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Ost und West · 1908-04-01 · Heft 4 (April 1908) · p. Seite 249 - 250

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 4 (April 1908)
Article
An einem Erew-Pessach
Date
1908-04-01
Page
Seite 249 - 250 (sequence 5)
Language
German
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249 Ben-Ami: An einem Erew-Pessach. 250 Ach es war blos eine alte Bäuerin, die die Gänse vor sich einherjagte. „Vater, ich möchte zu Reb Itzig hinüberlaufen" — aber ich musste meine Bitte zweimal wiederholen, da der Yater in die Lektüre vertieft war. „Lauf, wenn du willst/ In diesem Augenblick stürmte mein kleiner Bruder ins Zimmer; man hatte ihn ausgeschickt, um einiges ausstehendes Geld für gelieferte Arbeit einzukassieren, womit meine Schuhe bezahlt werden sollten. „Leib!" schrie er laut, „Reb Itzig kommt, er bringt deine Schuhe." „Hast du Geld?" „Kein, sie sagten, sie würden nach Jomtow bezahlen." Noch bevor meine Mutter ihrer Empörung Luft machen konnte, öffnete sieh die Türe und herein trat Reb Itzig. Er zog langsam von unter dem Rock die Stiefel hervor, die ich ihm sogleich aus der Hand riss. Ich war ganz taumelig vor Freude, hörte und verstand nichts von dem, was man zu mir sprach. Ich besah die Stiefel von allen Seiten und traute meinen Augen nicht. Stiefel! Und was für Stiefel! Solche hat gewiss niemand gesehen 1 Wie sie glänzen! Rotes Putter, gewichste Hacken. Und diese Ohren, die in bunter Farbenpracht aufrecht stehen, wie die Ohren eines stolzen Renners. Ich war überglücklich und konnte mich nicht satt sehen an dem Meisterwerk der Schuhmacherkunst! Endlich wurde ich auf eine Bank gesetzt. Die Mutter trocknete mir die nassen Füsse, wand um sie saubere Fetzen, und ich zog dann mit grosser Mühe die Stiefel an. Mein kleiner Bruder blickte mich mit Hochachtung und Neid an. Die Stiefel sassen prachtvoll. Ich schritt einigemale im Zimmer auf und ab. Mir schien, dass ich mit einemmale gewachsen, dass mit mir in diesen wenigen Augenblicken eine grosse Veränderung vorgegangen sei. Nur der Vater freute sich nicht, sondern sah schweigend vor sich hin, als ginge ihn das alles gar nicht an, während die Mutter meine Stiefel von allen Seiten betastete. Die Probe war zu Ende. „Reb Itzig," sagte mein Vater verwirrt, „ich bin gezwungen, in Ihren Augen wie ein Lügner zu erscheinen. Gott weiss, dass es nicht meine Schuld ist. Ich besitze nur siebzig Kreuzer. Den Rest werde ich mit Gottes Hilfe nach den Feiertagen bezahlen." ,,Macht nichts, Reb Beinisch; ich kenne Euch ja, Ihr werdet mich ein andersmal bezahlen. Wenn nur meine Chinka nichts dagegen hätte," antwortete Itzig mit seiner leisen bescheidenen Stimme. Der Vater bückte sich über den grossen Kasten und holte einzelweise Kupfermünzen hervor. Aber es fanden sich nur fünfzig Kreuzer; Reb Itzig musste sich damit zufrieden geben. Er wand das Geld in sein rotes Tueh ein, wünschte uns fröhliche Feiertage und entfernte sich. „Nun, Rachel, gib uns schnell Wäsche, es ist Zeit, ins Bad zu gehen, bald wird es zu spät sein," sagte mein Vater, als sich Reb Itzig entternt hatte. Die Mutter bückte sich nun über den grossen Kasten und langte für uns saubere, aber stark geflickte Wäsche hervor. Jetzt kam eine wichtige Frasre zur Sprache, ob ich nämlich barfuss oder in den Stiefeln ins Bad gehen soll. Nach gründlichen Verhandlungen wurde beschlossen, dass ich auf dem Hinweg die Stiefel in der Hand tragen und sie erst auf dem Heimweg anziehen darf. Wir gingen. Im Bad angelangt, fanden wir die erste