Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Der Seder in der Fremde
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 315 - 316 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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315 Binjamin Segel: Der Seder in der Fremde. 316 Und wie ich jetzt zurückkomme, passt er mir auf und sagt: „Vergessen Sie nicht, Mr. Davis, heute Abend bin ich Ihr Gast." Sehen Sie, Mrs. Kollinson, ein neugieriger Mensch, der Doktor." „Ich freue mich auch schon, Mr. Davis, ich habe noch niemals ein jüdisches Pessachfest gesehen.ü Mrs. Kollinson ging und Mr. Davis fing an, nachdem er draussen das Chomez verbrannt, sich zum Seder zu rüsten. Die Stunden verrannen. Der Abend war nicht mehr fern. Es war das erstemal, dass der alte Mann diesen Abend nicht im Kreise einer, wenn auch fremden Familie zubringeu sollte, und daher war ihm etwas sonderbar zu Mute. Er schien sich jedoch Courage zu machen und brummte etwas wie eine Melodie vor sich hin, während er sich wusch und dann frische Wäsche anlegte, seine besseren Kleider hervorholte und glättete. Doch war er sehr zerstreut, liess jedesmal einen Gegenstand liegen und vergass ihn, dann ging er wie im Traume suchend umher und fasste wieder etwas ganz Unnötiges an. Seine Gedanken weilten in der Ferne. Mr. Davis, wie man ihn hier kurzweg nannte, hiess mit seinem vollen Namen David Broder, war seines Zeichens Schuhmacher und war vor fünfundzwanzig Jahren nach Amerika gekommen, um dort, nachdem er daheim in Galizien all sein Hab und Gut verloren, sein Haus abgebrannt und seine Frau und einzige Tochter gestorben waren, sein Glück zu suchen. Anfangs glückte es ihm nicht übel und er war sogar auf dem Wege, ein wohlhabender Mann zu werden. Später jedoch fing das Unglück an, ihn zu verfolgen. Er musste Cincinnati, wo er sich angesiedelt hatte, verlassen, und wurde endlich, nach vielem Umherirren, nach dem entlegenen, weltvergessenen Green City, einem kleineu, einige Jahre zuvor gegründeten Städtchen, verschlagen, wo er sich eine Schusterwerkstätte eröffnete. Aber er war bereits zu alt für sein Handwerk und musste bald jüngeren Kräften Platz machen. Dann richtete er eine Grocery ein, die aber ebenfalls kein Glück hatte. Endlich schnallte er den Hausierkasten um die Schultern und wanderte tagaus tagein von einer der umliegenden Farmen zur anderen, wo er die Waren absetzte, die er jedes Vierteljahr in dem fernen Cincinnati einkaufte. Da man ihn allerwärts wegen seiner strengen Redlichkeit und Pünktlichkeit schätzte, so machte er für seine Verhältnisse gute Geschäfte und konnte bereits davon träumen, einst auf die alten Tage der Wohltätigkeit nicht zur Last fallen zu müssen, was er stets befürchtet hatte. Aber je älter er wurde, desto häufiger beschlich ihn eine unbekannte Traurigkeit, die er anfangs selber nicht verstand und die ihn manchmal tagelang bedrückte. Es war das Gefühl der Vereinsamung und Verlassenheit, welches ihn heimsuchte. Er empfand eine unbestimmte, aber sehr lebhafte Sehnsucht nach verschollenen, fernen Dingen, nach Menschen, mit denen er von den vergangenen Zeiten reden konnte. In solcher Gemütsverfassung, die sich meist am Sabbat Nachmittag, da er von jeglicher Arbeit ruhte und auch von dem einsamen Gebet nicht in Anspruch genommen war, bei ihm einzustellen pflegte, setzte er die Hornbrille auf, zog aus der Tasche das abgegriffene, noch aus der alten Heimat stammende Psalmenbuch hervor und sang einen Psalm nach dem andern, nach alter Melodie, während er in die daneben gedruckte Jargonübersetzung blickte, bis es dunkel wurde. Dann sank das Buch auf seine Knie herab und er verfiel in ein halbklares Träumen. Verworrene Gestalten zogen an ihm vorüber, aus denen langsam seine Frau und seine einzige Tochter auftauchten. Er sah die verwischten Umrisse seines Heimatstädtchens, die schmalen Gassen, die Synagoge mit dem hohen phantastisch sich türmenden Dach, dann den weissen, breiten, zwischen einer Allee von alten breitästigen Wildbirnbäumen sich schlängelnden Weg, der weit hinaus ins Freie fährt, wo der „heilige Ort", der Friedhof lag. Dort ruhten alle, die er in diesem Leben nicht mehr sehen sollte. Zuweilen erfasste ihn eine Art Neugierde, wie es denn dort, daheim im Städtchen aussehen möchte. Manchmal empfand er ein förmliches Herzklopfen, als lauschte er in spannungsvoller Erwartung auf eine Nachricht von dort, auf eine Kunde, die ihm etwas erzählen, vielleicht auf eine geheimnisvolle Stimme, die ihn heimrufen würde, und er ertappte sich dabei, wie er richtig zum Fenster hinausschaute, ob nicht jeden Augenblick jemand käme. Aber er hatte keinen mehr, der an ihn dachte. Dann trat Mrs. Kollinson ein mit einem brennenden Holzscheit, um Feuer zu machen, und alles war vorüber. Mrs. Rolliuson, eine strenggläubige bibelkundige Methodistin, bei der er seit vielen Jahren wohnte, schätzte diesen braven Mieter, der so sauber war, so pünktlich die Miete bezahlte, den Sabbat so streng beobachtete und die Psalmen fast auswendig konnte, sehr hoch. Im Städtchen kannte ihn ein jedes Kind; da er hier der einzige Jude war, betrachtete man ihn anfangs mit einer Art freundlicher Neugierde, bis man sich an ihn gewöhnte und fand, dass er ganz so war wie die anderen, abgesehen davon, dass er nie Fleisch ass und sich nie betrank. Vor einigen Wochen ging Mr. Davis gegen Abend aus, um in der benachbarten Schenke ein Glas Bier zu trinken. Unterwegs hörte er ein eigentümliches Geräusch aus einem armseligen kleinen Häuschen in einer der angrenzenden stillen Gassen. Es war das Summen einer Nähmaschine. Mr. Davis trat näher und erblickte an der Türe ein riesiges Plakat, das den Bewohnern von Green City ankündigte, dass Mr. Flock, nämlich Mr. Flock aus Boston hier einen Salon eröffnet hatte, in welchem die schönsten Gewänder für Gentlemen sowohl als für Ladies angefertigt werden, alles nach der neuesten Pariser Mode. Auch verschmähte es Mr. Flock nicht, obgleich er mit Arbeit überhäuft sei, getragene Kleider zu wenden und sogar zu flicken, insoferne man es nicht vorzöge, sich neue zu bestellen. Mr. Davis, dessen Bock gerade ausbesserungsbedürftig war, trat ein. Der „ Salon" bestand aus einem langen, dunklen Zimmer, mit einem auf