verheirathen). Eines Abends war ich in der Dämmerung auf meinem Sopha eingeschlummert, plötzlich fühlte ich mein Gesicht von einer zarten Hand berührt, ich erwachte, Emilie stand vor mir; sie gestand mir, dass sie mich mit einem Kusse wecken wollte, es aber doch nicht wagte, da sie meine Zurückhaltung und mein Ernst schüchtern gemacht, und sie mich immer für einen Weiberfeind gehalten habe. Ich war beinähe mädchenhaft verlegen, und suchte mich, so gut ich konnte, herauszuziehen. Gewiss, die Nähe dieses liebevollen und sentimentalen Geschöpfes hätte mir gefährlich werden können, hätte nicht ein höheres, tugendhafteres Bild meine Seele erfüllt, und alsein warnender Genius mir vorgeschwebt. Du weisst es, wie sehr mich das schauderhafte Ende des unglücklichen Mädchens erschütterte, man verargte mir meinen tiefen Schmerz und missdeutete ihn auch wohl, aber die Freundschaft, die Em. mir geschenkt hatte, und meine ganze damalige Gemüthsstimmung erklären ihn zur Genüge. — Ich führe diese Episode hier an, da sie zur Charakterisirung meiner damaligen Lebensepoche ein wichtiger Beitrag ist. — Die Zeit meiner Abreise rückte indess immer näher, ich besuchte die Familie P. immer seltener, aber ich freute mich doch, wenn ich in irgend einer Angelegenheit hinzugehen genöthigt war, und mir wieder der Anblick derjenigen vergönnt war, die ich floh und doch suchte. Ich erinnere mich, dass ich einmal so 5 bis 6 Stunden lang auf dieser süssen Folter war; es war am Hochzeittage ihrer Cousine, der nunmehrigen Mad. S., ich war eingeladen und musste bongre malgre hingehen. Ich dachte: carpe diem und quid sit futurum cras, fuge quaerere; das Glück war mir so günstig, dass ich neben ihr meinen Platz nehmen konnte, aber geschäftig schob sich, ehe ich mich versah, eine andere Person dazwischen, die mich noch oben drein ennuyirte. Ich nahm wenig Antheil an Allem, was um mich her vorging, und mochte meine Nachbarn wohl eben so sehr ennuyiren, als sie mich. Meine Reise nach Schlesien gewährte mir viele Zerstreuung, mit meinem Wanderstabe durchzog ich ziemlich heiter Rübezahls schauerliche Wohnungen, und verlebte auch dann im Kreise der Meinigen noch einige recht frohe Tage. Als aber die Trennungsstunde schlug, als ich mir der unerfreulichen Gegenwart wieder bewusst wurde und hinaus sah in die trübe Zukunft, und die Thränen sah in den Augen der guten A4utter und der Geschwister, die sich vergebens bemühten ihren Schmerz zu verbergen, da überwältigte mich ein Schmerz, wie ich ihn nie empfunden, der mich so sehr ergriff, dass ich die Hoffnung aufgab, je wieder heiter werden zu können. Meine Schwester in Grüneberg, die Bildung und zartes Gefühl hat, und mit der ich am meisten unter meinen Geschwistern sympathisire, hatte etwas von dem bemerkt, was in meinem Herzen vorging,- sie führte mir nur zu wohl die Notwendigkeit vor die Augen, dergleichen Gefühle zu unterdrücken; aber sie wusste nicht, wie sehr sie mich beherrschten. Noch ganz vom Abschiede erfüllt, kam ich in Berlin an, wo mir ein zweiter schmerzlicher Abschied bevorstand; was ich in den letzten Tagen meines dortigen Aufenthaltes litt, weisst Du am besten, da ich bei Dir wohnte, ich hatte die Absicht, derjenigen der ich nun fliehen wollte, und der meine Gefühle für sie nicht ganz entgangen seyn konnten, diese Gefühle doch auf irgend eine verständliche Weise zu erkennen zu geben, aber ich war immer zu schüchtern und wagte es nicht; den vorletzten Tag schrieb ich ihr einige verworrene Verse ins Stammbuch die etwas von meiner inneren Bewegung verrathen konnten. Ferner schenkte ich ihr einen Tasso, der sie an unsere italienischenLectionen erinnern sollte; ich schrieb vorn auf ein leeres Blatt, in italienischer Sprache, dass ich ihr dies Büchlein als einen schwachen Beweis meiner vollkommenen Achtung und Freundschaft anböte, und oben am Rande deutete ich durch einige mit Blei geschriebene