Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1908-05-01 · Heft 5 (Mai 1908) · p. Seite 319 - 320

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 5 (Mai 1908)
Article
Der Seder in der Fremde
Date
1908-05-01
Page
Seite 319 - 320 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583967-2583973-2598150--08319-2598224
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

311) Binjamin Segel: Der Seder in der Fremde. 320 „Nein, nein" unterbrach sie Mr. Davis. „Dies war viel, viel später. Jenes war lange, lange vordem. Damals regierte der alte Herrgott noch allein die Welt," sagte er lachend, da ihm ein hübsches, altes Witzwort einfiel. „Und wissen Sie, Mrs. Rollinson, fuhr er nach einer Weile fort, während sein Gesicht einen ernsten und strahlenden Ausdruck annahm, „es steht geschrieben, nicht durch einen Engel, noch durch einen Abgesandten hat Gott unsere Väter erlöst, sondern selber, in seiner vollen Herrlichkeit, offenbarte er sich ihnen." „Und Moses?" wandte die bibelfeste Mrs. Eollinson ein und machte Miene, eine ihrer öfteren theologischen Diskussionen anzufangen. Aber Mr. Davis hatte keine Zeit, denn er musste verreisen. Nach acht Tagen kam er zurück mit einem Kasten voll Mazzoth, auch „pessachige" Fleischkonserven, Gänseschmalz, Eosinen, sogar eine Flasche Sliwowitz von der besten Sorte, mit einem mächtigen Siegel des frömmsten Rabbiners von Cincinnati darauf, und eine Menge anderer Dinge brachte er mit. Fische, Eier und Kartoffeln sollte, wie immer, Mrs. Rollinson liefern. Die gute Dame erbot sich sogar, ihr blitzendes Kochgeschirr dem Mieter zur Verfügung zu stellen, und war fast beleidigt, als dieser trotzdem neue Pfannen, Töpfe und Schüsseln und sogar ein neues Wassergefäss anschaffte. Jetzt stand sie an der Türe und sah zu, wie Mr. Davis selber den Küchenmeister machte. Sie hatte dabei jenes spöttische Lächeln auf den Lippen, welches Frauen zur Schau tragen, wenn ein Mann sich unterfängt, in das Gebiet der Kochkunst einzudringen, und verfehlte nicht, ihm in betreff der auf dem Herde schmorenden Fische, der Eier und der Kartoffeln von Zeit zu Zeit einen guten Rat zu geben. Mit schweren Herzen hatte Mr. Davis auf die traditionellen Knödel verzichtet, die ja unter diesen Umständen unerreichbar waren. Bei all diesen Vorbereitungen war allmählig der Seder-Abend näher gerückt. Mr. Flock trat ein. Die beiden Alten stritten nun eine Weile gutmütig darüber, ob man zum Abendgebet das Hallel zu sagen habe und kamen schliesslich überein, „dass es jedenfalls nicht schaden kann, ein paar solch heiliger Kapitel Thehillim zu sagen." Darauf erschienen die beiden Grubenarbeiter von Struck Oil. Ihre müden, düsteren Gesichter heiterten sich auf bei dem Anblick der hell erleuchteten, von einem unfassbaren Festhauch durchwehten Stube und bei dem feierlich lieblichen Klang der Hallel-Melodie, die sie Gott weiss wie lange schon nicht gehört hatten. Mrs. Rollinson, der sich die Feststimmung mitzuteilen begann, wies die Ankömmlinge in eine Kammer, wo sie sich wuschen und umkleideten, dann trat sie selber in die Stube herein, die schwieligen derben Hände unter Aufsicht des Mr. Davis frisch gewaschen, mit einer blitzblanken Schürze umgürtet, und beobachtete voller Neugierde, wie Mr. Davis die „Kaara" anrichtete. Sie war ganz erstaunt, da Mr. Davis gar keine Anstalten traf, um ein Lamm zu schlachten, und mit religiöser Scheu betrachtete sie das Stückchen Fleisch, das zur Erinnerung an dieses Osterlamm, „wie es in der Holy Bible stand," diente. Mr. Davis erklärte ihr auch, was die bitteren Kräuter und das Salzwasser bedeuteten, und ihr grösstes Interesse erregte es, als er einige Walnüsse öffnete, deren Kerne zusammen mit einem Apfel zerstampfte und dann einige Tropfen Wein hineintat, um so die Charosset herzustellen. In Mrs. Rollinson regte sich ein gewaltiger Respekt vor diesen kleinen Vorgängen, die hier, in dem kleinen Häuschen eines weltverlorenen amerikanischen Nestes die ungeheuer entlegenen und grossartigen Ereignisse lebendig werden Hessen, von denen das heilige Buch mit so lebhafter Anschaulichkeit erzählt und die sie als etwas Abstraktes, Höheres, wovon man nur träumen und das man sich nur vorstellen kann, betrachtet hatte. Die einfachen Männer mit den groben Zügen und den schwieligen Händen erschienen ihr wie eine Art Priester, wie Geweihte und Auserwählte, heilige Handlungen vollführend, die mit etwas Ueberweltlichem, Unfassbarem, Göttlichem in einem geheimnisvollen Zusammenhang standen, und sie erwartete mit Spannung, was da kommen würde. Mr. Davis sah aber auch ganz anders aus als gewöhnlich, seine mageren, welken Wangen glühten, in seinen erloschenen Augen glomm ein stilles Feuer, um seine Lippen zuckte es allemal. Bald lachte er kurz auf, ohne jeden sichtlichen Anlass, worauf dann Mr. Flock, der durch die Brille in das grosse, dicke Gebetbuch schaute, mit einem Seufzer antwortete. Dann seufzte wieder Mr. Davis und Mr. Flock liess ein kurzes, heiseres Lachen vernehmen. Es herrschte eine Stille, denn jeder war wohl mit seinen eigenen Gedanken und Erinnerungen beschäftigt. Mittlerweile war auch der Goldschmiedegeselle von Mr. Smith gekommen. Er war fein herausgeputzt, geschniegelt und pomadisiert, aber da er hier nicht das geringste Verständnis für seine Eleganz fand, setzte er sich in eine Ecke und schwieg, bis Mr. Flock ihn über seine Verhältnisse auszufragen begann. Alles war schon angerichtet, und man erwartete nur noch den Fremden, von dem Mr. Davis gesagt, er verstünde Kinder zu unterrichten und schön vorzubeten. Allmählig tauten alle auf und das Schweigen wich einem anregenden Gespräch. Allerlei muntere Geschichtchen, Anekdoten und Witzworte sprudelten auf, es dauerte nicht lange und alle fühlten sich heimisch untereinander, als hätten sie sich von der frühesten Kindheit auf gekannt, ein unsichtbares Band alter Verwandtschaft schlang sich um sie, alle lachten und wurden immer fröhlicher und niemand hatte es eilig, zum Seder zu schreiten, als fürchteten sie unbewusst, die schöne Stimmung könnte nachher verfliegen. Während der Unterhaltung trat endlich der Erwartete ein. Er wurde lärmend, wie ein alter Bekannter begrüsst.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.