Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Ein Buch der Erinnerungen
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 305 - 306 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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305 Di*. Th. Zlocisti: Ein Buch der Erinnerungen. SOG Neige gegangen, begleitet wieder ein Mahl die „Königin Sabbat" in ihre Heimat. Es singt in allen Festen die gleiche Melodie — nur die Tonart wechselt und der Bhythmus. Am Chanuka lässt uns Grossmutter die Eeise durch das ganze Jahr beginnen. Mit den Latkes — den Honigflinsen — fängt sie an. Mit dem Pflichträuschchen am Simchas-thora hört sie auf. Zwischen Lust und Trauer pendelt das Leben hin. Wenn die Trauer die Seele gar zu fest zu umschnüren droht, löst ein Festtag die Schlingen. Und ein Trauertag dämmt die über die Borde schlagende Fröhlichkeit ein. Nicht kalendarischäusserlich gehalten, sondern in ihrem spezifischen Charakter hingenommen, nach ihrem Stimmungsgehalt gelebt, nach ihren gedanklichen Inhalten begriffen — wirken die jüdischen Feste wie ein Regulator menschlichen Treibens. Sie lösen die Verworrenheit unseres Seins in geruhige Harmonien auf und gleichen das stürmische Auf und Nieder aus zum Wellenschlag: eines friedlich hingleitenden Lebens. Und wundersam haben sich Sitte und Brauch dem Sinn der Feste angeschmiegt. Grossmutter Wengeroff hat in ihren Memoiren, — „dem Ben-Sekunim", dem Kind des Greisenalters — mit unendlicher Liebe den Kranz der vielen Bräuche zusammengewunden, die die Feste schmücken und — ihr Werk. Wenn einmal die alte Formensprache unserer Volkssitten verstummt sein sollte, wird der Ethnologe und Kulturhistoriker nach diesen Blättern das Leben der Juden alter Tage wieder aufbauen können. Der häusliche Herd — der in der Küche steht — ist der Mittelpunkt der Familie. Was dort brodelt und kocht, dient nicht gedankenloser Genusssucht und Völlerei. Die Hausfrau beginnt ihre Arbeit nicht, eh dass sie ein Gebet gesprochen und ein Opfer dargebracht hat. Die Speisen sind den Festen angepasst und alle Zutaten sind zugleich — Symbole! Speise und Trank, die den Körper kräftigen sollen, damit die Seele ungehemmt von irdischer Schwere ihren Flug in die Höhe nehmen kann, sind selbst nur — beseelte Materie. Sie sind geweiht. Und wenn die Hausfrau nicht fast erdrückt wurde von der Fülle der Sorgen, der Pflichten, der religiösen Gebote und der Subtilitäten, die der Brauch zum Zwange gesetzlicher Vorschriften erhoben hat, so konnte nur der Gedanke, mit all der peinlichen Arbeit höheren Zwecken, ja dem höchsten Zwecke zu dienen, die Last heiligen und adeln — und aus der Sphäre des ermattend Körperlichen hinaus- und emporrücken. In dieser in Gott und Judentum zentrierten Welt kann schlaffe Bequemlichkeit nicht hemmend in den Weg der Pflichten treten. Je g'etreulicher die Gebote erfüllt werden, um so leichter wird das Leben getragen. Je enger der Zaun der Gesetze, um so lichter und freier schwingt sich die Seele zu Gottes Thron. Und gemeinsam wie der Flug in die Höhe, rollt sich auch das bürgerliche Leben ab. Der Einzelne versinkt nicht in der Gemeinschaft bis zur Unkenntlichkeit. Sein individueller Wert SIEGFRIED WAGNER KOPENHAGEN. Säule von Sodoma. (Loths Frau.) wird gesteigert, sein individueller Charakter ausgearbeitet durch die Gemeinschaft. In das Schicksal des Einzelnen, welche Phasen vom Glück zum Leide es auch durchlaufe, sind doch Schicksalfaden der anderen verwoben. Die Lebensbedingungen jedes einzelnen Juden sind die der anderen Juden. Jeder braucht den anderen, zum gemeinsamen Gebet in der Chewra, in der Trauerzeit, beim Mahle, in den Scherzen des Purim, in der Lust des Freudenfestes. Und dieses Aufeinanderangewiesensein in den Be-