Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Notwendigkeit und Berechtigung einer innern Mission unter den Juden
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 363 - 364 (sequence 3)
- Language
- German
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363 Julius Bäsch: Notwendigkeit und Berechtigung einer inneren Mission unter den Juden. 364 Sämtliche evangelische Judenmissionare aber unternehmen in ihren Vorträgen auf der VII. internationalen Konferenz in Amsterdam 1906 nicht einmal den geringsten Versuch zur Widerlegung der von ihnen zusammengefassten Angriffspunkte der jüdischen Polemik. Ueber den wichtigsten, die Trinität, gehen sie alle als scheinbar nebensächlich möglichst ruhig hinweg. Bieling erwähnt zwar*) die Worte des Dr. Felix Perles, der vom jüdischen Theologen gegenüber dem christlichen meint: Welche Seelenkämpfe sind ihm erspart! Sein Geist wird nicht durch Verstandes widrige Dogmen geknechtet, er braucht darum nicht erst durch einen gewaltsamen Bruch sich die Freiheit des Denkens zu erobern; er braucht nicht unzählige Dinge zu verteidigen, die sich eigentlich gar nicht verteidigen lassen.**) Aber eine Widerlegung dieser begründeten Angriffe wird gar nicht versucht, die betreffenden Dogmen gelten als Glaubenssache, die nicht verstandesmässig zu erfassen und kritisch klarzulegen ist. Wenn ferner Prof. Strack meint, die im Pentateuch vorgeschriebenen Institutionen Sabbatruhe, Beschneidung und Versöhnungstag werden stets Erkennungszeichen des Judentums sein, so geben wir ihm gewiss recht; aber nicht darin besteht der grundlegende Unterschied zwischem mosaischem Bekenntnis und christlicher Lehre. Diese drei Punkte, so wichtig sie sind, gehören nur zur äusseren Form; der ewig unverrückbare Kern unseres Bekenntnisses war, ist und bleibt der Glaube an ein göttliches Wesen, der Monotheismus in seiner reinsten und umfassendsten Form. Israel hat nie eine Mythologie gehabt, und ist das einzige Volk, welches die Gottheit niemals geschlechtlich differenziert hat. Das geht so weit, dass die hebräische Sprache gar nicht im Stande ist, nur das Wort Göttin zu bilden.***) Nicht die Unterschiede in Formen und Gebräuchen bewegen heute die denkende Welt, zu der wir mehr und mehr die Gesamtheit der Menschen zu zählen haben und nicht nur die oberste Schicht der Gebildeten. Der Kampf um eine befriedigende Weltanschauung konzentriert sich um die Schlagworte Atheismus und Monotheismus, um die Erklärung der AVeit und aller Erscheinungen auf ihr nach rein physikalischen Gesetzen, oder um den *) Jahrbuch der evangel. Judenmission I. Bd. S. 51. **) Was lehrt uns Harnack. Dr. Felix Perles. ***) Der israelitische Prophetismus. Carl H. Cornill. Glauben an eine Gottheit, deren Wesen alle Erscheinungsformen erfüllt. Die Frage nach dem Sinn und Wert des Lebens ist es, die wir von unserer Weltanschauung, sei sie eine atheistische oder eine religiöse, beantwortet haben wollen. Wenden wir uns von dem Atheismus mit seiner Negation unbefriedigt ab, so kann es nur der reinste Monotheismus sein, der uns nicht in einen Zwiespalt mit dem Ergebnisse der modernsten Wissenschaft und dem menschlichen Verstände bringt. Die Worte, mit denen L. Wahrmund seinen, berühmt gewordenen Vortrag „Katholische Weltanschauung und freie Wissenschaft" schliesst, sind geeignet, uns über den Einklang zwischen Wissenschaft und Lehre im Judentum aufzuklären. Wahrmund kommt zu der Erkenntnis, dass die katholische Lehre sich mit der wissenschaftlichenForschung nicht vereinen lässt, und fährt dann fort: Und doch hat auch die Wissenschaft ihren Gott und ihren Glauben. Freilich ist es kein Gott, welcher den Menschen von vornherein nach seinem Ebenbiide schuf, um ihn später dem Tiere gleich werden zu lassen; kein Gott, der sein Geschöpf aus dem Paradies der Urzeit in den Abgrund der Sünde verstiess. Es ist vielmehr ein Gott, welcher seine Geschöpfe in stetem Werden und Vergehen zu immer höheren Daseinsformen emporsteigen liess und uns damit den trostreichen Glauben verlieh, dass ewige Gesetze eine fortschreitende Entwicklung nach aufwärts verheissen, dass es uns vergönnt ist, in unablässiger Arbeit und redlichem Streben dem Ziele der Vollkommenheit immer näher zu rücken. Inwieweit diese wissenschaftliche Ansicht, die das Göttliche als eine Aufgabe, ein Ziel bezeichnet, dem Judentum seit Jahrtausenden wesensgleich ist, führt Carl H. Cornill, Prof. der Theologie an der Universität Breslau in seinen Vorträgen über den jüdischen Prophetismus einleitend meisterhaft aus mit den Worten: Wenn das gemeinsemitische Wort für Gott — el — etymologisch das Ziel bezeichnet, d. h. denjenigen oder dasjenige, welchem alle Menschensehnsucht zustrebt und zustreben muss, wenn also durch dieses Wort für Gott schon von den Ursemiten die Religion als eine Aufgabe für den Menschen und als eine Verheissung ihrer schliesslichen Lösung bezeichnet wird, so ergibt sich daraus doch auch mit unwiderstehlicher Klarheit, dass die vielverrufenen und vielgeschmähten Semiten durchaus