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Ost und West · 1908-06-01 · Heft 6 (Juni 1908) · p. Seite 353 - 354

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 6 (Juni 1908)
Article
Der Kampf ums Blut
Date
1908-06-01
Page
Seite 353 - 354 (sequence 4)
Language
German
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353 A. Benesra: Der Kami>f ums Blut. 354 mit unferen religiöfen 3eremonien im 3ufammenhang fteh)t unb ftanb, ftets in voller Öffentlid)heit, frei vor aller Welt geübt würbe. Unb nun taud)t plö^lid) bas Gefpenft einer „geheimen Sehte" auf, bie balb in Weftfalen, balb in Weftpreufcen, balb in Bulgarien, balb in Citauen, balb auf fcorfu, balb in Ungarn, balb in Böhmen \\jv Unwefen treiben foll, alfo über gan3 Curopa verbreitet fein müfcte, - unb wir, wir anberen Juben, wiffen von biefer Sehte rein garnicfyts. Wir behämpfen fie nid}t, wir rotten fie ni&ji aus, wir arbeiten nicht an beren Vernichtung, fonbern laffen fie ruhig gewähren, unb nehmen ih)re angeblichen Anhänger nod) in Schüfe! Gibt es einen vollfinnigen (Denfchen, ber bas glauben kann? Das ad)i^e\)n\e unb bas neun3efynte Jahrhunbert haben viele fd)were unb tiefgreifenbe religiöfe kämpfe unter ben juben gefehen, aber fie alle haben fich im vollften, hellften Cid)te ber Öffentlichheit abgefpielt, ja, alle würben fchliefolid) vor bie ftaatlichen Behörben gebracht, unb bie d^riftliche Welt hat immer genau gewufet, um was es fich babei hanbelte. Da war bie Sranhiftenbewegung in Polen, bann harn ber flmulettenftreit 3wifd>en €ibenfd)ü£ unb Cmben, bann bie chaffibifrfje Bewegung (in bie bie Petersburger Regierung oft unb tief eingegriffen hat), bann ber Rampf um religiöfe Reformen in Deutfd)lanb, ber flufhlärungshampf in Öfterreich, ber nod) heu*e anbauernbe fäampf 3wifd)en ben neologen unb ben orthoboxen Gemeinben in Ungarn. Alle biefe kämpfe würben nur 3U häufig mit jener Ceibenfd)aft unb Erbitterung geführt, wie fie nur religiöfe Streitigheiten erregen hönnen. Hur 3U oft würbe unb wirb hierbei ^ie weltliche (Dad)t angerufen. Hun follen wir in unferer CDitte eine Sehte haben, bie aus „religiöfen*4 (Dotiven bem fcheufelichften aller Verbrechen fröhnt, bie in ber Busübung ihres blutbürftigen Aberglaubens alle paar Jahre über bie Juben aller Cänber bie fchwerften Gefahren heraufbefchwört, ben beften unter uns bie Sd)amröte ins Gefid)t treibt unb bie bitterften unb qualvollften Stunben ber Demütigung unb ber Seelen* pein bereitet unb wir Juben unternehmen nichts, aber auch garnid)ts, um öiefer gräulichen Sehte bas ßanbwerh 3U legen unb fie aus unferer (Düte aus3utilgen? Wie erhlärt man fich bas? Vor 80 Jahren, gelegentlich einer Blutbefd)ulbigung in Rufclanb, fprach Raifer Hiholaus I., ber bod) ben Juben wahrlich nicht befonbers Y)o\b war, bas geflügelte Wort: „Gäbe es Juben, bie Chriftenblut brauchen, fie wären von ben Juben felber längft ben Behörben benun3iert worben." Statt beffen beteuern unb befd)wören wir feit 7 Jahrhunberten immer von neuem, bafc es unter uns (Dörber aus religiöfen (Dotiven nie gegeben hat, unb erheben uns jebesmal wie ein (Dann, allen Parteihaber unb alle internen 3wiftigheiten 3urüchftellenb, um bie flngefchulbigten 3U