Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Notwendigkeit und Berechtigung einer innern Mission unter den Juden
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 365 - 366 (sequence 4)
- Language
- German
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365 Julius Bäsch: Notwendigkeit und Berechtigung einer inneren Mission unter den Juden. 366 nicht eine so inferiore Kasse und so minderwertige Menschen sind, wie man es leider gerade heutzutage wieder vielfach hinzustellen beliebt. Während wir nun im mosaischen Bekenntnis Wissenschaft und Dogma in vollster Harmonie finden, quälen sich katholische und evangelische Theologen und Apologeten vergeblich, den Zwiespalt zwischen dem klar erkennenden Verstände und den dogmatischen Forderungen ihrer Lehren zu beseitigen. Theoretisch erkennen selbstredend alle christlichen Theologen den Monotheismus als das sittlich höchststehende Bekenntnis an. Es ist aber nirgends und niemand gelungen, selbst Harnack nicht, der alles Lästige kühn beiseite wirft, um die Trinität, die Gottheit des Menschen Jesu zu retten, eben diese Trinität, die Dreieinigkeit, dem Verstände als monotheistisch hinzustellen. Die Trinität war in historischer Zeit monotheistisch, vor der paulinischen Heidenmission, als Jesu Gottes Verkünder, Gott die Gottheit, und der heilige Geist die Aeusserung des göttlichen Wesens und Willens war. Aber diese goldene Brücke hat die christliche Kirche längst definitiv hinter sich abgebrochen iu klarer Erkenntnis der Tatsache, dass dann, aber auch nur dann, der wesentlichste Unterschied zwischen mosaischem Bekenntnis und christlicher Lehre beseitigt wäre. Wir könnten noch das Wesen des heiligen Geistes begreifen, als Bezeichnung dessen, nicht wie Pastor Bieling meint, was als göttliche Kraft die Propheten begeisterte, sondern was als sittlich höchststehende, von Gott gewollte Denkungsart die Menschen erfüllt. Wir können aber diese Aeusseniug der Gottheit nicht als selbständige Gottheit anerkennen und trotzdem den Glauben an ein göttliches Wesen vorgeben. Während es nun den christlichen Theologen und Apologeten nicht gelingt, die klaren Einwürfe der jüdischen Polemik zu zerstreuen, ist es sogar dem jüdischen Laien möglich, die Vorwürfe, die der mosaischen Lehre gemacht werden und die die Superiorität des Christentums dartun sollen, zu widerlegen. Es muss uns mit höchster Befriedigung erfüllen, dass es nur zwei immer wiederkehrende Argumente sind, die wir von christlicher Seite zu hören bekommen, zwei Einwände, deren nebensächlicher Charakter selbst dem auf religiösem Gebiet ungebildeten Laien auffallen muss. Die evangelische Judenmission, die gewiss mit Aufgebot alles gelehrten Rüstzeugs und apologetischen Scharfsinnes auf die Suche geht, kann der mosaischen Ethik nur zum Vorwurf machen, dass sie die Feindesliebe nicht kenne, und der jüdischen kirchlichen Verfassung, dass sie nach dem eingangs erwähnten Grundsatz keine Missionstätigkeit nach aussen entfalte. Der Vorwurf, dass die jüdische Ethik das Gebot der Feindesliebe nicht kenne, bereitet uns nicht, wie Pastor Bieling meint, einige Verlegenheit; denn abgesehen davon, dass wir mit Lipps*) die Feindesliebe nicht als sittlich anerkennen können, heisst es im Pentateuch: Den Aegypter sollst du nicht verabscheuen; denn du bist Gast gewesen in seinem Lande — ein Gebot, zu dem Prof. Comill wörtlich bemerkt: Wenn das nicht der Feindesliebe sehr nahe kommt, müsste ich wahrhaftig kein Deutsch verstehen.**) Ebenso leicht wie dieser Vorwurf ist auch das Argument zu entkräften, dass wir keine Missionstätigkeit nach aussen entfalten. Das Fehlen einer Christen- und Heidenmission entspringt der eingangs erwähnten toleranten Gesinnung, die schon im Pentateuch zum Ausdruck kommt.: An jeglichem Orte, wo ich meinem Namen ein Gedcächtnis stifte, werde ich zu dir kommen und dich segnen — der toleranten Gesinnung, die Arnos schon erkennen lässt, dass das Verhältnis zu Gott ein sittlich bedingtes istr das bei Erfüllung der ethischen Forderungen von jedem andern Volke ebenso gut hergestellt werden kann, wie von Israel. Das Fehlen einer äusseren Mission ist die Folge des Grundsatzes, den unsere Weisen aufgestellt und verkündet haben: Die Frommen aller Völker, also auch aller Kulte, haben Anteil au der ewigen Seligkeit. An der Hand unwiderleglicher Beweisstellen aus Pentateuch und Propheten haben wir die beiden einzigen Punkte, die christliche Theologen für die Superiorität ihres Bekenntnisses in die Wagschale zu werfen haben, widerlegt. Wir haben dagegen die religiöse Pflicht, alle Menschen zu frommen, d. h. zu sittlich hochstehenden Menschen erziehen zu helfen, durch unser Vorbild dahin zu wirken, dass alle Kinder des einen Gottes ein Gott wohlgefälliges Leben führen. Dazu müssen wir vor allem aa uns selbst arbeiten, unablässig strebend im Dienste der inneren Mission. Innere Mission ist gleichbedeutend mit Hebung des geistigen und sittlichen Standes unserer Glaubens- *) Die ethischen Grundfragen Theodor Lipps. S. 49 u. a. 0. **) Das alte Testament und die Humanität Carl H. Cornill S. 18.