Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Ein Buch der Erinnerungen
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 307 - 308 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583973-2598138--08290-2598218- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
307 Dr. Th. Zlocisti: Ein Buch der Erinnerungen. 308 dürfnissen eines höheren Lebens verinnerlicht die Bande angeerbten Volkstums und gemeinsamer äusserer Geschicke und schafft auf einem weitab vom materialistischen Sozialismus führenden Wege einen sozialen Bund von ganz spezifischer Prägung. Eine idyllische Euhe und der Frieden einer in ihren Sehnsüchten, ihrem Gottvertrauen geeinten Menschengruppe ruhten über jener Generation. Und lösten wir selbst den Glorienschein auf, den die alte Grossmutter um ihre Jugendjahre legt, und wollten wir in Einzelzügen ergänzen, was die versöhnende und nivellierende Vergesslichkeit des Alters verwischte, die Grundlinien einer lieblichen Idylle verlören ihre Schärfe nicht. Die Spiele der Kinder und das Sinnen der Alten erfüllen nur eine enge Welt; aber sie ist voller duftiger Träume, voll tiefer Beziehungen und in jeder Spanne persönlich erobert und ganz zu persönlichem Besitze geworden. Der Tag ist unendlich lang, so lang, dass das gewöhnliche Ausmass der Stunden seine Geltung verloren zu haben scheint. Aber Gefühl und Begriff der Langeweile sind keinem bekannt. Es gibt keine toten Stunden, weil jede Stunde ihr eigenes Leben hat. In grauer Frühe, da die Nacht kaum an den kommenden Tag denkt, denken die Juden schon an ihr Tagewerk. Wer weiss, wie der Beruf die Stunden knebeln wird — darum schnell noch zum Talmud greifen, der von gestern noch aufgeschlagen ungeduldig schon des „Lerners" harrt; darum schnell noch in das Beth-Hamidrasch eilen, um in der Chewra Thillim im Zweisang die lieben Psalmen zu sagen. Das Leben ist so kurz — und des Betens und Lernens ist so viel Diesen Gedanken heisst es den Kindern zu überliefern. Sie können nicht früh genug in den Cheder. In seiner Enge und SIEG FR. WAGNER KOPENHAGEN. Altarleuchter. seinem ewigen Dämmer wächst eine heilige Welt. Und der erste Chederbesuch wird so der wahre Geburtstag der Menschenseele. Der Aermste gibt sein letztes Gut hin, um sein Kind nicht geistig verhungern zu lassen. Und es ist ein Brauch, der die ganze Judenseele blosslegt, ein Brauch von ergreifender Tiefe und unsagbarer Innigkeit, dass der Vater den jungen Chederbuben in einen Gebetmantel gehüllt zum Melammed trägt ... Er zeigt ihm die strahlende Pracht der Himmel und lehrt sie, sich den Weg zu Gott zu schlagen und mit den Quadern der heiligen Buchstaben zu ebnen. Sonnig ist das Ziel. Aber die Arbeit ist hart. Selbst die Spiele in den freien Zeiten sind noch durchwebt mit den Seidenfäden der Lehre, die das Halbdunkel des Cheders gesponnen. Schon frühe lernt das Kind sich bescheiden. Denn das Ghetto ist eine bescheidene Welt. In gedämpften Tönen klingt aller Sturm der Seelen aus. Das ganze Sein ist voller Geheimnisse. Und die Bangheit und Scheu, die das Kind empfand, als es einmal in dem leeren Gotteshause vor der heiligen Lade stand, trägt es allezeit mit sich und sie geben ihm die stille Ergebenheit, wenn es einst vor den heiligen Fragen des Lebens stehen wird . . . In diese festgefügte Welt mit ihrer eigenen Bildung, mit ihrem schillernden Reichtum der Phantastik, mit ihrer geschlossenen Lebensanschauung, in diese Welt der Träume und mystisch - verdämmerter Ahnungen, in diese Welt der klaren Tage, der besonnenen Arbeit — tritt nun polternd mit groben Füssen die neue Zeit! Kann aus den zerstampften Schollen gleich herrliche Saat erblühen? Die Menschen sind zu gefestet, als dass die neue Zeit sie ganz zu zerbröckeln vermöchte. Noch lachen sie und spotten ihrer, und reissen der Zeit ihre neuen Gaben aus der Hand. Chausseen werden gebaut. „Solange sich Menschen erinnern, waren zwei Tage nötig, um den Weg von Brest nach Bobruisk zurückzulegen, nun kommt Beb Zimel Epstein und erzählt uns, er wird ihn auf eine Tagereise verkürzen. Wer ist er? Gott? Wird er die übrige Strecke Wegs in seine Tasche stecken?" Und Beb Zimel Epstein hat recht. Indessen was verschlägts? Kann man mit Lampen, die heller und ruhiger brennen als Kienfackeln, den Sabbatabend nicht lichtiger und geruhiger machen? . . Und kann man bei neuen Wegen nicht ein alter Jude bleiben? . . Und doch: auf neuen Wegen kommt die neue Zeit! Die Welt wird grösser. Die Enge löst sich. Die plumpen Wägelchen verschwinden. Es kommen die Karossen und bald, bald wird das Dampfross die Wälder durchjagen. Jeder Tag bringt neue Wünsche; und wie die Mauern des Ghetto zu wanken beginnen, so kommen die Kinder des Ghetto ins Wanken. Die stille Harmonie wird zerstört. Sie scheinen wie Trunkene und wir lächeln ihres torkelnden Ganges. Auf den Hintertreppen schleicht die Aufklärung in die Häuser. Sie verdüstert mehr als sie erleuchtet — denn es ist eine Aufklärung, der — russischen Begierung! Ueber dem Talmudexemplar liegt Schillers