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Ost und West · 1908-04-01 · Heft 4 (April 1908) · p. Seite 243 - 244

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 4 (April 1908)
Article
An einem Erew-Pessach
Date
1908-04-01
Page
Seite 243 - 244 (sequence 2)
Language
German
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243 Ben-Ami: An <MiHini Erew-Pessach. 244 „Was ist zu tun? Gott wird helfen, wie er bisher geholfen." Und wieder kommt ein schwerer Seufzer aus der Brust der Mutter und ein harter, trockener Husten aus der Brust des Vaters. Der Wind heult und pfeift in allen Spalten und Rissen der Wände. „Man mu^s für die Kinder etwas anfertigen lassen," unserbricht der Vater das Schweigen. „Zuerst müssen wir Mazzoth besorgen und dann Kleider für die Kinder." „Ich hoffe, Arbeit zu bekommen. Der Postinspektor will mir einige Bücher zum Binden geben, auch der Geistliche hat etwas bereit, ausserdem hab ich gehört, dass Reb Pinchas ein Amsterdamer „Schass" gekauft hat, welches er seinem künftigen Schwiegersohn als Pessachgabe schicken will. Vielleicht gibt ers mir zum Binden." „Vielleicht. Vielleicht gibt ers aber dem Feiwisch?44 „Und wenn auch. Feiwisch ist auch ein armer Jehudi, er braucht auch Arbeit." So weit ging der Altruismus meiner Mutter nicht. „Bist du ein reicher Mann, dass du für andere sorgen willst? Zuerst denke an dich und deine Kinder. Ich an deiner Stelle wäre schon zwanzigmal bei Beb Pinchas gewesen." „Wenn er mich rufen wird, werde ich gehen," erwidert der Vater gelassen. „Willst du vielleicht warfen, bis Reb Pinchas um dich einen Wagen schickt? Du grosser Mann! Kleinigkeit, Beinisch Buchbinder! Passt es ihm, zu Reb Pinchas zu gehen, um Arbeit zu bitten? Ach, dein Stolz wird uns noch an den Bettelstab brinsren." „Du kennst mich ja, Rachel, und weisst, dass ich nicht anders werde. Wozu dich aufregen und den Kindern den Schlaf stören?" „Das ist ja eben das (Jnglück, dass man dich niemals umstimmen kann. Ich sage dir, gehorche deiner Frau und gehe morgen zu Reb Pinchas ins Geschäft." „Wenn er mich braucht, kann er um mich schicken, denn er hat Gottlob Diener genug. Wenn er die Arbeit dem Feiwisch geben will, dann mag er sie ihm geben. Ich will keinem, Gott behüte, sein Brot wegnehmen. Sprechen wir nicht mehr davon.44 „Was willst du denn kaufen, und für wen?" „Zuerst, glaube ich, müsste man Stiefel fürLeibele anschaffen. Er geht barfuss." „Um Gottes willen, hör auf! Was dieser Mann im Kopfe hat! Die beiden älteren Mädchen haben Fetzen an, und nicht Kleider, und der kommt mir gar mit Sriefeln für Leibele. Wie kann ich da ruhig bleiben? Wenn ich die beiden armen Kinder ansehe, vergeht mir das Herz. Warum sollen sie schlimmer daran sein als andere. Solche neissige, arbeitsame Kinder. Ach, du lieber Gott! .... Die jüngere klagt wenigstens zuweilen, macht sich Luft im Kummer, aber die ältere trägt schweigend ihr bitteres Los, nur im verborgenen vergiesst sie heisse Tränen ..." Ein leises Jammern unterbricht diese Rede. Der Vater hustet stürmisch, da^s er keinen Atem holen kann. Der Wind tobt im Kamin, dass die Röhren erbeben und erklirren. Ich zitterte unter meiner leichten Decke und drückte mich an meinen