Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Der Seder in der Fremde
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 313 - 314 (sequence 1)
- Language
- German
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313 314 DER SEDER IN Novelle von ßi Die grosse Seitenstube in dem Häuschen der Mrs. Rollinson war schon vollständig rein gemacht, und die Frau hantierte nur noch mit den Scheuerlappen an der Aussenseite der Türe herum, als Mr. Davis, keuchend unter der Last seines schweren Kastens, der mit Riemen um seine Schultern geschnallt war, ankam. Er musste zweimal sein Good day wiederholen, bis die etwas schwerhörige Dame seine Gegenwart merkte und sich umwandte. „Good day, Mr. Davis! Sind Sie schon da?" donnerte sie freundlich. „Gehen Sie in die Kammer und legen Sie Ihren Kasten ab. Und wischen Sie sich die Stiefel recht sauber Sehen Sie, wie fein es hier aussieht in der Stube. Kein Stäubchen dürfen Sie hineinbringen, Mr. Davis. Wenn's Feiertag ist, muss es Feiertag sein." Mr. Davis legte den Kasten ab, kam zurück und warf durch die geöffnete Türe einen Blick in das Innere seiner Stube und konnte sich eines Freudenrufes nicht enthalten. Die kräftigen und rührigen Hände des Mrs. Rollinson hatten den düsteren und unfreundlichen Raum in ein Festgemach verwandelt, die Scheiben waren sauber geputzt, der Fussboden gescheuert, der Staub entfernt. In der Mitte stand der Tisch mit einem blinkend weissen Tuch gedeckt und die etwas wackeligen Stühle standen wohlgeordnet um den Tisch herum. Die niedrige Pritsche, die als Bettstelle diente, war mit einem verschlissenen, aber blitzsauberen Wandschirm verhüllt. Alles atmete eine gewisse anheimelnde Freundlichkeit, die Mr. Davis zur Rührung stimmte. Sogar die gähnende Oeffnung des Backofens, der auch als Kochherd diente, war mit einer Art Gardine von buntem Zeug überzogen. Alles schien das Fest zu erwarten. „Das haben Sie aber schön gemacht, Mrs. Rollinson, Sie sind eine brave Frau. Ich danke Ihnen sehr!" Die so Angeredete stemmte ihre Arme in die Hüften, musterte stolz ihr vollendetes Werk und Iragte dann: „Wer werden heute Ihre Gäste sein, Mr. Davis?" „Meine Gäste, nun, wer sollen sie denn sein? Mr. Flock, der Schneider wird kommen, dann der Geselle vom Goldschmidt ..." „Der von Mr. Smith?" „Ja der, dann ein Landsmann von mir, ein ganz armer Mensch, der erst gestern hier angelangt ist, ich weiss nicht einmal recht, wie erheisst. Er hat die Nacht auf einer der benachbarten Farmen zugebracht und will nach den Feiertagen weiter nach dem Westen, nach San Francisco, ziehen..." „Was hat denn der für einen business?" fragte Mrs. Rollinson, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. „Ach ja, das ist es eben, er hat gar keinen. Er ist so ein Kinderlehrer, kann beim Gottesdienst schön vorsingen und weiss in den heiligen Büchern Bescheid, ein sehr kluger Mann, wir gingen eine DER FREMDE. Nachdruck verboten, njamin Segel. Strecke zusammen und haben viel miteinander gesprochen — aber schrecklich arm ist er. Die zwei Feiertage wird er bei mir wohnen. Dann kommen noch die beiden Grubenarbeiter aus Struck Oil herüber ..." „Aus Struck Oil? Du lieber Himmel, so weit? Können die denn nicht dort Feiertag machen? Na, Mr. Davis, wenn Sie saubere Stiefel haben, können Sie eintreten. Ich bin fertig." Mr. Davis erklärte seiner Wirtin, warum die beiden jüdischen Arbeiter hierher kommen mussten. „Aber wissen Sie, Mrs. Rollinson, wer sonst noch kommen wird? Mr. Henry Simpson." „Wer, sagen Sie?" Davis musste den Namen wiederholen. „Mr. Simpson, der Doktor?" Die gute Frau klatschte vor Staunen in die Hände. „Der? Unmöglich! Ist der auch ein Jude? Das hab ich ja gar nicht gewusst." „Ach nein, wo denken Sie hin. Ein Jude ist er nicht. Wir kennen ihn ja schon lange. Aber er will heute mein Gast sein, und da werde ich ihm doch nicht absagen." In Mr. Davis' Brust regte sich Stolz darüber, dass ihn der angesehene Arzt, obgleich kein Glaubensgenosse, am Festabend besuchen wollte. „Da gehe ich nämlich gestern morgens, kaum dass es Tag geworden, mit dem Kasten nach der Farm des Mr. Thorston. Ich musste am Hause des Doktors vorbei; dieser stand schon vor der Türe und besserte in seinem Gärtchen aus. Ich grüsse. „Good Morning," sagt er, sind Sie nicht in Oincinnati, Mr. Davis?" „Warum soll ich denn in Cincinnati sein?" sage ich. „Aber voriges Jahr sind Sie doch hingefahren um diese Zeit und sind dort bei den Juden über Eure ganzen Feiertage geblieben." „Nein", sage ich, „diesmal bin ich leider verhindert; Sie kennen ja die Geschichte mit dem Prozess, der erfordert hier meine Gegenwart, und darum mache ich bei mir zu Hause den Seder" — „Seeder?" macht er, nachdem er eine Weile geschwiegen, und schaut mich so merkwürdig an. „Nun ja," sage ich, „so heisst nämlich, was wir morgen Abend zuhause beten und singen werden". — Ihnen hab ich's ja erklärt, Mrs. Eollinson. Was sagen Sie dazu, liebe Mrs. Eollinson, der Mann macht plötzlich ein Gesicht, als hätte er eine bittere Pille verschluckt. Ich schaue ihn an, dann sage ich „Good by" und will mich entfernen, aber er spricht: „Wissen Sie was, Mr. Davis, ich möchte mir gerne mitansehen, wie das ist, das Sie morgen Abend machen." Ich dachte mir, der will dich zum besten haben, und sage, „ach, da wird nicht viel zu sehen sein, in Cincinnati, bei reichen Leuten, wo eine zahlreiche Familie ist, müssen Sie sich einmal das ansehen." Er aber sagt, das sei ihm ganz gleich, er müsse um jeden Preis dabei sein. „All right," sage ich, meinetwegen, wenn's Ihnen Vergnügen macht."