Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Der Seder in der Fremde
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 327 - 328 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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327 Binjamin Segel: Per Seder in der Fremde. 328 Nach den früheren Ausbrüchen der Heiterkeit hatte sich jetzt die Reaktion eingestellt, und diese Melodien mit ihrer Schwermut und Sehnsucht, die sich bald in etwas wild Aufjubelndes verwandelte, das sich weit hinauszuschwingen schien, um den Himmel zu durchbohren — diese Melodien versetzten sie in eine Art von Rausch. Ein jeder seufzte allemal auf und ein jeder fühlte ein Prickeln und einen Kitzel in den Augen und an der Nasenspitze. Als Mr. Flock seine Brille gewischt und wieder angesetzt hatte, bemerkte er bei der Türe eine fremde Gestalt. Er stiess Mr. Davis an, dieser sah auf, dann erhob er sich leise und ging hin. Es war Mr. Simpson, der neugierige Doktor, der wissen wollte, wie es bei einem jüdischen Osterfest zugehe. Er stand regungslos und ganz blass da, seine hohe stämmige Gestalt war etwas vorgebeugt. Niemand hatte sein Kommen bemerkt. Mr. Davis musste ihn zweimal rütteln, bis er seine Augen von dem Sänger, der ihn wie im Banne hielt, abwenden konnte, dann folgte er Mr. Davis schweigend und nahm neben ihm Platz. Der Fremde aber sang immer weiter, ohne der Vorgänge ringsum zu achten . . . „Ich gedenke meines Bundes mit Jakob, mit Isaak . . . So spricht Gott, ich gedenke dir der Lieblichkeit, der Anmut deiner Jugenzeit, deiner bräutlichen Hingabe, da du mir folgtest durch die Wüste, durch saatenloses Land . . ." Und ohne jede Pause, ohne Halt zu machen, fing er an, davon zu erzählen, wie Gott ihnen am Sinai erschien . . . „Du offenbartest Dich in dem Dämmer Deiner Herrlichkeit Deinem heiligen Volke .... Die ganze Welt erbebte in den Grundfesten, die Schöpfungen der Urzeit erfasste ein Zittern, als Du, o König, Dich auf dem Berge Sinai offenbartest, um Dein Volk Deine Thora und Deine Gebote zu lehren, Du liessest sie die Pracht Deiner Stimme vernehmen ..." Alle durchlief ein förmlicher Schauer, sie horchten auf und wandten kein Auge von dem Sänger ab, während sie wieder bald leise, bald laut mitsangen. Plötzlich mischte sich ein Stöhnen und Schluchzen in das Gesumme, das die Stube ausfüllte. Erstaunt sah sich Mr. -Davis .und. nach ihm einer und der andere seiner Nachbarn um. Der Doktor, Mr. Simpson, hatte die Stirne an die Tischplatte gelehnt, weinte heftig und stürmisch, dass sein mächtiger Oberleib zitterte, und die Tränen bildeten eine Lache auf dem Tischtuch. Mr. Davis sprang erschrocken auf. „Was ist Ihnen, Mr. Simpson? Warum weinen Sie?" „Was tun Sie? Was machen Sie?" fragten alle bestürzt. „Ich ... ich ... ich ." stammelte Mr. Simpson, aber niemand verstand, was er wollte. „Ich ... ich . . wiederholte er, wirr um sich blickend, „auch ich bin . . . auch . . . ich . . . Jude . . . gewesen . . . gewesen . . . vor fünfzehn Jahren ..." Und plötzlich fing er an, mit wildem Getöse sich aut die Brust zu schlagen. Der Säuger, der allein, von seinem Gesänge hingerissen, von all den Vorgängen ringsum nichts bemerkt hatte, sang jetzt schon das Neilagebet: „Du reichst die Hand den Frevlern und Deine Rechte ist ausgestreckt, um die Rückkehrenden zu empfangen ..." Dann brach er ab, denn rings war ein allgemeines Schluchzen entstanden . . . Mrs. Rollinson aber ging hinaus und sagte verwundert: „Feiern die Juden so traurig ihre Osterfeiertage?" LITERARISCHE RUNDSCHAU. Tragödien des Ghetto von Israel Zangwill. Nach dem englischen Original, deutsch von Hanns Heinz Ewers. Berlin 1907. Verlag Siegfried Cronbach. Tragödien des Ghetto? — Es gibt kein Ghetto mehr. Die Käfige, in denen kleinmütige T}rrannenvÖlker den Genius des jüdischen Volkes zu bändigen und zu erdrücken wünschten, sind längst in Trümmer zerlallen. Das Judentum wurde frei und flügge und flatterte gleichsam auf AVindesschwingen den weit vorausgeeilten Jahrhunderten nach. Bei der Hast des Fluges hat manches Vüglein seinen Pfad verloren und verirrte sich in einen fremden Schwann und ward nicht mehr gesehen. Wie seltsam! Die sich in der Gefangenschaft mit zäher Gier ans Leben klammerten und für die Unsterblichkeit ihrer Art Qualen und Demütigungen erlitten, sie bedurften der Freiheit, um — unterzugehen. Tragödien der Freiheit könnte man schreiben. Ein Ghetto gibt's nicht mehr. Wir wissen es alle; und es dient uns nur noch zur Bezeichnung gewisser Sondereigenschaften des jüdischen Stammes, die naturgemäss in den Massensiedlungen am reinsten zur Geltung kommen. Manche werden sagen: am unreinsten; denn den Massstab für alles Schöne schafft der Geschmack der sogenannten westlichen Kultur. Gleichwohl sind es nicht die schlechtesten Dichter und bildenden Künstler, deren Muse sich aus den Gemütern dieses Milieus ihre Stoffe holt, Stoffe von eigener Schönheit und unvergleichlicher Innigkeit. Wir in Westeuropa waren darüber natürlich hinaus. Selbst die Erinnerungen an das „Ghetto" waren fast verklungen, und dem jungen Juden unserer Tage war jene Zeit so fern und fremd, als klaffte zwischen ihm und ihr ein Grab von vielen Generationen. Am Wetzstein der neuen Kultur hatte er fleissig die Sitten der Vergangenheit abgeschliffen und in seinem Eifer die Grenze des Notwendigen und des Möglichen verkannt, und er wa