Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 4 (April 1908)
- Article
- An einem Erew-Pessach
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 245 - 246 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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245 Brn-Aini: An einem Eivw-IVssaeh. seine Aufmerksamkeit, dann konnte er aut Stunden alles ringsum vergessen und sich in die Lektüre vertiefen. Die geringfügigen Kleinigkeiten des praktischen Lebens waren seiner inneren Natur zuwider. Und dieser Idealismus, verbunden mit einem einfachen, .unerschütterlichen Gott vertrauen, gab ihm die Kraft, der Not zu trotzen, seine Würde zu bewahren und sich niemals vor den Reichen zu demütigen. Am Abende desselben Tages langten von Heb Pinchas zwölf mächtige Folianten an, und mit ihnen kehrte in unser Haus Licht und Hoffnung ein. In der Nacht unterhandelten Vater und Mutter abermals über meine Stiefel. Die Mutter willigte nicht ein und bewies, dass zunächst die beiden älteren Mädchen Kleider haben müssten, dann wolle man sehen. Der Vater gab nach. Eine Woche später wurde er zum Postinspektor gerufen, der ihm ebenfalls Arbeit gab. Die Stiefelfrage kam wieder aufs Tapet, aber nach allen Berechnungen stellte es sich heraus, dass die sämtlichen Einnahmen kaum für Pessach ausreichen würden, die Kleider für die Mädchen nicht eingerechnet. Ich war wie von einem Pfeil getroffen. Aber zu meinem Glücke ereignete sich etwas, was keiner von uns gehofft. Seit zwei Jahren lagen auf unserem Boden etwa fünfzehn Bücher herum, die ein junger Mann, wahrscheinlich Lehrer in einer der deutschen Kolonien, zurückgelassen hatte. Mein Vater hatte bereits die Hoffnung aufgegeben, dass diese Bücher jemals behoben würden. Aber da erschien eines Tages ein hübscher, deutscher Wragen vor unserer Haustür, hielt an, und ihm entstieg ein elegant gekleideter Mann. Sofort versammelten sich ringsum eine Menge Weiber und Kinder, um die seltene Erscheinung zu bewundern. Ich wurde aut den Boden geschickt, um die Bücher herunterzuholen und abzustäuben. Der Deutsche nahm die Bücher in Empfang und hinterliess an Arbeitslohn vier und einen halben Gulden. Das Geld kam uns rein wie vom Himmel heruntergefallen. „Nun geh ich, um Stoffe für die Kleider zu kaufen!" sagte die Mutter. „Und Stiefel für Leibele?" fragte der Vater. „Gott im Himmel! Immer wieder mit diesen Stiefeln. Was ist das für eine neue Mode! Wollen wir nicht lieber ein Paar Sandalen kaufen, wie bisher?" „So! Sandalen, die er zwei Wochen anhat, bis sie unheilbar zerfetzt und er dann wieder barfuss umherläuft. Du vergisst, dass der Knabe mit Gottes Hilfe, bald Bar-Mizwah wird. Passt e° dir, dass er barfuss umherläuft? Willst du, dass er etwa barfuss zur Thora aufgerufen wird?" Diesem Argumente konnte meine Mutter nicht mehr widerstehen. „Ach, weh ist mir! Um Gotteswillen! Das hab ich ganz vergessen. Der Knabe wird Bar-Muwah, und ich habe keinen Augenblick daran gedacht. Die Not und das Elend verwirren mir so den Sinn, dass ich mich selbst vergesse." Nach langer Unterhandlung wurde beschlossen, drei Gulden für Kleider meinen Schwestern zu widmen und den Rest für meine Stiefel. Zwar würde das Geld weder für das eine, noch für das andere ausreichen, aber man konnte wohl Reb Pinchas, in der Tuchhandlung, als