Stube bis zur Hälfte voll von trockenem Holz und Sträuchern zum Heizen. An der Oeffnung des grossen, schwarzen Ofens sass Aleksa, eine in unserer Stadt allgemein bekannte Persönlichkeit. Ausser dem Dienst am städtischen Bade als Heizer, Holzhauer und Wassertiäger verrichtete Aleksa noch allerhand Arbeiten in den Judenhäusern, wie am Sabbat den Ofen zu heizen, die Lichter zu patzen, die Stuben zu fegen und dergleichen. Es war ein kleiner, magerer Mensch von unbestimmbaren Alter, mit einer grossen, breiten Glatze am Kopt, welche von rötlichen, stets wirren und zerzausten Haaren umgeben war. Sein Gesicht war aufgedunsen, ohne ausgesprochene Hautfarbe, in der Mitte befand sich eine grosse, dicke Nase mit unzähligen, schwarzen Pünktchen, die mit einem welken Rettig grosse Aehnlichkeit hatte. Seine rotbraunen trüben Augen, das wirre, harte und stachlige Backen- und Barthaar verlieh seinem Gesicht einen düsteren, traurigen Ausdruck. Sommer und Winter war er mit einem dicken, kurzen Rock von rötlicher Farbe bekleidet, der von unzähligen verschiedenfarbigen Flinken bedeckt war und den ein Ledergürtel zusammenhielt. Kein Mensch hatte ihn jemals in einem anderen Kostüm gesehen, obwohl man ihn seit zwanzig Jahren kannte, es schien, als wäre er in dieser seiner Kleidung zur Welt gekommen. Er war stumm wie ein Fisch, nur zuweilen brachte er, wie knurrend, einen ganzen Satz über die Lippen. Sonst antwortete er immer auf eine Frage mit halben Wörtern. Bekannte und Freunde hatte er nicht und war immer einsam. Selbst in der Schänke, wo er alle freie Zeit zubrachte, knüpfte er mit niemandem ein Gespräch an. Sobald er sich betrank, setzte er sich in einen Winkel auf die Erde, wiegte den Kopf hin und her und brummte leise irgend ein Volksliedchen vor sich hin. Seinen Lohn tür seine Dienstleistungen zog er vor, in Naturalien, das heisst Alkohol oder Speisen, statt in Geld zu erhalten- Im aligemeinen war er ein stiller Mensch, der nie jemanden wehe tat. Aber einen Fehler hatte er; sobald er etwas erblickte, das nicht genügend versteckt war, konnte er sich nicht enthalten, es in die Tasche zu stecken, einerlei, ob es gross oder klein, wertvoll oder wertlos war; ein Pferdezaum, ein Sack Getreide, ein Wäschebündel, ein Leuchter, alles galt ihm gleichwertig. Sobald er den Diebstahl ausgeführt hatte, verschwand er unauffindbar, als hätte ihn die Erde verschlungen. Dann war jedes Suchen nach seiner Spur vergeblich. Nach einigen Wochen fand man ihn gewöhnlich im Korridor des Badehau>es, wo er den ruhigen, gesunden Schlaf eines Kindes Schlief. Jedes Forschen und Fragen war vergeblich, er antwortete keinen Laut, als verstände er nicht, was man zu ihm sprach. Kleinigkeiten, die er stahl, gab er in einer der ausserhalb der Stadt gelegenen Schenken für einige Glas Schnaps hin. Bei den Juden glückte es ihm immer, diese Streiche auszuführen, ohne hart bestraft zu werden. Wenn ihn aber ein Bauer bei einem Diebstahl abfasste, züchtigte er ihn grausam. Oft wurde er in einem solchem Fall windelweich geschlagen, so dass er blutend an allen Gliedern, voll Wunden und Striemen, tagelang das Lager hüten musste. Sobald er aber wieder heil war und sich ihm eine Gelegenheit darbot, tat er wieder wie früher. So war Aleksa beschaffen, der jetzt am grossen Ofen sass und ihn mit Sträuchern und trockenem Holz füllte. Wir liessen unsere Kleider im zweiten Zimmer zurück und traten endlich in die Badestube. Der Raum, der für das Wannen- und Schwitzbad gemeinsam

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