Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Ein Buch der Erinnerungen
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 309 - 310 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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309 Dr. Th. Zlocisti: Ein Buch der Erinnerungen. 310 Don Carlos und Posa sagt seine Leitartikel auf im „Gemara-Nigen". Die Jugend will dadurch die Eltern täuschen. Aber sie täuscht sich selbst: Schiller wäre ihnen unverständlich, wenn er nicht „gelernt" würde . . . Die Eltern fürchten die neue Zeit und sie beschwören den Missionar der russischen Regierungsaufklärung, Lilienthal, bei ,.Tallis und Tfillim« zu erklären, ob er die Juden zur Taufe führen will. Sie fürchten. Aber ihre Furcht ist mehr ein Ahnen furchtbarer Entwicklungen. Was sie um sich sehen, macht sie mehr stutzig, als erschrocken. Hier eine Szene, die die schwangere Zeit köstlich zeichnet:Dem Schwager unserer Gross - mutter hatte es die Naturwissenschaft angetan. Bei grauendem Grabmal. Morgen War (Bronze und Stein). er halb entblösst in den Garten gegangen. „Die rechte Hand arbeitete kräftig, sie beseitigte die Einde der Pappel und holte kleine Insekten heraus, die mein Schwager — nicht ohne Ekel! — in ein kleines Kästchen mit einem Glasdeckel warf." Die Mutter hatte ihn bemerkt und rief halb verwundert, halb belustigt: „Wos tust du do?" „Gur nischt" gab er lakonisch zur Antwort. „Wos is do im Kästchen auf der Erd'?" fragte die Mutter weiter. „Gur nischt", meinte der erregte Naturforscher. „Warum biste so früh do? forschte die Mutter. „Früh! S'es gur nischt früh!" antwortete der junge Mann, in der Hoffnung, sich so aus der Affäre zu ziehen . . . Die Mutter beugte sich über das Gitter und entdeckte nicht ohne Aerger ein Buch neben dem Kästchen. Sie tritt näher. Der Naturforscher ergreift die SIEGFRIED WAGNEI SIEGFR. WAGNER KOPENHAGEN". Star mit Wurm. (Bronze). Flucht. Meine Mutter blickte in das Kästchen und entdeckte darin zu ihrem unbeschreiblichenErstaunen eine gewöhnliche Fliege, einen Maikäfer, ein Marienkäferehen, eine Ameise, einen Holzwurm .. Sie traate ihren Augen nicht, und ihr Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es hätten tun können, auf die Frage hin: „Wozu braucht ein Mensch solches Gewürm?" Zu dem „Gewürm", das den inneren Menschen zernagte , kam ein anderes Unheil. Ein Ukas der Regierung verbot die jüdische Tracht: der äussere Mensch musste reformiert werden. Sogar die Pejes, „die dem Juden erst die Gottähnlichkeit geben" sollten schwinden. Es gab erbitterte Kämpfe mit den ausführendenPolizeiorganen. Aber schwerer waren die Kämpfein der Seele der Juden. Der Mantel fiel und der Herzog musste ihm folgen. Die neue Tracht führte die Juden nicht in eine neue Welt hinein. Sie führte sie nur aus ihrer alteu Welt heraus. Das empfanden alle tiefer blickenden Männer, das machte sie traurig und ihre Ohnmacht so unsäglich qualvoll. Als die Gräber des alten Brester-Friedhofs geöffnet wurden und die Leichen ihre Friedensstätte verlassen mussten, weil die Stadt zu einer Festung umgebaut wurde, war ein Wehklagen in der Gemeinde — doch die Toten fanden einen neuen Euheplatz. Aber die Seelen, die aus ihrer stillen Welt hinausgezerrt wurden, die Seele der Jugend wurde heimatlos und musste wandern in eine ungewisse Welt. Die Besten wurden schwankend. Die Schwachen wurden haltlos. Sie wechselten die äussere Tracht und wurden äusserlich. KOPENHAGEN.