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Ost und West · 1908-04-01 · Heft 4 (April 1908) · p. Seite 251 - 252

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 4 (April 1908)
Article
An einem Erew-Pessach
Date
1908-04-01
Page
Seite 251 - 252 (sequence 6)
Language
German
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251 Ben-Ami: An einein Erew-Pessach. 252 war, fasste ausserdem auch noch die Mikweh, zu der man auf einer gewundenen, schmalen Treppe hinunterstieg. Die Stube, an deren Hintervvand sich Sitzbänke eine über die andere erhoben, war angefüllt von einem dichten Dampf, so dass i<-h im ersten Augenblick nichts unterscheiden konnte. Wirre Menschenstimmen hallten durcheinander, der dichte Knäuel der Badenden wimmelte an den Bänken und in den Wannen herum. An dem Eingang zur Mikweh herrschte ein förmliches Gedränge. Wir warteten an der Türe, bis sich die Menge etwas lichtete. Aeltere oder angesehene Leute hatten hier ordnungsmäs>ig den Vorrang. Für mich, da ich zum Schwitzen noch zu klein war, fand der Vater eine Wanne. Ich versenkte mich bis an den Hals ins warme Wasser und überliess mich dem wonnigen Gefühl, das sich über mich ergoss und mich fast schläfrig machte. Allmählich legte sich der Lärm, die Menge nahm ab. Inzwischen wurde die Dunkelheit in der Badestube immer grösser. Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne drangen durch die trüben Scheiben und durchwoben den Wasserdampf, der den Raum ausfüllte, mit bunt schillernden Fäden; durch die ganze Länge erhoben sich hübsche, in allen Farben schimmernde Scheidewände. In der Badestube wurde es immer leerer. Einer der Nachzügler trat ein, Berzje, der Fuhrmann, den sein schweres Handwerk so lange zurückhielt. Er war ein hochgewachsener starker Mann und führte einen kleinen Knaben an der Hand. „Das nenne ich rechtzeitig kommen," begrüsste ihn jemand lachend. Berzje suchte sich schweigend ein Plätzchen. „Spät, spät, Ihr lieben Leute," rief der alte Eeb Selig hüstelnd, „schon Zeit, zur Synagoge zu gehen!" ermahnte er zur Eile. Alle sputeten sich und eilten hinaus. Mein Vater, der bisher auf seinem Platze sass und sich ganz dem Vergnügen des Schwitzens überliess, erhob sich plötzlich und trat zu mir heran. „Bleib noch ein wenig, Leibele, ich will nur einen Augenblick in die Mikweh hinabsteigen." Damit näherte er sich dem dunklen Eingang. Ich wollte aber nicht warten und stieg hinaus, um noch unsere Kleider im Vorzimmer herauszusuchen. Dort waren nur noch fünf, sechs Personen zurückgeblieben, die sich schweigend ankleideten, um rasch nachhause zu eilen. Bevor ich noch zu unsern Kleidern gelangt, war mein Vater zurückgekehrt. Er begann hurtig unter den Kleidungsstücken zu suchen. Doch plötzlich hielt er inne. „Hast du deine Stiefel schon hervorgeholt?" fragte er mich mit sorgenvoller Stimme. „Nein," antwortete ich ruhig und langte nach dem Bündel, das meine Garderobe enthielt. „Wo sind sie denn? Hier sind sie nicht!" rief mein Vater sehr aufgeregt. Ich verstand diese Aufregung nicht recht, aber im Heizen fühlte ich plötzlich einen groben »Schmerz. In Verwirrung begannen wir zu suchen. Alle Anwesenden umringten uns und halfen uns suchen. „Seht mal rasch nach, wo ist Aleksa^' sagte jemand. „Aleksa?" antwortete der Inhaber des Bades, der gerade aus dem Korridor hereinkam. „Aleksa? Der ist vor einen halben Stunde verschwunden, als hätte ihn die Erde verschlungen. Ist das ein Schurke! Jetzt begreif ich's. Bisher pflegte er wenigstens hier nichts zu berühren." Jetzt erst begriff ich ganz, welches Unglück mich ereilt hatte. Ich brach in krampfhaftes, unstillbares Weinen aus und konnte mich nicht beruhigen. „Ich will schnell laufen, vielleicht find' ich ihn noch irgendwo," bot Berzje, der Fuhrmann, seine Dienste an. Mein Leid ging ihm offenbar sehr zu Herzen. „Pass1 indessen auf meinen Knaben auf," sagte er zu meinem Vater und rannte hinaus. Das ganze Bad wurde mehreremale durchstöbert; man suchte überall, sogar im Kessel und im Ofen. Man schüttelte alles dürre Gesträueh und Holz durch, das in den Vorstuben heiumlag, einige Lpute stiegen nochmals in die Mikweh hinunter, alles war vergebens. Endlich kam Berzje zurück. Er war ganz schaumbedeckt und atmete schwer. Aber er hatte leere Hände. Ich wollte nicht mehr heimgehen, sondern wankte jammernd von einem Winkel in den anderen. Mein Vater stand reglos, leichenblass da und betrachtete mich mit schmerzerfüllten Augen. Der Abend war schon herabgesunken, als wir das leer und unheimlich gewordene Bad verliessen. Draussen herrschte eine liebliche, sanfte Ruhe, obgleich die Luft kühl war. Mehr noch, als der Schmerz über meinen Verlust, peinigte mich ein stechendes Gefühl der Beschämung. Ich schluchzte leise, während ich mit meinen nackten Füssen, die erst aus dem warmen Bad kamen, über die feuchtkalte Erde schritt, und zitterte vor Kälte am ganzen Körper. Mein Vater nahm mich auf die Arme, drückte mich ans Herz und suchte mich zu beruhigen. „Weine nicht, mein armes Kind, weine nicht. Es war Gottes Wille. Du hast dich zu sehr gefreut. Man darf sich nicht allzuviel der Freude hingeben.'4 Ringsum leuchteten in allen Häusern die festlichen Lichter. Aus dem Rande des hellblauen Himmels zog stolz und majestätisch der volle Mond empor. Mein Vater schritt leise daher, versunken in traurige Gedanken, die sich auf seinem sanften, müden Gesicht malten. Ich klammerte mich an seinen Hals und jammerte still vor mich hin ...

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