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Ost und West · 1908-06-01 · Heft 6 (Juni 1908) · p. Seite 377 - 378

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 6 (Juni 1908)
Article
Zwei Freunde
Date
1908-06-01
Page
Seite 377 - 378 (sequence 3)
Language
German
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377 Dr. Bernhard Weiss: Zwei Freunde. 378 Erfahrung bringen können. Vielleicht hilft mir ein Leser oder eine Leserin auf die Spur. Für jede Mitteilung wäre ich von Herzen dankbar. Und nun zur Sache! * * * Paris den 14. Januar 1831 Mein bester Freund. Deinen Brief, versiegelt mit sieben Siegeln,*) gleich jenem geheimnissvollen Buche in der Apocalypse, verschlang ich, gleich dem Apostel, und er war in meinem Munde süss, wie Honig. Aber,ich gestehe es,ich war etwas ärgerlich über die sieben Siegel, es war zu viel für meine Ungeduld, und überdies konnte mir auch durch das gewaltsame Zerreissen manches Wörtchen verloren gehen. Was mag wohl dieser Brief mir enthüllen? wenigstens eine Verschwörung gegen unseren allverehrten und allergnädigsten Monarchen, zu der man wohl gar auf meine Mitwirkung zählt, da ich hier in der Officin der Revoluzionen lebe, und mich ja nur an irgend einen Jacobiner-Club zu wenden brauche, um alle mögliche Hülfsmittel und allenfalls auch ein Plänchen fix und fertig zu erhalten. So dachte ich; aber nein, es war eine Bothschaft des Friedens, aus der mir mannigfacher Genuss entströmte, doch auch — nicht wenig des Schmerzes. Lieber Freund; nachdem Du mir so viele Beweise einer innigen und reinen Freundschaft gegeben hast, verdienst Du es wohl — ja es ist sogar meine Pflicht — dass ich mit Offenheit und Vertrauen zu Dir rede. Wohl ist es wahr: infandum jubes renovare dolorem, doch ist es der süsseste Schmerz, und ich versetze mich gern zurück in jene wehmuths- und wonnevollen Tage, wo ich mich sättigen konnte jenes Schmerzes, bis ich das Wesen floh, das mein Gemüth so tief bewegte, dessen Bild aber stets meiner Seele vorschwebt wie ein schützender Genius, tröstend in trüben Stunden, bewahrend vor Abwegen und Verirrungen. Du erriethst mich; aber nicht ganz; wie mächtig ich ergriffen war, das ahnte keines Menschen Seele, und dass ich mich Niemanden anvertraute, war nicht Verschlossenheit, sondern die ausserordentliche Verehrung, die ich für jenes tugendhafte Wesen hegte, und das Trost- und Hoffnungslose in den Gefühlen die sich meiner bemächtigt hatten, Hess mich befürchten, schon durch die geringste Entdeckung die verehrte Person zu verletzen, und mich in den Augen Anderer lächerlich zu machen. Ein Geständniss würde mich zu nichts geführt haben, und die Unannehmlichkeiten die es mir zugezogen hätte, würden meinem Schmerze seine poetische Seite geraubt und ihn mir unerträglich gemacht haben. Jetzt aber, da die Sache unter uns zur Sprache gekommen ist, da Du selbst unklug genug bist, die noch nicht erloschene Flamme von neuem anzuschüren, und wahrscheinlich von irgend einem Irrthum geblendet, mir Hoffnungen vorspiegelst, zu denen mein Gemüth sich nie zu erheben wagte, und von denen auch jetzt kein Schimmer in meine düstere Seele einzudringen vermag — jetzt darf ich nicht mehr schweigen, darf nichts verhüllen, und ich will mich Dir, der unter allen meinen Freunden mir das meiste Interesse und die t'reueste Anhänglichkeit bewiesen hat, (versteht sich, unter dem Siegel der Verschwiegenheit) ganz vertrauen. Ja, eine hoffnungslose Liebe zerrüttete mein schon durch manche Schläge des Schicksals tief ge- *) Die gesperrt gedruckten Worte sind im Original