Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Der Seder in der Fremde
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 323 - 324 (sequence 6)
- Language
- German
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323 Binjamiii Segel: Der Seder in der Fremde. 324 Genossen, dann das Kapitel von den vier Söhnen verlief glatt, ohne Unfall. Aber schon als er zu erzählen begann, wie unsere Vorfahren einstmals Götzendiener gewesen und dann vom Ewigen Seinem Dienste zugeführt wurden, musste der Führer sein Gedächtnis ziemlich anstrengen. Dann pries er, aber schon ein wenig tastend, Den, „der da einhält seine Verheissung an Israel", stolperte dann ein und das andere Mal, richtete sich aber gleich wieder auf und schloss mit klangvoller sicherer Stimme, jedes Wort langsam betonend, während er im Gedächtnis herumsuchte: „Und das war es, was unseren Altvorderen und uns beistand. Denn nicht einer bloss erhob sich, um uns den Garaus zu machen, sondern in einem jeden Zeitalter erhoben sie sich, um uns zu vernichten, aber der Heilige, gepriesen sei Er, errettete uns aus ihren Händen." Dann stockte er. Alle blickten ihn fragend an. Er sass mit gesenktem Blicke da und schien in seinem Gedächtnisse zu suchen. Der Schweiss trat in grossen Perlen auf seine Stirn. „Nun?" „Hm, wartet nur ein wenig, gleich . . . gleich . . . Zahllos, wie die . . . Gewächse des Erdbodens ..." „Ach nein, da habt ihr ein ganzes Stück übersprungen." „Da fehlt ja eine ganze Menge dazwischen." „. . . Und es zog uns der Ewige heraus aus Aeg,ypten, weder durch einen Engel, noch durch eiöen Seraph, noch durch einen Gesandten, sondern der Heilige, gepriesen sei Er, in Seiner Herrlichkeit selber . . versuchte der unglückliche Führer die Situation, so gut es ging, zu retten. Aber die Zuhörer gaben sich nicht zufrieden. Sie murrten und sahen ihn vorwurfsvoll an, als hätte er ihre Verlegenheit verschuldet. „AVisst ihr was, liebe Freunde, lasst uns Hallel sagen!" rief er endlich und glaubte, damit auf einen sehr glücklichen Gedanken verfallen zu sein. „Ach was, das kann jeder. Und das Uebrige? Sollen wir heute keine Hagada sagen?" riefen Mr. Davis und Mr. Flock fast gleichzeitig. Eine tiefe Traurigkeit beschlich die beiden Alten. In dumpfer, unklarer Weise wurden sie des ganzen Jammers ihrer Lage inne, und ihre Traurigkeit teilte sich dem ganzen Häuflein mit, das hier wie auf einer verschollenen Insel im fernen Ozean dasass, losgelöst von allem, was ihnen verwandt, lieb und nahe war, abgetrennt von allem, was ihnen Trost und Erhebung in düsteren Stunden zu gewähren pflegte. Alle liessen die Köpfe hängen wie hilflose Kinder, die sich im Dunkeln verirrt hatten. In einem jeden stiegen halbvergessene Bilder aus alten Tagen auf, abgerissene Töne verklungener Melodien erwachten, und ein Hauch von Sehnsucht und Wehmut durchzitterte die Atmosphäre der Stube. „Ach, was werden wir dasitzen, wie die Trauernden," raffte sich endlich der Fremde, seine Niederlage vergessend, auf. „Ist denn heute „Tischa Beaw" oder was? Heiliges Pessachfest ist heute, und wir müssen lustig sein. Ich will Euch lieber eine Geschichte erzählen, die gerade auf uns passt. Wollt ihr hören?" Und er fing an, ihnen die wundersame Geschichte von Baal-Schern zu erzählen, der einmal den Eutschluss gefasst hatte, nach dem heiligen Lande zu pilgern. Die Sehnsucht trieb ihn und das Verlangen, seine Gebete mit denen eines anderen, dort lebenden heiligen Mannes zu vereinigen, um dadurch endlich, vor der Zeit, die Erlösung herbeizuführen und den König Messias zu bringen .... Die Anwesenden hörten anfangs widerwillig zu; aber allmählich fing der Gang der Geschichte an, sie zu interessieren, und bald verfolgten sie mit grosser Teilnahme die Schicksale des frommen Mannes, der mit den Mächten des Himmels rang und endlich auf eine einsame Insel verschleudert wurde, wo er und sein treuer Begleiter Tage und Nächte lang umherirrten, ohne eine Menschenseele zu finden .... Da sprach der treue Jünger zum Meister: „Was schweigst du, Rabbi? So bete doch zu Gott bestürme Ihn, dass Er uns aus der Not befreie. Hat nicht dein Gebet oft schon andere gerettet, warum versuchst du nicht, dich selber und mich aus dieser schrecklichen Lage zu retten," „Ich möchte wohl beten," antwortete der Baal-Schern, „aber ich kann nicht, ich bin keines Gebetwortes mehr mächtig, habe alles vergessen, keinen Vers weiss ich mehr. Alles, alles wurde mir genommen. Ich bin wehrlos." Lange gingen sie so verzweifelt umher, endlich sagte der Jünger: „Babbi, aber das Aleph- Beth habt ihr doch wohl nicht vergessen?" Nein, das Aleph-Beth hatte er nicht vergessen. „Gut,14 sagte er, „du hast mir einen guten Gedanken eingegeben. Wir wollen beten wie die Kinder und wollen sehen, ob uns Gott nicht erhören wird." Und sie fingen an, mit demütigem Herzen, die Seele voll Inbrunst und Sehnsucht nach Gott, das Aleph-Beth zu beten. Nichts anderes als Aleph, Beth, Aleph, Beth, Gimmel u. s. w., in einem fort. Die heiligen Laute aber schwangen sich zum Himmel empor, reihten sich zu Wörtern, die Wörter reihten sich zu Sätzen zusammen, und vor den Thron des Allmächtigen stieg ein heisses Gebet hinauf, welches erhört wurde. Und was glaubt ihr, war das Ende?" schloss der Erzähler und blickte triumphierend um sich. Ein jeder wusste, was das Ende wrar. Eine Weile sassen sie schweigend und in Gedanken versunken. Die Geschichte war ihnen offenbar zu Herzen gegangen. Endlich erhob Mr. Davis den Kopf, blickte dem Erzähler eine Weile ins Gesicht und sagte: „Was sollen wir also tun?" „Natürlich brauchen wir nicht, das Aleph- Beth zu beten, wir können singen und sagen, was