Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Der Seder in der Fremde
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 317 - 318 (sequence 3)
- Language
- German
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317 Binjamin So*>el: Der Seder in der Fremde. 318 zwei Stühlen gestützten Brett zum Bügeln. Bei dem einzigen Fenster stand eine abgenutzte Nähmaschine, und vor ihr, im Scheine einer qualmenden Lampe sass die gebückte Gestalt des Mr. Flock, mit blassem, eingefallenem Gesicht; durch die grosse Brille schimmerten matt die erloschenen Augen mit rot angeschwollenen Lidern. Mr. Davis brachte sein Anliegen vor, während er den Meister genau betrachtete. Plötzlich unterbrach er sich in der Mitte des Satzes, hielt ihm die Hand hin und rief im reinsten „Jiddisch": „Schalom aleichem, Beb Jehudi, von wo seid Ihr her?" Der Schneider sperrte den Mund weit auf, die Brille rutschte ihm von der Nase herunter und die grosse Schere fiel ihm aus der Hand. Jäh erhob er sich, schleuderte das Stück Tuch von seinen Knieen fort und fasste mit beiden zitternden Händen die dargebotene Bechte des Gastes. Er war tief erregt vor Freude, hier einen Juden, und noch dazu einen aus seiner Heimat, zu finden. „Was hört man dort bei uns daheim?" fragte Mr. Davis mit einer Stimme, die ihm selber fremdartig klang. Er war gleichfalls eigentümlich berührt von diesem Zusammentreffen. „Was soll man hören? Schlecht!" „Seid Ihr schon lange von dort weg?1' „Zehn Jahre schon!" „Und ich fünfundzwanzig. Habt Ihr Beb Kaiman gekannt?u „Beb Kaiman . . Beb Kalmann? Ach ja, Ihr meint wohl den Glaser?" „Nein, Holzhändler war er. Ein Grossonkel der Frau meines seligen Schwagers. Lebt er noch? Wie gehts ihm? Und Beb Nüssen (Nathan)? Was macht der . . .? Und die Tante Zierle?" Beb David Broder fühlte plötzlich eine Fülle von verblassten Gestalten in seiner Erinnerung auftauchen. Jener aber wiederholte hartnäckig: „Beb Kaiman? Beb Kaiman? Nein. Ich kannte nur noch Beb Kaiman Bäcker aus Kowno, der für unsere Schul eine Sefer-Thora schreiben Hess . . „Kowno?" fragte Mr. Davis, „wo liegt denn das? Nicht weit von Stanislau?" „Stanislau," verwunderte sich der andere. „Kenne ich gar nicht, habe ich niemals gehört." „Was, Ihr habt niemals von Stanislau gehört? Unweit von Kolomea . . „Kolomea? Mir ganz unbekannt . . „Auch Kolomea nicht? Von wo seid Ihr denn her, Beb Korew?u machte Mr. Davis \erdriesslich. Er konnte nicht begreifen, wie jemand nie im Leben etwas von Stanislau, noch von Kolomea gehört haben konnte. Jetzt erst merkte er, dass sein Landsmann mit einem fremden Akzent sprach. Er war „Litwak". Es stellte sich heraus, dass der Schneider aus einem litauischen Städtchen unweit Kowno stammte, aus einer wildfremden Gegend also, von der Mr. Davis nicht einmal eine Vorstellung hatte. Ein jeder fühlte sich enttäuscht, dass der andere nicht aus seiner Heimat stammte. Bei näherer Bekanntschaft fanden sie jedoch, dass es dort ganz so aussah wie hier, dass es im Grunde, bis auf den leichten Unterschied in der Aussprache, ganz dasselbe war. Im Vergleiche zu der ungeheuren Entfernung Amerikas verschwand der Abstand zwischen Stanislau und Kowno, schrumpfte in ein Nichts zusammen, die beiden Gegenden rückten näher und Mr. Davis und Mr. Flock fühlten sich ganz heimisch mit einander. Auch ihre Schicksale waren einander sehr ähnlich. Fortan verbrachten sie ihre Mussestunden zusammen, erzählten sich gegenseitig ihre Lebensgeschichte und ein jeder gab dem anderen nachträglich gute Batschläge, wie er es hätte machen müssen, damit es besser gekommen wäre, als es kam. Als Mr. Davis diesmal wegen eines schwebenden Prozesses, in dem er just an den beiden Feiertagen unter Androhung einer schweren Strafe als Zeuge auftreten musste, verhindert war, die weite Beise nach Cincinnati auf die Feiertage zu machen, verfiel er auf den glücklichen Gedanken, mit Mr. Flock zusammen bei sich zu Hause den Seder zu veranstalten. Der Schneider, der diesem Tage mit Bangen entgegensah, war über den Vorschlag beglückt und teilte dem Freunde seine Entdeckung mit, dass der neue Geselle von Mr. Smith, dem Goldarbeiter ebenfalls Jude war. ,,Doch ist das so einer . . . verstehen Sie mich . . . stark angebrannt, gibt sich nicht gern als Jude zu erkennen, beinahe schon gar kein Jude mehr . . Zu dem grössten Erstaunen beider nahm der junge Goldschmiedgeselle die Einladung mit unverhohlener Freude an. Mr. Davis beschloss auch, die beiden jüdischen Grubenarbeiter aus dem einige Meilen entfernten Struck Oil einzuladen und so versprach es, entgegen seiner anfänglichen Befürchtung, ein recht heiterer und angenehmer Tag zu werden. „Mrs. Bollinson", sagte er einmal zu seiner Wirtin, „nach zwei Wochen haben wir jüdische Ostern." „Da werden sie wohl nach Cincinnati fahren?" „Das kann ich leider nicht. Ich reise jetzt und komme in acht Tagen wieder. Diesmal werde ich zuhause feiern." „Schön, Mr. Davis, ich backe Ihnen einen hübschen Kuchen." Mr. Davis lachte. „Ich danke, liebe Mrs. Bollinson, aber zu Ostern dürfen wir nur Mazzoth essen." „Ach ja, die ungesäuerten Brode, das steht ja alles in der Holy Bible." „Wissen Sie, Mrs. Bollinson, das ist ein sehr fröhliches Fest. Bei uns daheim, in Polen, bereitet man sich i Wochen lang darauf vor." „Kann ich mir auch denken; das ist ja das Fest der Befreiung. Gott hat mit erhobenem Arm das Volk aus der Knechtschaft geführt," rezitierte sie feierlich mit ihrer mächtigen Stimme. „Dann hat der Herr Jesus . . .