Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Ein Buch der Erinnerungen
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 303 - 304 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I>r. Tli. Zlocisti: Ein 'Buch der Erinnerungen. 304 Wechsel zwischen Menschen früherer Geschlechter, die Lust an Memoirenwerken . . . „Grossmutter erzählt . Das neuere jüdische Schrifttum ist arm an solchen nachdenklichen Erinnerungen und es kann wohl nicht anders sein. Familienforschung! Wie kann Familienforschung den Spürsinn regen, wo in unserer Gemeinschaft ängstliche Scheu die Kette der Geschlechter zerbrechen möchte? Ein jeder möchte ein Autochthone sein — gewachsen aus der Erde, geworden durch eigene Kiaft. Wir haben noch nicht den Mut, von der geduldigen Märtyrerkraft unserer Ahnen zu sprechen, noch nicht den Sinn, die stille Schönheit ihres engen Seins zu rühmen. Wer möchte das Leben seines Urahns erforschen, der mit dem Packen auf dem Kücken von Dorf zu Dorf keuchte, mit alten Kleidern handelte — und doch ein ganzer Mensch war: unbarmherzig gegen sich, weil das Wissen um Gottes Barmherzigkeit in ihm war . . Wir SIEGFRIED WAGNER KOPENHAGEN. Statuette, (Bronze). haben noch nicht die Kraft der festwurzelnden Persönlichkeit, den billigen Witz zu verachten, den der Tor über das armselige, erzwungene äussere Leben unserer Ahnen machen könnte. Wir wagen noch nicht laut zu sagen, dass sie nur Knechte schienen und freie Menschen waren, die in Not und Wanderelend danach rangen, würdig zu werden der Gnade, im Ebenbilde Gottes erschaffen zu sein. Wir haben uns noch nicht emanzipiert von dem Hochmut der eben erst bürgerlich Emanzipierten, über Sitte und Brauch unserer Ahnen, über ihre Vorstellungen und Gedanken zu lächeln. Wir haben die Phrase noch nicht überwunden — die Phrase, die unsere ganze Armut blosslegt: Moderne Menschen. Mit dieser Phrase wollen wir das eiserne Band zerhauen, das uns an die Ahnen schmiedet. Bilden wir uns ein — und ist doch ein Strohhalm in der Hand eines Kindes. „Grossmutter erzählt.'4 Von ihrer Welt! Wie weit wären wir, könnten wir erst ohne ängstlich umherblickende Voreingenommenheit mit Grossmutter durch ihre Zeiten wandern. Sie fasst uns gütig an der Hand und führt uns: ein kleines Städtchen, ein niedriges Häuschen, sogar mit einer richtigen Vortreppe,—also ein Herrensitz! — ein paar winklige Gassen, ein dunkles Cheder — und da lebt man! Man lebt da! . . „Ein Jahr im Elternhause.u Wir wandern von Fest zu Fest. Und der graue Alltag wird licht, weil er eine Vorstufe der Feste ist. Was ist eigentlich das Ziel unseres Lebens? der Festtag. Unser ganzes Leben ist nur ein Warten auf den kommenden Tag der Feier. Aber unser Warten ist voll Pein und Ungeduld, quälerisch. Unsere Hoffnung ist wirr und wildtreibend, zermürbend in der Angst des Verschmachtens auf halbem Wege: Wann kommt uns die Stunde der Feier? Vielleicht kommt sie uns niemals. Grossmutter lächelt: Ihr Armen. Zunächst freut man sich die ganze Woche auf den Sabbat. Man braucht sich nicht zu sorgen: Kommt er? Kommt er nicht?! Er kommt! Kommt der Sabbat, kommt die Kuhe. Und wer den Sabbat so recht feiert, weiss gar nicht, dass es einen Alltag gibt. Wir heiligen den Sabbat, glauben wir. Aber der Sabbat heiligt uns. Er weiht unser Leben und Treiben; und Essen und Trinken wird Gottesdienst. Und so fällt schon auf den Freitag — den Torwart der Euhestunden — der milde Abglanz des Sabbats. Die Arbeit am Freitag macht die Hand nicht müde. Die Erdenlast ist von ihr genommen. Und gute Engel helfen beim Werke. Darum schmecken die Fische am Freitag AbenÄ so köstlich. Sie haben den Geschmack „von jener Welt" — selbst wenn Vater sich nicht so besorgt in der Küche umsähe und die Sauce kostete. Beten, Kuhe und Essen — dieser Dreiklang schlingt sich zur Harmonie des Sabbats zusammen. Und wenn der Tag zur