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Ost und West · 1908-04-01 · Heft 4 (April 1908) · p. Seite 247 - 248

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 4 (April 1908)
Article
An einem Erew-Pessach
Date
1908-04-01
Page
Seite 247 - 248 (sequence 4)
Language
German
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247 Ben-Ami: An einem Erew-Pessach. 248 nicht würdige, ertrugen sie es mit Ergebung und suchten Trost in anderen Idealen, die ihnen das Leben ausfüllten. Sie widmeten ihre Liebe und all die zärtlichsten Regungen ihres Herzens dem Gotteshause, das sie für die Lücke in ihrem Leben tröstete und ihnen Hoffnung für die Zukunft gewährte. Bald stifteten sie eine Ner-Thamid-Lainpe, bald widmeten sie alle Ersparnisse zum Ankauf eines Vorhanges für die heilige Lade oder einer Samtdecke für den Almemortisch. Ihr grösstes Ideal war, einmal so viel Geld beisammen zu haben, um eine Sefer-Thora schreiben lassen zu können und sie dann im Jubel und mit Musikbegleitung in die Synasroge zu bringen, wo man daraus in alle Ewigkeit an Sabbat- und Festtagen vorlesen würde. Diesem Ziele strebten sie mit aller Kraft zu; Reb Itzig verdoppelte seine Anstrengungen bei Tag und bei Nacht, gönnte sich keinen Augenblick Ruhe und träumte nur von jener grossen Stunde, da er seine Hoffnung verwirklicht sehen würde. „Wenn wir nicht wert waren, unser Kind unter die Chuppah zu führen, so werden wir, mit Gottes Hilfe, seine heilige Thora unter der Chuppah in sein Haus bringen," pflegte Reb Itzig öfter zu seiner Chinka zu sagen, die dabei heisse Tränen vergoss. Als wir hinkamen, sassen Reb Itzig und Chinka gerade beim Frühstück. Man hiess uns sehr freundlich willkommen. Chinka holte etwas Branntwein und Kuchen hervor und bewirtete uns. Dann begann die übliche Unterhaltung über die schweren Zeiten, über die Vorbereitungen zum Fest, wobei Chinka das Gespräch führte, während Reb Itzig meist nur durch Kopfnicken seine Zustimmung bekundete. Endlich kamen die Stiefel an die Reihe. Der Meister nannte den letzten Preis: drei Gulden. Mein Vater erschrak bei dieser grossen Summe. „Dann muss ich auf die Stiefel verzichten," sagte er. Ich fühlte, dass mein Herz still stand. Reb Itzig riet dem Vater, ein Paar alte Schäfte zu finden, dann könnte er's um zwei Gulden machen. Mein Vater stand auf und sagte im Weggehen, dass er die Sache sich überlegen wolle und dass er keine alten Schäfte habe. Ich fühlte mich höchst unglücklich. „Mach ihm die Sriefel für zweieinhalb Gulden," sagte Chinka mit sanfter Stimme. Sie verstand ersichtlich mein Herzleid und hatte Erbarmen mit mir, denn sie sah mich mit ihren schönen Augen an, die mir in diesem Moment wie die Augen eines Engels erschienen. „Wenn es dir recht ist, ist es mir gewiss recht," antwortete Reb Itzig in seiner stillen Art. „Aber ich sag euch im voraus, dass ich vor Jomtovv nur anderthalb Gulden bezahlen kann, den Rest zahle ich, so Gott will, nachher," bemerkte mein Vater. „Auch recht," sagte Chinka. Reb Itzig begann das Tischgebet, nachher setzte er mich auf eine Bank, zog meine durchnässten und zerrissenen Sandalen aus und nahm mir das Mass. „Die Stiefel werden am Erew Pessach zu Mittag fertig sein," sagte Reb Itzig, sich erhebend. Das war die Entstehungsgeschichte meiner ersten Stiefel im Leben. Es war kein Wunder, dass mich beim Gedanken an dieselben ein wonniger Schauer überlief. Jeden Morgen erwachte ich mit der glücklichen Empfindung, dass mich etwas sehr angenehmes erwartet. Ich liebte diese Stiefel, bevor ich sie noch