Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1908)
- Article
- Notwendigkeit und Berechtigung einer innern Mission unter den Juden
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 361 - 362 (sequence 2)
- Language
- German
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361 Julius Bäsch: Notwendigkeit und Berechtigung einer inneren Mission unter den Juden. 362 Forderungen nur unter anderen Formen erheben, nicht der ewigen Seligkeit teilhaftig werden können; was wir nicht kennen, ist der den Gottesbegriff ins Menschliche verkleinernde Glaube, dass ein Gott wohlgefälliges Leben nicht nur das Eechte und Gebotene tun, sondern es auch unter bestimmten äusseren Formen tun müsse. Das Judentum hat eben einen universelleren, oder richtiger den universellen Gottesbegriff. Der wahre Monotheismus sieht Gott als den Vater alles Erschaffenen an, und Israel, das längst den Schritt vom Henotheismus zum Monotheismus getan hat, hält nicht die Form, unter der Menschen ihren Gott verehren, für das Wesen der Keligion. Es ist die letzte und höchste Aufgabe jeder Religion, uns zu besseren, ethisch hochstehenden Menschen zu erziehen, in unserem Herzen die Liebe zu Gott und Menschen zu entzünden; und wenn der Gradmesser des Wertes einer Eeligion darin liegt, inwieweit es ihr gelingt, diese höchste Aufgabe zn lösen, so braucht die Religion Israels diese Prüfung wahrlich nicht zu scheuen.*) Wir glauben eben, dass die Gottheit, menschlich gesprochen, nur Wert darauflegt, inwiefern Menschen der Lösung dieser höchsten Aufgaben nahe kommen, und nicht, unter welchen Formen sie die Verehrung ihres sittlichen Gesetzgebers und des Schöpfers aller Dinge betätigen. Vor allem jedoch ist das Judentum überzeugt, dass Ueberredung, materielle Besserstellung oder Gewalt nie ermöglichen können, dass eine Lehre aus Ueberzeugung angenommen wird, dass also eine äussere Mission im gewöhnlichen Sinne nicht nur zwecklos, sondern für Bekehrer wie Bekehrte sittlich verderblich ist. Die Missionstätigkeit nach aussen kann nur wirksam sein durch das mustergültige sittliche Verhalten jedes einzelnen Bekenners einer Lehre, und deshalb legt das Judentum der innern Mission die höchste Bedeutung bei, intensiv wie extensiv, desüalb fordern Gesetz und Tradition, Bnei Briss- Logen wie Jünglingsvereine, die Rabbiner in der Predigt und das tägliche Gebet von jedem Juden ein sittlich einwandfreies Handeln, ein Hinaufstreben nach immer grösserer Höhe des ethischen Bewusstseins, ein Bekämpfen aller Fehler und Sünden. In diesem Sinne sind wir ein auserwähltes Volk, ein Volk von Priestern, von Missionaren, und der Ausspruch: Wer seine Religion für die rechte *) Das alte Testament und die Humanität. Carl H. Cornill, ord. Professor der Tlieol. an der Universität Breslau. hält, muss den Wunsch hegen, dass sie die Religion aller sei, verwandelt sich bei uns Juden in die Pflicht, so nach den göttlichen Geboten zu leben, dass in allen Nichtisraeliten das Sehnen gleich einer Offenbarung machtvoll erwache, der Religion anzugehören, die ihre Bekenner auf eine solche ethische Höhe, auf einen solchen Kulminationspunkt der Sittlichkeit und des innern Glücks erhebe. Daher ist die innere Missionstätigkeit, die Verbreitung einer immer genaueren Kenntnis unserer Dogmen und sittlichen Forderungen eine Notwendigkeit, die sich auch aus den ununterbrochenen Angriffen ergibt, und aus der Geringschätzung, die wir uns und unserer Lehre, fast machtlos gegen ein mächtiges Vorurteil, gefallen lassen müssen. Auf solche Angriffe muss jeder Jude antworten können, wir müssen verteidigungsfähig sein, wir müssen beim Verkehr mit Andersgläubigen wissen, dass wir als Bekenner der mosaischen Lehre sittlich gleichwertig neben jedem stehen. Wir können mit Befriedigung festhalten, dass ein evangelischer Theologe in Frankfurt in einer öffentlichen Versammlung ansprach; wäre er zufällig als Jude geboren, er würde sich nicht taufen lassen, der Unterschied im Katechismus des Judentums und des Christentums sei zu gering. Für uns Juden ist der Unterschied unüberbrückbar. Wir sind durchdrungen von dem Bewusstsein, dass eine Welt das Judentum mit dem von ihm verkündeten und rein erhaltenen Monotheismus vom Christentum trennt, selbst vom liberalsten Protestantismus, der die Heils Wahrheiten verwirft und nur noch die Trinität aufrecht erhält. Wie Pastor R. Bieling*) zusammenfassend richtig meint, liegt das Trennende in der Behauptung der jüdischen Polemik, das Christentum sei: 1. nichts Selbständiges, Ursprüngliches, 2. die neutestamentlichen Schriften seien von angreifbarer Echtheit, 3. die Dogmen muten dem Verstand Unerträgliches zu, 4. die göttliche Natur Jesus sei unerweisbar, 5. das christliche Lebensideal sei kein einwandfreies. Vor allem sind es das Dogma von der göttlichen Natur Jesus und das Dogma von der Trinität, welche die christliche Lehre dem jüdischen Denken als unannehmbar, als dem menschlichen Verstand unfassbar erscheinen lassen. *) Jahrbuch der evangelischen Judenmission I. Bd. S. 49.