Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1908)
- Article
- Ein Buch der Erinnerungen
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 301 - 302 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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301 Dr. Th. -Zlocisti: Ein Buch der Erinnerungen. 302 Es fehlt den Juden nicht der Sinn für einstiges Geschehen. Der Zwang der Tage, das Joch des Heute hielt nur immer die Seelen gefesselt. Die Grossmütter, die in den engen Stübchen ihre frommen Gebete flüstern, hüteten — frei von der Frohnde des Daseinskampfes — den Schatz der Erinnerungen. Und hätten sie alle nur die Erzählungen aufgeschrieben, denen im Dämmer sabbatlicher Nachmittage ihre Enkel gelauscht, die Geschichte unseres Volkes läge vor uns, festgefügt und durchglüht von einem Stimmungszauber, den niemals ein Historiker wird ahnen lassen können. Das Wort war behende. Doch die Hand war schwach und welk . . . Und so trug der Tod zugleich mit den Hütern der Vergangenheit die Vergangenheit ins Grab. Nicht was einst war und was einst geschah, bildet den intimen Eeiz der Geschichte. Das mag die Sorge des hockenden Chronisten sein, der wie ein geiziger Wucherer die Einzelstücke aneinanderreiht und auf einander schichtet. In den Geschehnissen und Menschheitschicksalen suchen wir das Einzelschicksal. Wir kennen wohl die Wirkungen grosser Ereignisse als kompakte Grössen; und der Philosoph wird aus diesen Werten den Weg der Geschichte, die Richtung der Entwicklung, aus der Verworrenheit der wirksamen Faktoren die Gesetzmässigkeit, SIEGFRIED WAGNER KOPENHAGEN. Portrait des Dichters Viggo Stuckenberg. K Portraitbüste. (Bronze). aus allen Brutalitäten ringender Mächte den Sinn, den Geist der Geschichte ableiten. Aber verhüllt sind uns die einzelnen kleinen Komponenten der geschichtsschreibenden Kräfte: wie der einzelne Mensch die Geschichte beeinflusst und wie er von der Geschichtsentwickhmg beeinflusst wird. Denn ein Nehmender und Gebender, zugleich Schöpfer und Geschöpf, Baumeister und Baustein, Subjekt und Objekt der Geschichte ist das Individuum. In diese wundersame Gewalt des Werdens, des Wandeins, der ewigen Umformung lässt uns die mikroskopische Geschichtsforschung blicken. Diese „Andacht zum Kleinen" — wie Grimm sie genannt — schafft und verinnerlicht die Weihe für den wuchtigen Schritt Gottes in der Geschichte. Die Sonne spiegelt sich in den kleinsten Tautropfen und gigantische Epochen der Vergangenheit in der Seele des niedrigsten Zeitgenossen. Aus diesen Erkenntnissen ist allmählich der Sinn für die Familienforschung erstanden, das Interesse für den Brief-