unterstrichen. beugtes Gemüth, als ich in unserem Athen nach geistiger Ausbildung strebte. Jahre lang nährte ich das heilige und reine Feuer in meinem Busen, bis ich endlich zu fliehen beschloss, ja — lächele oder erstaune nur immer über den kaltscheinenden Philologen — ich gestehe es, meine Abreise aus Berlin war eine Flucht; denn obgleich ich eine Reise nach Paris für meine Studien zuträglich oder gar nothwendig erachtete, so hätte ich doch die Ausführung meines Reiseplans noch länger verschoben, hätte mich nicht so schnell aus den Armen der Meinigen gerissen, wenn ich nicht diesen heroischen Entschluss für unumgänglich nothwendig gehalten, und gehofft hätte, in der weiten Entfernung und in dem Getümmel der grossen Welt die verlorne Ruhe wiederzufinden, die mir zu meiner wissenschaftlichen Ausbildung so nöthig war. — Als ich nach Berlin kam, war sie kaum dem Kindesalter entwachsen; ich stand gerade in einem Alter, wo das Herz für Eindrücke am meisten empfänglich ist. Der Zutritt in das Haus ihrer Eltern stand mir offen. — Ich war von jeher (und dies war eine Folge meiner früheren Erziehung) etwas zurückhaltend und schüchtern gegen das schöne Geschlecht, und so stand ich auch zu den beiden liebenswürdigen Geschöpfen in jenem Hause immer in einer gewissen Entfernung, bis mich ihnen später der Sprachunterricht, welchen ich ihnen erteilte, etwas näher führte. Bald aber beschränkte sich dieser Unterricht bloss auf die Tochter des Hauses; ich hatte Gelegenheit, durch öftere Digressionen und stundenlange Unterhaltungen über mancherlei Gegenstände, besonders aus dem Gebiete der Litteratur ihren Geist und ihr Herz genauer kennen zu lernen. Vor meinen Augen sah ich diese herrliche Blüthe sich entfalten, und unversehens stand sie da, eine der schönsten Zierden ihres Geschlechts. Die Unterhaltungen mit ihr wurden mir immer anziehender, ja bald wurden sie mir ordentlich zum Bedürfniss; ich fühlte, dass mir etwas mangelte, was mir kein Lehrer, kein Freund, kein alter Klassiker, selbst kein Dichter zu gewähren vermochte; ich suchte diese Leere durch die Unterhaltung mit einem geistvollen und tugendhaften Mädchen auszufüllen, und versprach mir davon den wohltätigsten Einfluss auf mein ganzes Wesen. Und was ich suchte, das war mir so nahe, und bald erfuhr ich es, wie mächtig es mich hinzog zu jener tugendhaften und gefühlvollen Seele, in der so manche Saite in harmonischem Ein klang mit der meinigen war, — die mir so viele Hochachtung eingeflösst hatte, und an die ich nun mit unwiderstehlicher Liebe gefesselt ward. Ich machte mir keinen Augenblick auch nur die geringsten Illusionen, ich fühlte das Trostlose meiner Lage in seinem ganzen Umfange, und mein ganzes Streben musste darauf hingehen, eine Leidenschaft zu bekämpfen, die mir sehr gefährlich werden konnte; aber es war zu spät. Du weisst es am besten, wie wenig Erfreuliches meine äussere Lage hatte, aber der Schmerz in meinem Innern Hess mich alles Andere vergessen, und mit diesem ganz beschäftigt, hätte ich selbst das Unerträglichste erduldet. Alle Sorgen in Betreff meiner Lage schienen mir kleinlich und meiner unwürdig; denn wie unglücklich mich auch meine Liebe machte, so war ich doch gewissermassen stolz auf die Gefühle die mich beseelten, sie waren die reinsten, die je ein Herz erfüllten, und auch nicht der leiseste Anflug von Sinnlichkeit trübte ihre Reinheit. In dieser Stimmung war ich, als ich die Schriften des unsterblichen Jean Paul kennen lernte, es war gerade die rechte Stimmung,

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