Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Der Seder in der Fremde
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 321 - 322 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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321 Binjamin Segel: Der Seder in der Fremde. 322 „Was, Reb Korew? Wo seid Ihr so lange geblieben? In der Mikweh lichwod Jomtov oder in der Synagoge? He?" Nein, er war natürlich weder in der Mikweh lichwod Jomtov, noch in der Synagoge, sondern war einfach so lange in Todesangst herumgeirrt, der Sprache der Bevölkerung unkundig, bis er die Wohnung seines Gastfreundes fand. Sein Gesicht war in Schweiss gebadet, und er atmete schwer. Man konnte auf den ersten Blick an den feineren Zügen seines Gesichtes und an seinen weissen Händen erkennen, dass er einer anderen Gesellschaftsklasse angehörte als die übrigen Anwesenden. Er schien ein ehemaliger Kautmann zu sein, der einst bessere Tage gesehen und jedenfalls eine ganz andere Bildung und andere Lebensgewohnheiten hatte als jene. Jetzt war er ein Schiffbrüchiger, der nach dem fernen Westen, nach San Francisco zu seinen Verwandten reiste. Er musterte die Anordnung der „Kaara" und zollte im Stillen seinem Gastgeber Beifall. Nachdem er sich gewaschen und darauf gebetet hatte, sass er auch schon bald bei Tische und plauderte, seines Hungers ganz vergessend, aufs angeregteste mit den Genossen. Wie ein elektrischer Funke pflanzte sich die gute Laune von einem zum anderen fort und die Gesellschaft wurde immer fröhlicher. Mr. Davis wurde sich zuerst seiner Wirtspflichten bewusst. „Vielleicht möchten wir anfangen?" sagte er zögernd, von einem zum andern blickend. Natürlich konnte man anfangen, keiner hatte etwas dagegen. Es war Zeit. Auf dem Tische stand schon die bauchige Flasche mit dem gelblichgoldigen Rosinenwein, umgeben von sieben Glasbechern, unter denen ein grosser Pokal wie ein König hervorragte. Das war „der Pokal des Propheten Eliah". Alle, den geschniegelten Goldschmiedgesellen nicht ausgenommen, fühlten, wie ihnen das Herz höher schlug, als Mr. Davis zwei Kissen herbeibrachte, sie auf einen Stuhl legte und so das Hessew-Bett herrichtete, dann den weissen „Kittel4' anzog, der über seinen hageren Leib in Falten hinunteifloss. Der Fremde hatte mittlerweile den Wein eingeschenkt und vor einen jeden der Gäste ein Glas hingestellt. Der kurzsichtige Schneider stöberte ein wenig auf dem Tisch umher und rief plötzlich: „Na, und eine Hagada? Gebt doch eine Hagada her." „Ja, wo ist denn eine Hagada?" riefen mehrere Stimmen? „Eine Hagada?" rief Mr. Davis mit seltsamer Stimme, und seine Hände sanken plötzlich herab. Eine bittere Verwirrung malte sich in seinem Gesichte. „Ich habe ja gar keine Hagada, was werden wir nun anfangen?" Ein peinliches Schweigen entstand. Die seligfrohe Stimmung war auf einmal dahin. Alle sahen sich verlegen an. Nur Mr. Davis senkte den Blick. Er fühlte sich schuldig, dass er aus Cincinnati eine Flasche Sliwowitz mitbringen und eine Hagada vergessen konnte. Aber wie hätte er auch daran denken sollen? Jedes Jahr fand er auf dem Tische, wo er zum Seder geladen war, auch eine Hagada neben dem Teller. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen..... „Vielleicht steht in diesem grossen Siddur die Hagada," rief einer der Grubenarbeiter, „bei meiner Mutter im Siddur . . . ." Alle stürzten sich auf das grosse Gebetbuch Mr. Flocks, das auf dem Tische lag. Es war ein altfränkisches Siddur, in dem es „an Vogelmilch nicht tehlte," alles war da: Chazoth, Psalmen, Maamadot, allerhand Selichot und Jozrot, eine Unmenge Dinim. Man blätterte weiter, behutsam, als fürchtete man, rasch eine Enttäuschung zu erleben, bis in die zweite Hälfte des umfangreichen Bandes hinein. Da war Hallel, da war der Priestersegen, da waren die Gebete für die Festtage, da war der Eruw Tawschilin ... ah! . . da standen auch schon die Dinim für Pessach, die Ordnung des Seder. . . aber, oh, die Hagada war nicht da! Mr. Davis besass ein Nehora - Siddur, direkt aus Lemberg bezogen, eine schöne Sache; der Fremde hatte ein Slawutaer Siddur — aber wie zum Possen enthielt keines die Hagada. „Was für dumme Leute die Drucker sind!;' brummte Mr. Davis ärgerlich. „Ist denn hier in der ganzen Stadt keine Hagada zu kriegen?" bemerkte der Fremde. Ein allgemeines, gezwungenes Lachen antwortete ihm. Nein, in Green City war seit seinem Bestehen keine Hagada gewesen. Der Fremde merkte, dass ihm eine Dummheit entfahren war, und um sich zu rehabilitieren und der unbehaglichen Stimmung ein Ende zu machen, schlug er vor, auswendig die Hagada zu singen. Man solle nur unbesorgt sein, es werde schon gehen, er wolle schon dafür sorgen, dass man nicht stecken bleibe . . . Alle atmeten erleichtert auf und gingen freudig auf den Vorschlag ein — zumal sie keinen andern Ausweg hatten. Sie blickten auf ihren Führer voll Vertrauen, wie auf einen kühnen Fedherrn, der versprach, sie über einen gefährlichen Ort ohne Schaden hinüberzuführen. Dieses Vertrauen stieg nur noch, als der Fremde den „Kiddusch", den übrigens die meisten auswendig wussten, mit schöner Stimme und prächtiger Melodie und einer Betonung rezitierte, wie sie nur sehr gelehrten Leuten eigen ist. Dann wurde die Türe angelweit geöffnet und das „Keho laehmo anjo" angestimmt. „Wer da hungrig ist, der komme, speise mit uns . . . Welcher Jude kennt das nicht auswendig? Auch die „Vier Fragen", die der Fremde sich selber stellte, waren einem jeden geläufig. Aber als er dann das „Äwodim hojinu" langsam und feierlich hergesagt hatte, begaben sich alle beherzt unter seiner Führung hinaus auf die hohe See. Eine Strecke lang ging alles gut von statten. Die Geschichte von Rabbi Eliezer und seinen