Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Der Seder in der Fremde
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 325 - 326 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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325 Binjamin Segel: Der Seder in der Fremde. 326 wir wissen, Gott wird das gerade so lieb sein, wie die Hagada, die er ja schon unzählige Male gehört hat" Dieser prächtige Einfall belebte sofort die Geister. Alle fühlten sich auf einmal wie erlöst, das drückende Gefühl der Ratlosigkeit war dahin. Der Erzähler, der eine schöne Stimme hatte, musste vorsingen, das Hallel wurde im Chor angestimmt, dann folgte „Nischmas", wahllos kamen dann „Echod mi jodea" und „Chad Gadja" an die Eeihe, die jeder fast auswendig konnte, schliesslich schwirrten noch Bruchstücke und einzelne Sätze aus dem ersten und zweiten Teil der Hagada, jedes mit der ihm eigenen Melodie, bunt durcheinander gewürfelt, herum. Die Fröhlichkeit stieg immer höher, keiner dachte an das Essen, sogar die drei übrigen Becher blieben unberührt, eine kindliche Lustigkeit bemächtigte sich aller. „Ach, was werden wir da diese kleinen Stückchen immer von neuem wiederholen", machte Mr. Davis. „Lasst uns was rechtes singen. Zum Beispiel Adon Olam." Der Sänger liess sich nicht zweimal bitten, doch kaum hatte er das Adon Olam angestimmt, als an der Tür sich ein leises Geräusch vernehmbar machte. „Eliah! Eliah, der Prophet!" riefen alle höchlich ergötzt. „Eliah kommt zu uns. Wo ist sein Becher'? Rasch eingeschenkt!" Mr. Davis erhob sich und rief, halb ernst, halb scherzhaft: „Willkommen, Rabbi!" wie er das als Kind zu tun pflegte, wenn man ihn schickte, die Tür zu öffnen. Nein, es war nicht Eliah, sondern nur Mrs. Rollinson, die hereinkam in der Meinung, dass nun die Zeremonie erst recht begonnen habe. Sie setzte sich abseits und hörte zu. Der Fremde nahm seinen Gesang wieder auf und die anderen sangen den schönen Hymnus bald leise, bald etwas lauter mit. Dann schwiegen sie und hörten blos zu. Er sang wirklich schön. Von den heiteren Kadenzen verfiel er in immer ernstere, getragenere, sehnsüchtigere. Sie alle folgten jetzt willig dem Gang der Töne, die sie immer weiter von dem heutigen Abend forttrugen. Nach den verschiedenen Stimmungen, die sie heute in jäher Folge erlebt hatten, taten ihnen die weichen, sanften Töne wohl, lullten sie ein und weckten bald einen schwermütigen, bald einen heiteren, aber stets einen angenehmen Widerhall in ihren Seelen. Der Fremde aber sang längst nicht mehr Adon Olam, mit dem er begonnen hatte, er war schon weit, weit davon entfernt. Nachdem er einmal ins Singen geraten, war es ihm nicht mehr so leicht, aufzuhören oder sich zu unterbrechen. Als er mit dem Adon Olam fertig war, war es nur natürlich, dass er das Taugebet, das just zum folgenden Morgen gehörte, anstimmte. Ist man aber einmal beim „Tal", so ist von da bis zum „Geschem" nicht mehr weit — die Melodien sind ja so sehr verwandt — und das Kaddisch von „Geschem" gemahnt so sehr an das von „Nei'la", dass es wahrlich schwer ist, der Versuchung zu widerstehen, nun auch dieses anzustimmen. Und plötzlich, ohne dass er selber es deutlich gemerkt hatte, sang er schon: „0 Gott, Gott unserer Väter, richte auf Dein Reich über die ganze Welt .... auf dass jegliches Geschöpf erkenne, dass Du es geschaffen . . . Unter den Zuhörern hatten sich anfangs leise Proteste bemerkbar gemacht : ,,Was sagt Ihr da? Das passt ja garnicht hierher, das gehört ja zu den heiligen Tagen44, rief Mr. Flock, als er nach einer längeren Weile wie aus einem Rausch erwachte. Aber niemand kehrte sich an ihn Nur Mr. Davis legte ihm die Hand auf die Lippen und flüsterte: „Sch ... sch . . . sch . . . seid still, was liegt daran? Es ist alles eins, bei Gott ist alles gleich, das sind ja auch heilige Worte." Jener aber erinnerte sich immer neuer, immer schönerer Melodien, die er einst in der fernen Heimat gehört und gesungen . . . „Das Unrecht verstummt, alle Bosheit verdunstet wie Rauch . . . denn Du schaffst die Herrschaft des Bösen von der Erde ab" . . . Aber das war noch lange nicht genug . . . „Darum hoffen wir zu Dir, Ewiger, unser Gott, alsbald Deine Herrlichkeit und Deine Macht zu erblicken ... da die Welt durch das Reich des Allmächtigen erlöst wird und alle Sterblichen nur Deinen Namen nennen und alle Sünder der Welt Dir sich zuwenden . . Natürlich sangen sie jetzt, ein jeder, so gut er konnte, mit. Wer kennt nicht alle die Gesänge? Sie sind dem Juden am geläufigsten, von allen prägen sie sich seiner Phantasie und seinem Gedächtniss am stärksten ein. Gott weiss, wie alt ihr Ursprung sein mag, aber im Strome der Zeiten haben sie immer von neuem etwas von dem Intimsten aus der jüdischen Volksseele in sich aufgenommen, darum haben sie auch dem Juden ihr Gepräge aufgedrückt. Noch im schlichtesten Volks-- liede tönen ihre Kadenzen nach und keine echte Judenseele kann sie vernehmen, ohne tieferschüttert zu werden und unwillkürlich mitzusingen .... „Du gedenkst der urewigen Werke, zählst die Geschöpfe der Urzeit, alle Geheimnisse sind vor Dir entblösst .... Kein Vergessen ist vor dem Throne Deiner Herrlichkeit, nichts ist vor Deinen Augen verborgen, Du gedenkst der grossen Schöpfung und das kleinste Wesen entgeht Dir nicht Das alles entsprach so sehr ihrer jetzigen Stimmung, denn jetzt weilte keiner von ihnen mehr in Green City in Amerika im Häuschen der Mrs. Rollinson, sie sassen nicht mehr zusammen beim Seder, sondern waren weit fern von einander, ein jeder irgendwo anders. Jeder sah vor sich andere Bilder und Gestalten, die dem Anderen völlig fremd gewesen wären, und doch waren sie wieder einander so nahe, waren von etwas Gemeinsamen getragen und vereint, dass hier ihre verschiedenen Stimmen in einem Ton zusammenklangen.