kleinen Bruder, der mit mir das Lager teilt. Im Zimmer herrscht Schweigen. Einige Tage später begegnete meinem Vater, der mit mir aus «lern Bethause kam, Reb Pinchas. Dieser war einer der wohlhabensten Männer unseres Städtchens und sehr gelehrt. Alle seine freie Zeit verbrauhte er bei den heiligen Büchern. „Guten Morgen, Reb Beinisch!" grüsste Reb Pinchas. „Guten Morgen, gut Jahr!44 „Wie gehts Euch?" „Gott sei gedankt ..." „Habt Ihr genug Arbeit, Reb Beinisch?" „Gottlob, kann mich nicht beklagen." „Ihr seid wahrlich ein guter Jehudi, Reb Reinisch, und klafft niemals; das ist gut getan, sehr srut." Mein Vater antwortete nicht und wollte weitergehen. „Wartet doch ein wenig. Was eilt Ihr so? Es regnet ja nicht. Scheint, wir werden angenehmes Wetter zu Jomtow haben. Seht, wie schön der Tag ist." „Ja, sehr schön." „Wenn Ihr nicht zu sehr beschäftigt wäret, möchte ich Euch etwas Arbeit geben. Aber Ihr könntet wohl keine annehmen." „Ich kann welche annehmen," versetzte mein Vater einfach. „Ich werde es mir überlegen. Vielleicht gebe ich die Arbeit dem Feiwisch, wenn Ihr allzusehr beschäftigt seid," sagte Reb Pinchas und betrachtete meinen Vater aufmerksam. Aber mein Vater wurde nicht verwirrt, und Reb Pinchas fuhr fort: „Nun denn, so kommt heute abend zu mir und wir werden die Sache besprechen." Reb Pinchas entfernte sich, und ich hatte gerne Lust, den Vater zu fragen, ob ich nun Stiefel bekommen werde, wasrte es aber nicht. Es war seltsam. Meinen Vat^r liebte ich über alles in der Welt, es war meine grösste Wonne, sein breites Antlitz mit dem kurzen Bart zu betrachten, in dem ein tiefblaues, herzensgütUes Augenpaar leuchtete, über das sich die weisse, breite Stirn wölbte. Ich fühlte, dass auch er mich herzlich liebte und doch konnte ich mir niemals ein Herz fassen, etwas von ihm zu verlangen oder ihn mit Reden zu belästigen. Sein Handwerk verstand ich bereits aus dem Grunde und hatte dies auch bewiesen, indem ich mir das Chumesch, das ich zum Geschenke vom Vater bekam, selber eingebunden hatte. Doch ging ich noch in die Schule und durfte mich noch nicht mit Arbeiten beschäftigen. Zu Hause erzählte der Vater, dass Reb Pinchas ihn für den Abend bestellt habe, um ihm die Arbeit zu übertragen. „Siehst du, so wie du nur meinen Rat befolgt hast . . . Wenn du immer so wärest, das wäre unser Glück," sagte die Mutter triumphierend. Die arme Mutter! Sie kannte den Wert des Vaters und wusste ihn zu schätzen. In seiner Abwesenheit wurde sie nicht müde, seine edlen Herzenseigenschaften, seine Güte und Selbstlosigkeit zu preisen. Sie hegte für ihn eine Verehrung, wie für ein höheres Wesen. Aber der drückende Mansrel, das sorgenvolle Dasein, die stete Bangigkeit um den kommenden Tag drückten die arme Frau nieder und Hessen sie zuweilen, wider ihren Willen, gegen den Vater bitter werden. Aber er wusste, wie ihre Seele an ihm hing, und zürnte ihr niemals. Mein Vater war ein Mann von regen geistigen Interessen, ein Mann des Buchs, der nicht nur mit den Einbänden, sondern auch mit dem Inhalte der Bücher sich zu schaffen machte. Zuweilen fesselte irgend ein hebräisches Buch, das er gerade in der Arbeit hatte,

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