auch Reb Itzig, dem Schuster, einen Teil schuldig bleiben. Auf diesen Ausweg einigte sich der Familienrat. Aber am Abend erschien Reb Mendel Melamed, bei dem mein kleiner Bruder Unterricht nahm. „Guten Abend, Reb Beinisch! Guten Abend, Rachel," sagte Reb Mendel, offenbar sehr gut gelaunt. Zu seinen Ohren war die Kunde von dem Deutschen, der vor unserer Haustür gehalten, in bedeutend vergrößertem Masstabe gedrungen. „Guten Abend," erwiderte mein Vater, der die Presse mit den Büchern in der Hand hielt und die Ränder beschnitt. Die Mutter bot dem Gast einen Sessel an, und der Vater wandte sich an ihn, ohne die Arbeit zu unterbrechen. „Was gibts Neues, Reb Mendel?" „Neues? Was für Neues kann es vor den Feiertagen geben? Geld ist nötig ..." „Ihr wünscht also Geld? Ich habe nur anderthalb Gulden bei mir, die könnt ihr bekommen, den Rest zahl ich auch, mit Gottes Hilfe, nach den Feiert äsen.1. Kaum hatte sich Reb Mendel entfernt, als meine Mutter ihrer Empörung in stürmischer Weise Luft machte. „Du bist also der Meinung, dass ich ihm nicht bezahlen soll, umsonst soll er deinem Kinde Unterricht erteilen?" „Er hätte können bis nach den Feiertagen warten ..." „Er ist aber auch ein armer Mann und braucht auch auf Pessach." Die Mutter schwieg, und ich gab ihr im Herzen recht. Nun war meine Hoffnung zu Wasser geworden. Ich war sehr niedergeschlagen und weinte bitterlich. Mein Abendbrot blieb unverzehrt. Spät am Abend, als sich bereits alle zur Ruhe begeben hatten, trat mein Vater an mich heran, legte die Hand auf meinen Kopf und sagte: „Gräme dich nicht, Leibele, du wirst Stiefel bekommen." Ich erhob meine vor Freude leuchtenden Augen und blickte durch die Tränen zu meinem Vater empor. Sein liebes Antlitz strahlte von Herzensgüte, aber auch ein Ausdruck von Müdigkeit und Erschöpfung lag darauf. Am nächsten Morgen begleitete ich den Vater zu Reb Itzig, dem Schuhmacher. Wir kamen durch einen finsteren Korridor in eine mittel grosse Stube, in der ein grosser Ofen den dritten Teil des Raumes einnahm. Das äusserst bescheiden und ebenso sauber eingerichtete Zimmer fasste ausser den gewöhnlichen Geräten den Arbeitstisch Reb Itzigs und einen Schemel davor. Die ganze Häuslichkeit atmete Frieden. Reb Itzig war ein stiller, bescheidener Mann, der fünfzehn Stunden täglich seinem Handwerk oblag und ausser dem Arbeitstisch nur noch das Bethaus kannte, wohin er mit strenger Pünktlichkeit früh und abends zum Gottesdienst kam. Er betete sehr andächtig, indem er jedesmal in die jüdisch-deutsche Uebersetzung blickte, um sich den Sinn der Worte zu vergegenwärtigen. Jeden, der dies nicht nötig hatte, überhaupt jeden in der Thora Kundigen betrachtete er für einen höher stehenden Menschen und zollte ihm aufrichtige Verehrung. Mit seiner Frau Chinka lebte er in musterhafter Eintracht und holte in allen Angelegenheiten zuerst ihre Meinung ein. Chinka liebte ihren Mann abgöttisch und war ausserdem eine biedere, geschickte Hausfrau, die strenges Regiment führte, aber dabei von grosser Herzensgüte war. Kindt r hatten sie nicht, und das war ein grosser Schmerz ihres Lebens. Aber als sie zur Ueberzeugung kamen, dass sich daran nichts werde ändern lassen, dass dies offenbar ein unabänderlicher Beschluss des Himmels sei, der sie des Kiudersegens ihrer Sünden wegen