gesehen. Doch nein — ich sah sie vom ersten Augenblick ihres Werdens und Wachsens und überwachte jedes Stadium ihres Entstehens. Kaum hatte ich einen freien Moment, flugs war ich bei Reb Itzig und weidete mich an dem langsamen Fortschreiten meiner künftigen Stiefel, und da wir seit einer Woche Ferien hatten, verbrachte ich ganze Tage bei Reb Itzig. Nicht nur die Stiefel fesselten mich, auch die Ruhe und die angenehme Wärme bei Reb Itzig zog mich an. Gestern war ich dort bis spät am Abend geblieben, wofür mich die Mutter tüchtig ausschalt. Als ich wegging, fehlten an den Stiefeln noch die Hacken und der Meister stellte sie beiseite, um ein anderes Paar vorzunehmen. Das betrübte mich sehr, doch Reb Itzig beruhigte mich mit der Versichei ung, dass sie heute, also am Erew Pessach bestimmt fertig würden. Und doch Hessen mich unruhige Gedanken und vage Befürchtungen lange nicht einschlafen; in meinem kindlichen Egoismus zitterte ich, Reb Itzig könnte plötzlich krank werden und meine Stiefel blieben ein Torso . . . Jetzt, wie ich auf dem Boden sass und durch das Loch im Dache zu Reb Itzigs Wohnung hiniibersah, sann ich nach, wie ich trotz des Verbots der Mutter mich hinwegschleichen und meinen werdenden Schuhen einen Besuch abstatten könnte. „Leibele, Leibele, wo bist Du?" hörte ich plötzlich die Stimme meiner Mutter. Ich sprang eiligst von dem Balken herab, verwundete mir leicht den Fuss an den herumliegenden Scherben und gelangte etwas hinkend bei meiner Mutter an. Hier erwartete mich der Auftrag, Jawdocha, die Wasserträgerin, zum Brunnen zu begleiten. Jedes Jahr erfüllte mich dieses Amt eines Aufsehers über das Kaschrut des Pessach-Wassers, das Jawdocha am Brunnen holte, mit grossem Stolz. AI er jetzt, da ich sehnsüchtig der Ankunft Reb Itzig's mit meinen Schuhen harrte, gehorchte ich nur widerwillig. Zehnmal ging ich hinter den funkelnd weissen Kannen Jawdochas zum Brunnen und jedesmal erwartete ich mit Bestimmtheit die Stiefel. Schon von der Ferne lugte ich aus, um Reb Itzig zu erblicken, fragte jeden in unserem Hause, der zufällig vor der Türe stand, und jedesmal vergebens. Die zweite Nachmittagsstunde war vorüber. Unsere Behausung hatte mit einemmal ein verändertes Aussehen und stand wie umgewandelt da. Die Wände waren frisch gekalkt, der Fussboden mit gelblichem Lehm gestrichen und darüber Sand gestreut. Alle Hausgeräte, frisch gescheuert, blinkten weiss. Der Vater sass am Tisch, in die Lektüre des „Sohar" versunken. Auch er war auf einmal wie umgetauscht, als hätte das erhabene Fest, das Fest der Freiheit, seine Zauberstrahlen vorausgesandt und ihn mit seinem Lichte überflutet, dem Lichte jener Sonne, die einst, vor mehr als dreitausend Jahren, Israel aufgegangen war, als es der Allmächtige mit erhobener Hand aus der Sklaverei in das Land der Verheissung führte. Ich stellte mich ans Fenster und spähte aus, ob Reb Itzig sich zeigen würde. Was konnte sein Zögern bedeuten? Ich weinte vor Bangigkeit und Gram. Schon sah ich Reb Nachum Melamed aus dem Bade nach Hause gehen, der seinen kleinen Sohn an der Hand führte. Feiwisch und unser Nachbar Wolf gingen vorüber und trugen Weinflaschen für den Sederabend. Mein Schulkollege Gedaliah schritt, schon festlich angezogen, vorbei und trug etwas, in einem Tuche eingewickelt in der Hand — sicherlich die Mazzah schemurah, die der Rabbiner seinem Vater schickt. Da zeigte sich von der Ferne eine Gestalt auf dem Wege von Reb Itzigs Haus. Mein Herz pochte hörbar . . .

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