verteibigen. Wie hommt bas? Dod) Y)a\\l Wir wiffen ja nichts bavon. Cine weitverbreitete geheime (Dörberfehte exiftiert unter unferem Volhe — unb wir wiffen nichts bavon. Währenb ber F3ilsner=flffäre verfid)erte ber flbgeorbnete ßofrat Prof. Dr. Rar eis im öfterreichifd)en Parlament in öffentlicher Rebe, bie Blutbefd)ulbigung fei ein boshaftes (Därdjen. Ihm antwortete ber „geiftvolle" Führer ber Wiener flntifemiten, er felber glaube ja auch nicht, bafe etwa F5ofrat ßareis blutige Riten treibe; aber es hönne wohl unter ben Juben eine geheime Sehte geben, bie Chriftenblut 3U ihren finfteren Riten gebrauche — eine Sehte von ber bie offi3iellen unb gebilbeten Juben nichts wiffen. Cr aber, ber Dr. Cueger, weife es. Wer wäre wohl ber nächfte 3U wiffen, was in ben Tiefen unferes Volhes vorgeht, wenn nid)t bie ofMiellen Juben, etwa bie Rabbiner, bie 3umeift ja felbft aus ben üefen bes Volhes hervorgehen un^ jebenfalls mit bem Volhe in fortwährenbem Rontaht ftehen? Unb ba fällt mir etwas Bemerhenswertes ein: An beutfd)en f5ochfd)ulen lehren 3ahlreid)e jübifd)e Profefforen, von benen bie meiften Söhne von Rabbinern finb, alfo ihre Jugenb in einem Rabbinerhaufe verbracht haben un& ^ocb wohl von ben Vorgängen unter ben Juben minbeftens foviel vernommen haben müffen, als ber erfte befte flntifemit. flnbere haben eine rabbinifche €r3iet)ung genoffen ober fungieren als Cehrer an Rabbinerfchulen, machen alfo felber Rabbiner, unb bürften wohl über Stimmung unb Gefinnung ber jübifchen (Daffen unterrichtet fein. ld) nenne tyev ein paar Hamen, bie mir von ohngefähr in ben Sinn hommen (barunter einige marhante, beren Träger nid)t mehr unter ben Cebenben wanbeln): pinner, Geiger, Barth, Pagel, Oppert, Ca3arus, Steinthal in Berlin; Rofanes, Heiffer, Caro, Sreubenthal, Bernays in Breslau; Grae^ in (Dünchen; Grünhut unb (Düller in Wien; Cohen in (Darburg; Golb3iet)er in Bubapeft (auf beutfehen Univerfitäten herangebilbet, gilt als ber erfte flrabift ber Gegen* wart); Jellineh unb Cefmann in Beibelberg. Diefe (Dänner, bie auf ber Röhe ber europäifd)en Rultur ftehen, unb von benen manche 3U ben größten 3ierben ber beutfd)en Wiffenfd)aft gehören - fie follten bie C?ciften3 einer weitverbreiteten blutbürftigen Sehte von Ritualmörbern unter ihren Glaubens* unb Stammesgenoffen ruhig bulben unb nie in ber Oeffentlichheit ein Wort barüber verlauten laffen, nie etwas unternommen haben, um einen folgen Sd)anbflech bes (Denfd}engefd)led)tes 3U vertilgen? Doch bas alles finb Vernunftsgrünbe. Wie foll ich aber mit Vernunftsgrünben jemanbem beihommen, ber fteif unb fest behauptet, mein Urgrofovater habe Ranonenhugeln verfchlucht, unb von mir ben Beweis für bas Gegenteil verlangt? (Dan mufo fid) bie Situation hlar vor flugen halten. Die Blutbefchulbigung gehört 3um eifernen Beftanb ber antifemitifchen Rüfthammer. Sie ift eine Waffe, bie bie Jubenfeinbe fid) nie werben aus ber fianb winben laffen. Cs ift nod} nie einer flntifemit geworben, weil er fid) über3eugt hatte, öafe öie Juben 3U ihrem Ritus Blut brauchen, fonbern umgehehrt, er gewinnt biefe „Ueber3eugung", wenn er fich 3um flntifemitismus behehrt hQt. Die

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