Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Ein Buch der Erinnerungen
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 311 - 312 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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311 Dr. Th. Zloeisti: Ein Buch der Erinnerungen. 312 „Schwarze Röcke, seidne Strümpfe, Weisse, höfliche Manschetten Sanfte Reden, Embrassieren — Ach! wenn sie nur Herzen hätten." Es sind nur die ersten Anfänge dieser neuen Zeit, von denen unsere Grossmutter spricht. Mit verhaltenen Worten. Ihre ganze Innigkeit hat sie über das alte Ghettolehen gebreitet, von dem sie uns freilich nur einen Bruchteil gibt. Wir lernen nur ein Haus mit allen seinen Freuden, Erregungen und seinem Kummer kennen. Es ist ein reiches und vornehmes Haus, in das wir als Gäste eintreten. Und doch ist es nur ein Paradogma für das Treiben im Ghetto. Denn das Leben im Patrizierhaus ist seinem Wesen und seiner Form nach nicht herausgehoben aus der Ghettoartung. Hütte und Herrensitz unterscheiden sich nur in den groben Aeusserlichkeiten der Lebensformen. Charakter und Fülle der Vorstellungsinhalte, die Skala der Gefühle und die zarten Bedürfnisse der Seele: — vielleicht, dass sich darin eine individuelle Differenzierung spiegeln könnte. Aber niemals die soziale! Dem Reichen wird nur die Gnade, dass er die Fülle der Pflichten leichter und unermüdlicher tragen konnte. Und sein Dank für diese Gnade war, dass er die Pflichten peinlicher beobachtete und ihre Kreise weiterzog! Im Hause des Reichen zerbröckelte nicht das Judentum. Sitte und Ueberzeugung, Tat und Gebet, Alter und Jugend standen in Schönheit und unbefleckt durch die grobe Not nebeneinander, das Haus zu einer Stätte Gottes zu machen . . . Grossmutter erzählt. . Und eine Welt der Schönheit, des Friedens und verjüngender Heiterkeit steht vor uns auf. Und uns überflutet eine Sehnsucht nach dem versunkenen Lande der Ganzen. Nach all den Enttäuschungen, die die Zivilisation bringt und die sie —je empfindsamer und zarter wir werden—uns immer herber wird fühlen lassen, blicken wir in jene stille, abgestorbene Welt zurück und in einsamen Stunden regt sich leise in uns ein Fragen, ob dort nicht die blaue Blume der Romantik ihre Düfte um die Menschen hauchte. Es war eine enge Welt. Aber sie war hoch und reichte bis an den siebenten Himmel . . . Die Menschen waren klein. Aber ihre Seelen waren voller Harmonie und Einheit. Sie verschmachteten nicht im Genüsse. Wunsch und Kraft, Wille und Ziel, Leben und Lehre waren eines nur. Sie gaben den heiligen Frieden, der nicht einmal ahnen konnte, dass es auch eine Zerrissenheit gibt. öabbatweihe. S V V Er geht strassauf, strassab in jedem Wetter Und bietet seine kleinen Waren an. Und rohe Worte mehr als dürre Blätter Im Herbststürm rauschen auf den alten Mann. Er spürt den Schimpf nicht mehr. Zurückgezogen aus seinen Augen hat die Seele sich Ins tiefste Herz. Sein Rücken ist gebogen Wie unter einer Last, die niemals wich. Er greift das öeld mit harten, krummen Händen Und schiebt hausierend sich von Haus zu Haus. Doch Freitag abends in den eignen Wänden, Wie sieht der Alte so verwandelt aus! Er ist ein König jetzt im sanften Schimmer Der Sabbatlichter, wie er singt und spricht; Und Davids Psalmen klingen durch das Zimmer, Und heilig ist sein Leidensangesicht. Grete Masse. Hamburg. Originalzeichnung. Regina Mundlak. Sabbatweihe.